Laufen, Schauen, Denken

Sonntags Tagebuch

Eintragung vom 1. Februar 06

Aequilibris Training in Basel, ein Trainingsinstitut, das Ausdauer- und Krafttraining gleichermaßen präferiert, hat seine Kunden und seine Interessenten zu einem Abend über ein erfülltes Alter und die Wege dahin eingeladen. Das Thema ein wenig spektakulär formuliert: „Ewige Jugend oder Wege zum Supersenior?“ Glücklicherweise mit Fragezeichen. Denn als Supersenior fühle ich mich nicht im geringsten, zumal jetzt am allerwenigsten. Bei dem Abend am 31. Januar sollte ich als Beleg dafür dienen, daß man auch im Alter ambitioniert Sport treiben, in meinem Fall Marathon und Ultramarathon laufen kann. Patrik Meier, der Geschäftsführer von Aequilibris, gab die philosophische Basis – die Alten hatten wieder einmal Wesentliches gewußt. Dr. med. Antoinette Föhr-Keller beantwortete die Frage „Ist Altern beeinflußbar?“ Aber gewiß doch, wenngleich doch wohl am wenigsten durch Supplementierung. Der Psychiater Dr. med. Rolf Oberhänsli stellte das „Netzwerk Männermedizin“ vor – ein interessanter Ansatz und ganz im Trend liegend; der Gesundheitsmarkt hat den Mann, den heimlich leidenden, entdeckt. Dr. med. Marco Caimi befragte die Präventivmedizinerin Dr. med. Angela Reinhart, die Pädagogikstudentin Fiona Hefti, die als Miß Schweiz 2004/05 ein besonderes Verhältnis zur Schönheit hat, die Orientierungsläuferin und Weltmeisterin Simone Niggli-Luder und eben mich. Der Zeitpunkt war denkbar unglücklich. Ich konnte als fitter Neunundsiebziger, demnächst M-Achtziger, auftreten, aber nicht mehr als gesunder Senior.

Für eine Tagebuch-Eintragung könnte dieser Text als Streiflicht genügen. Doch ehe das große Rätseln einsetzt, weshalb einer sein Tagebuch zuklappt, muß ich in dieser letzten Eintragung auf eine unbestimmte Zeit ganz persönlich, noch persönlicher als sonst, werden. Vielleicht, wenn es mir vergönnt ist, es wieder aufzuschlagen, könnte ich zu Nutz und Frommen anderer eine Chronologie des Verlaufs schreiben. Ein Zahn griff in den anderen, unser Gesundheitssystem, auch wenn es teuer ist, kann so schlecht nicht sein. Der Hausarzt empfahl den Kardiologen, der Kardiologe das Herzzentrum, der Kardiologe, der den Herzkatheter setzte, die Herzchirurgie. Das alles ging dramatisch rasch, obwohl keine Gefahr im Verzug ist. Nun tauche ich ab in die Sterilität des Operationssaales. Ohne die Höchstbelastung beim Marathon – es war der Magdeburger am 23. Oktober, denn in Monaco und im Siebengebirge konnte ich wegen der Steigungen nicht am Anschlag laufen – hätte ich nichts gemerkt, bis es dann womöglich wie bei James Fixx zu spät gewesen wäre. Die Experten halten eine Bypaß-Operation für notwendig.

Ein Rückblick vor dem Gang in die Herzchirurgie schien mir – schon im Blick auf 309 Marathons und Ultramarathons – angebracht, ein Goethe-Zitat im Hinterkopf („Faust“ II: „Es sei, wie es wolle, es war doch so schön“). Doch, wenn ich recht überlege, ist Pathos nicht angebracht. Die zunächst überbordende Emotion weicht der Kontrolle des Verstandes. Das Erbe der Aufklärung sollten wir in Europa nicht in Mystik und Esoterik vertun, dazu ist es zu hart erarbeitet. Ich soll wieder Marathon laufen können. Der Prozeß dahin wird lehrreich sein; vielleicht, wenn ich ihn schildere, macht er anderen Mut.

Eintragung vom 28. Januar 06

Jährlich erscheint in der Schweiz ein repräsentativer Katalog wichtiger Laufveranstaltungen, „Swiss Runners“. Die Auswahl ist nicht zufällig; der Verein „Swiss Runners“ ist die Dachorganisation von 24 schweizerischen Laufveranstaltern, die von der Schweizerischen Post unterstützt wird.

Das im Januar jeden Jahres erscheinende Magazin ist jedoch durchaus als journalistisches Produkt zu bezeichnen, eine repräsentative Darstellung vom Bremgarter Reuss-Lauf über 10,5 Kilometer Ende Februar über die Bieler Lauftage und den Swiss Alpine Marathon bis zum Zürcher Silvesterlauf. Wie es heißt, erhält es jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer einer der Mitgliedsveranstaltungen zugeschickt. Zudem wird es „Fit for Life“ beigelegt. Da ich jährlich mindestens zweimal in der Schweiz gelaufen bin, habe auch ich es jedes Jahr erhalten. Das sollte dem Deutschen Leichtathletik-Verband einmal einfallen, Volkslaufteilnehmern den Volkslaufkalender unaufgefordert zuzuschicken! Selbst die Handvoll Laufjournalisten müßte, wenn nicht inzwischen die Informationen über Internet abzurufen wären, weiterhin einen frankierten Rückumschlag nach Darmstadt senden, um den gedruckten Volkslaufkalender zu erhalten.

Angesichts der Enthaltsamkeit des DLV im Hinblick auf den Volkssport war es geradezu eine Notwendigkeit, daß sich auch eine Anzahl deutscher Veranstalter zusammengeschlossen hat. „Swiss Runners“ erscheint in einer Auflage von 120000, das ist für ein Land von der Einwohnerzahl eines einzigen deutschen Bundeslandes eine ganze Menge. Auch in der Schweiz hat man jedoch offenbar Grund, über mangelnde Unterstützung des Volkssports zu klagen. Der Präsident von Swiss Runners, Erich Ogi, schreibt im Vorwort: „Rund 800.000 Menschen in der Schweiz joggen mindestens ein oder gar mehrmals pro Woche. Sie tun damit nicht nur etwas für ihre Fitneß. Sie leisten auch einen hundertmillionenfachen Beitrag zur Reduzierung der Kosten im Gesundheitswesen. Was Generika und Krankenkassenprämien kaum schaffen, nämlich etwas zur Verhinderung der Kostenexplosion in Sachen Gesundheit beizutragen, wird von Behörden und Politikern kaum wahrgenommen. Im Gegenteil, viele Laufveranstalter kämpfen gegen die von den Kommunen übertragenen Kosten. Statt von Verursacherprinzip sollte man im Falle der Laufbewegung besser vom Verhindererprinzip sprechen. Wer läuft, verhindert nämlich eine weitere Zunahme der ohnehin schon exorbitant hohen Gesundheitskosten in unserem Lande. Zugegeben – zum Laufen braucht es keine Running Events. Aber sind die rund 600 Veranstaltungen für die Läuferinnen und Läufer nicht so etwas wie das Salz in der Suppe? Und ist nicht oft auch die Teilnahme an einem Run der Beginn einer langen ,Freundschaft’ zum Laufen? Daneben bieten Lauf-Happenings nämlich auch Möglichkeiten für soziale Kontakte und viele schöne gemeinsame (Lauf)Erlebnisse.“ Ich wünschte mir, der Tenor dieses Vorworts von „Swiss Runners“ wäre auch einmal in Kommentaren deutscher Tageszeitungen erkennbar.

Eintragung vom 22. Januar 06

Schon immer einmal wollte ich mich darüber äußern, nach welchen Kriterien ich Laufveranstaltungen beurteile, und auch, wie dieses Tagebuch zu verstehen ist. Nach dem Winter-Vollmondmarathon in Hersbruck sehe ich einen aktuellen Anlaß dafür. Ich habe mich mit meiner kritischen Eintragung in Gegensatz zu anderen gesetzt, die dasselbe Ereignis gelobt, zum Teil hoch gelobt oder hochgelobt? haben.

Wer als Laufjournalist tätig ist – ich habe das Wort Anfang der achtziger Jahre geprägt, weil ich nicht fälschlicherweise als Sportjournalist bezeichnet werden wollte –, ist ein Rezensent wie alle anderen Rezensenten, zum Beispiel für Bücher oder für Filme. Kein Theaterkritiker möchte, wenn er eine Inszenierung „durchfallen“ läßt, daß nun das Theater geschlossen wird. Kein Filmkritiker, der einen Film verreißt, will die Leute daran hindern, weiterhin ins Kino zu gehen. Im Gegenteil, gerade die schärfsten Kritiker sind deshalb so scharf gewesen, weil sie das Theater oder das Kino so heiß liebten. Bei einem Autor wie Thomas Bernhard ist es nicht anders gewesen. Er hat Österreich und die Österreicher beschimpft, weil er an Österreich so tief gelitten hat. Warum befleißigen sich gerade gute Rezensenten ätzender Schärfe? Weil erst dabei die Schlagschatten sichtbar werden. Ein freundlicher Reich-Ranicki, der alle Neuerscheinungen mit Altersmilde betrachtete – undenkbar! Das ZDF hätte ihn bald als Langweiler heimgeschickt. Mein früherer Kollege Dr. Wolfram Schwinger von der „Stuttgarter Zeitung“, Musikwissenschaftler, schrieb eines Tages dermaßen profiliert über den Stuttgarter Opernbetrieb, daß man ihn als Operndirektor ans Große Haus holte. Ohne Siebeck wäre die deutsche Küche vermutlich widerstandslos zu Fast food abgeglitten. Rezensenten üben eine kulturelle Funktion aus, und große Geister haben sich ihr mit Leidenschaft unterzogen, Lessing mit der Hamburgischen Dramaturgie, Heinrich Heine, Theodor Fontane; der Gesellschaftskritiker Karl Kraus war bissig wie nur irgendeiner; Herbert Jhering und Alfred Kerr haben sich, wie immer man zu ihnen stehen mag, in den zwanziger Jahren in die Theatergeschichte eingeschrieben. Kurt Tucholskys Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in der Weimarer Republik sind, obwohl die Anlässe längst im Dunkel der Geschichte verschwunden sind, noch immer lesenswert.

Der Marathon ist zur sportlichen Kulturlandschaft geworden; zu den über 150 Marathon-Veranstaltungen in Deutschland kommen jährlich neue hinzu. Läufer haben die Auswahl, Laufjournalisten sollten es sich zur Aufgabe machen, ihnen dabei zu helfen, aber auch den Veranstaltern, sofern sie sich helfen lassen wollen. Schönreden hilft keinem weiter. Sportjournalisten auf der Tribüne oder im Pressewagen können zwar den Charakter eines Laufes erfassen und den Kampf der ersten schildern; aber sie wissen nicht, wie es sich im Hauptfeld oder gar am Schluß läuft. Sie können kein Urteil über die Organisation eines City-Marathons haben, wenn sie nicht gezielt Informationen bei Läufern des Haupt- und hinteren Feldes sammeln. Schon versuchen Veranstalter, mit eigenen Texten die Reaktionen zu steuern. Sicher, Mitleidige sehen gerade den Organisatoren kleiner Läufe alles nach, werden in ihnen doch Idealisten gesehen, die sich um den Laufsport verdient machen. Diese Haltung war sicher einmal berechtigt; doch inzwischen werden mit Marathons handfeste Interessen transportiert, und sei es, daß sich ein Veranstalter oder OK-Präsident profilieren möchte. Und – sind denn Läufer keine Idealisten?

Bei der Beurteilung des Vollmond-Marathons am 14. Januar 2006 sehe ich mich offensichtlich in der Minderheit. Das Gästebuch der Website strotzt von Lob. Das substantielle Kriterium einer Laufveranstaltung ist für mich, daß die Strecke stimmt, daß die korrekten Voraussetzungen der persönlichen Laufleistung geboten werden und ein korrekter Leistungsvergleich möglich ist. Für den Notfall muß vorgesorgt und, wo erforderlich, die Verkehrssicherung beachtet werden.

Ein Marathon muß nicht unbedingt 42 Kilometer messen, vor der Regelung nach dem London-Marathon 1908 und selbst danach noch gab es unterschiedliche Streckenlängen. Der Schwäbische-Alb-Marathon maß ursprünglich 44 Kilometer; man wollte ihn absichtlich von Straßenläufen absetzen. Nur müssen, wenn eine Ergebnisliste Sinn machen soll, alle dieselbe Strecke laufen. Man kann es nicht, wie geschehen, einzelnen überlassen, ob sie, wenn sie die Strecke unabsichtlich verlassen, dennoch nach Gutdünken ihre 42 Kilometer zusammenkriegen. Die Regel mag hart sein, aber sie ist sinnvoll: Wer von der Strecke abweicht, muß zu dem Punkt zurückkehren, an dem er sie verlassen hat. Bei einem Spartathlon wurde ich gestoppt, als ich etwa einen Kilometer in der falschen Richtung gelaufen war. Es gab keinen Pardon, keineswegs wurde ich den Kilometer zurückgefahren, ich mußte ihn laufen. Zu Recht, denn wenn ein Läufer im Auto sitzt, könnte keiner mehr entscheiden, ob er vorher korrekt gelaufen ist oder nicht.

Mangelhafte Streckenmarkierung war ein substantieller Mangel beim Vollmondmarathon, genauso wie damals beim ersten Marburger 100-Kilometer-Lauf. Zuverlässige Zeitnahme nach dem Stand der Technik läßt man sich etwas kosten; die Ausgabe wäre überflüssig, wenn die Meinung verbreitet wäre, es komme eh nicht so drauf an. Andere Mängel einer Veranstaltung gefährden nicht den läuferischen Erfolg, ausgenommen Getränkemangel. Wer das reichhaltige Verpflegungsangebot in die Waagschale wirft, muß sich fragen lassen, ob er denn zum Laufen oder zum Essen hergekommen sei. Dr. Willi Heepe, der Marathon-Arzt in Berlin, hält wie andere auch Wasser als Hydrierungsmittel für ausreichend. Allenfalls, daß wir, die wir lange unterwegs sind, unseren Kohlenhydratstoffwechsel durch ein Stück Banane wieder ankurbeln sollten. Wichtiger als gute Sachen unterwegs wäre gute Verpflegung am Ziel. Berlin muß nicht, wie jemand sich im Gästebuch vorstellt, von der Verpflegung beim Vollmondmarathon in Hersbruck träumen. Beim Ultramarathon sieht es etwas anders aus, da kann feste Verpflegung zum läuferischen Erfolg beitragen; beim Spartathlon und erst recht bei Mehrtage-Läufen ist sie substantieller Bestandteil des Laufangebots. Laue Duschen oder gar keine wie beim New York-Marathon, das ist mangelnder Komfort, mehr nicht.

Wie kommt es, daß sich beim Vollmondmarathon nur 7 Teilnehmer, wiewohl knapp 10 Prozent, verlaufen haben, jedenfalls soweit mir bisher bekannt? Die meisten brauchen bei einem Marathon gar keine Markierung, sie laufen einfach den anderen nach. Blickt man auf die Ergebnisliste, so erkennt man eine relativ starke homogene Verteilung der Einlaufzeiten, und wer auf diese Weise, in Sichtweite einen anderen Läufer vor sich, auf der ersten Runde korrekt gelaufen ist, von dem ist anzunehmen, daß er, selbst wenn er dann allein sein sollte, auch die zweite Runde meistert. Die ersten und die letzten hingegen sind auf stimmige Markierung angewiesen, der erste nicht einmal, denn ihm fährt ein Radfahrer voraus. Woanders kann sich der oder die letzte auf einen Besen-Radfahrer verlassen, ich habe keinen entdeckt. Typisch ist, daß sich selbst auf hervorragend markierten Strecken wie den 100 Kilometern von Biel oder dem Supermarathon des Rennsteiglaufs nach meiner Kenntnis nur die einsame Spitze verlaufen hat.

Ich fühle mich unzureichend informiert, mir hat niemand gesagt, daß ich allein auf Leuchtstäbchen, die bei Helligkeit nicht leuchten, zu achten hätte. Wenn man auf einer fremden Strecke Tafeln mit Pfeilen ausmacht, nimmt man als selbstverständlich an, daß sie dem Marathon gelten. Verkehrszeichen, die bei einer Straßenveranstaltung außer Kraft gesetzt sind, werden abgedeckt. Soweit hätte man nicht zu gehen brauchen, ein genereller Hinweis hätte genügt. Obwohl ich viel herumkomme, – Markierungen von Nordic-Walking-Strecken habe ich vordem nirgends gefunden. Ich mußte annehmen, daß die Tafeln dem Marathon dienen. Einen Wendepunkt, den man übersehen kann – purer Dilettantismus. Abgesehen davon, – auch Läufer sollte man nicht in Versuchung führen, auf einer unbeobachteten Wendepunktstrecke vorzeitig zu wenden – sie sind keine besseren Menschen. Eine Streckenkarte für den Vollmondmarathon – zappenduster.

Substantielle Mängel können durch Annehmlichkeiten nicht ausgeglichen werden. Die Beigaben – lächerlich. Udo hat mir übelgenommen, daß ich mich bei der Reklame eines Autohauses auf dem Laufhemd an meine drei Schrottautos jener beiden Marken erinnert fühle. Man muß zwischen journalistischen Darstellungsformen unterscheiden können. Ein Tagebuch ist immer und betont subjektiv. Günter Herburger fallen auf Marathons finnische Vokabeln ein, was er uns nicht vorenthält, und wohl auch gelegentlich, wenn er sich über einen Hund geärgert hat, wie wohlschmeckend Hunde seien, in Ländern, in denen man Hunde esse. Mir sind die Autos eingefallen. Den Rucksack habe ich liegen gelassen, im Dachverschlag meines Reihenhauses liegen sie zuhauf. Sie sind, ebenso wie Hüfttaschen, auch über ebay nicht absetzbar. Wer solche Reklamezugaben als Positivum eines Marathons hervorhebt, der hat nur noch zu wenig Marathons. Sollten die Zugaben auch nur zum Teil bezahlt worden sein, wäre das ökonomischer Unsinn. Die Startgebühr von 39 Euro entspricht der eines hochprofessionell organisierten Marathons. Im armen Görlitz, beim 3. Europamarathon, verlangen sie gar nur 20 Euro, – mit Hemd.

Eintragung am 15. Januar 06

Man muß wohl ziemlichen Humor haben, um den Charme dieser Veranstaltung zu begreifen, den Vollmondmarathon in Hersbruck, Winter-Edition. Leider muß ich bekennen, daß es mir offenbar an Humor gebricht.

Vollmondmarathon, das assoziiert „mondbeglänzte Zaubernacht“ nach dem Romantiker Ludwig Tieck. Doch ich habe am Samstag in Hersbruck falschen Zauber erlebt. Vollmond kann man nicht herbeiorganisieren. Ich denke, daß einer der Sponsoren, die Wolfshöher Privatbrauerei, mit ihrem Vollmondbier Pate gestanden hat. Die Brauerei bietet ein Spezialbier an, das jeden Monat zur Vollmondzeit gebraut wird. Fauler Zauber. Da dem Mond großer Einfluß zugeschrieben wird, wobei das Phänomen Ebbe und Flut als Beispiel dient, verbindet sich mit dem Vollmond eine Portion Magie.
Vollmondmarathon ohne Vollmond

Die Wissenschaft hat zwar keine Bestätigung für magische Kräfte des Vollmondes, aber ich gebe zu, daß ich bei Vollmond schlecht schlafe. Vielleicht hat das eine ganz simple Ursache: weil ich nämlich versäume, rechtzeitig den Rolladen herunterzulassen. Ein bei Vollmond gebrautes Bier, das hat etwas. Das kommt dem Hang zur Esoterik entgegen. Ich nehme an, daß das Vollmondbier zuerst da war; denn den Vollmondmarathon gibt es erst seit dem August 2004. Die Brauerei rühmt sich, Sponsor für 34 Vereine zu sein, und da ist in der Liste der Verein Vollmondmarathon nicht einmal mit angeführt. Mit der Romantik des Vollmondmarathons wäre es damit also nicht so weit her, er wird als Marketing-Instrument benützt. Das ist legal, mindert jedoch die Originalität der Idee.

Nach zwei sommerlichen Vollmondmarathons hat sich Martin Linek kurzfristig entschlossen, ein winterliches Pendant zu schaffen. Ich bin telefonisch gebeten worden zu kommen. Erst wollte ich nicht, weil ich wegen der Wegverhältnisse mehr Ruhetage eingelegt und beim Lauf auf der Hausrunde beträchtliche Gehstrecken eingelegt habe; doch die Verlockung, schon früh im Jahr einen Marathon zu laufen und gar noch in einer neuen Altersklasse, war stärker. Beim Marathon waren wir 77, dazu wohl noch ein paar, die Halbmarathon gelaufen sind. Thomas spendete im Gästebuch „großes Lob für die Winteredition. Die Orga fand ich viel besser als im Sommer 2004“. Schön für ihn, ich kann nur mit anderen Veranstaltungen vergleichen.

Ich finde, daß die Winteredition sichtbar mit heißer Nadel gestrickt war. Bei der Information fing es an. In der Ausschreibung hatte es geheißen, daß die Läufer mit neonfarbenen, selbstleuchtenden Armreifen ausgestattet würden, „die auch zur Streckenmarkierung verwendet werden“. Im Läuferbeutel lagen zwei dieser Leuchtspaghetti, nur nicht so flexibel. Es gelang mir nicht, die Stäbchen über dem Arm zu schließen, sie waren zu kurz. Übers Handgelenk hätten sie gepaßt, aber auch da kriegte ich die beiden Enden nicht zusammen. Eine Nebensächlichkeit, doch die Spaghetti sollten die Hauptsache bilden.
Markierung nachgestellt

Was wird nicht alles zur Streckenmarkierung verwendet? Absperrbänder, Tafeln, aufgemalte Pfeile, Lampen, warum nicht auch daneben die erwähnten Leuchtstäbchen? Doch es fehlte im Text der Hinweis „ausschließlich“. Denn als ich nach dem Start wie üblich das Feld aus den Augen verloren hatte, entdeckte ich ein rotes Täfelchen mit einem weißen Pfeil. Diesen Täfelchen folgte ich. Das war zum Teil richtig, aber eben nur zum Teil. Plötzlich merkte ich, daß ich zu rasch bei Kilometer 10 war, und hinter einer Brücke wies mich der Pfeil nach links und damit entfernte ich mich von der Strecke. Wundersamerweise führte mich aber die Markierung zum Ziel, das auf der ersten Runde zu passieren war, – nur eben viel zu früh. Eine Weisung nahm ich wörtlich, geradeaus sollte ich laufen, da lief ich an eine Straßenkreuzung. Zurück, und da erinnerte ich mich, daß wir abgebogen waren, ich hatte die Strecke wieder. Doch als ich auf der zweiten Runde an der Brücke wieder nach links abbiegen wollte, wurde ich vom Veranstalter aus dem Auto heraus angewiesen, nach rechts zu laufen, da seien doch die Leuchtstäbe. Jetzt erst erfuhr ich, daß ich mich ausschließlich nach den Leuchtstäben auf dem Boden zu richten hätte. Die kleinen Tafeln bezeichneten Nordic-Walking-Strecken; ich bin Walking-Markierungen zum erstenmal begegnet. Als es noch hell war – der Start fand um 15.17 Uhr statt, eine Stunde vor dem buchmäßigen Mondaufgang, – hatte ich überhaupt keine Stäbchen wahrgenommen. Eine Streckenkarte hatte ich nicht entdecken können. Offenbar ist dieser Lauf von hochintelligenten Individuen frequentiert worden. Nicht ganz – nachdem ich mich an einem Sanitätsauto nach der Fortsetzung der Strecke erkundigt hatte, kamen mir nach einer Weile zwei Läufer entgegen, da sei nichts mehr. Wir müßten zur Wegkreuzung zurücklaufen, da sei vielleicht der Wendepunkt, eben jener, den ich auf der ersten Runde nicht erreicht hatte. Und richtig, auf dem Boden lagen etliche Leuchtstäbe, wie zufällig gruppiert; doch man konnte nun ein aufgemaltes W erkennen. Wir hatten beim Laufen den Wendepunkt schlicht nicht wahrgenommen. Auf der ganzen Strecke durch die Pegnitzauen begegnete ich keinem einzigen Posten. Doch, halt, einem, nämlich bei Kilometer 38. Der bedeutete mir, ich solle über den Acker laufen auf das mit angeschalteten Scheinwerfern stehende Auto zu; geradeaus zu laufen würde in die Irre führen. Von Irre hatte ich ohnehin genug. Über den gefrorenen Acker zu laufen, war auch nicht übler als ein ziemlich langer Abschnitt über einen Feldweg mit unangenehmen Vertiefungen.

Der Meinung von Stefan im Gästebuch „Die Strecke fand ich recht langweilig“ schließe ich mich an; mag sein, daß der Vollmond, wenn er denn erschiene, sie adeln würde. Stefan behauptet, sie sei zu kurz, nämlich nach seinem GPS 40,52 Kilometer. Na also, die andern sind auch keinen Marathon gelaufen. Doch was zu wenig ist, ist zu wenig. Ich stoppte vor der Matte und schlängelte mich links an ihr vorbei, „Keine Wertung!“ heischend. Die Medaille nahm ich dankend, denn anderthalb Halbmarathon waren es ja wohl. Und auch Tee und Kuchen verschmähte ich nicht. Beides, eine Glasplakette statt einfallsloser Metallscheiben und der Stand mit Getränken und Kuchenbüfett, stelle ich auf die Positivseite. Obwohl ich die Matte nicht betreten hatte, stehe ich mit 4:06:27 in der Ergebnisliste.
Das Positive

Das soll mir erst einmal einer nachmachen. Lieber nicht. Ich habe jetzt mit Berichtigungen zu tun. Die Firma Bipchip, bei der ich reklamierte, belehrte mich, auch beim seitlichen Passieren würde ich von den Antennen erfaßt. Das war mir bisher unbekannt gewesen. Nun kann also der Zweite in der M 80 auf den ersten AK-Platz vorrücken, der ist laut Liste 86 Jahre alt und hat die Strecke in 4:19:18 zurückgelegt, und seien es auch nur 40, 5 Kilometer. Denn für 39 Euro Startgebühr bei zwei Runden mit zwei Verpflegungsständen kann man wenigstens bei der Streckenlänge etwas Entgegenkommen erwarten. Das im Preis inbegriffene Hemd werde ich nicht anziehen, es macht Reklame für einen Konzern, dem ich in 35 Jahren zwei Motorzerstörungen und eine Rostlaube verdanke (erst danach habe ich die Marke gewechselt, was bei meinem mutmaßlichen IQ nicht Wunder nimmt). Da ich so früh im Ziel war, hatte ich vor, mit dem Auto noch bis zum Wendepunkt zu fahren und dort dessen Andeutung zu fotografieren. Doch ich hatte die Schnauze voll, wie wir einfachen Leute sagen.

Eintragung vom 7. Januar 06

Katholischer war Deutschland nie – nicht nach der Zahl der katholisch Gläubigen oder zumindest Getauften, sondern im Hinblick auf die Aufmerksamkeit, die der katholischen Kirche geschenkt wird. Erst blickten auch die deutschen Medien auf das öffentliche Sterben und die Beisetzung des polnischen Papstes, dann überraschte sie die Wahl eines deutschen Papstes (vor der Papstwahl fragte mich Marianne: Wer wird es? Ich legte die Hand an den Mund und raunte: Ratzinger.... was als Scherz gedacht war, wurde von der Realität eingeholt). Der deutschstämmige Papst bleibt Gesprächsthema, was immer er tut oder unterläßt. Keine Werbeagentur hätte das besser hinkriegen können. Seit neuestem haben wir einen Benediktweg, nicht irgend einen Wald- und Wiesenpfad wie den der roten Gottlosen-Fakultät entlehnten inoffiziellen Ho-Chi-Minh-Pfad beim Hunderter in Biel, nein, der Benediktweg ist eine 224 Kilometer lange Touristikroute „auf den Spuren von Papst Benedikt XVI. zwischen Inn und Salzach“.

Sie führt von Altötting, dem 500 Jahre alten Wallfahrtsort – Jahresdurchsatz eine Million Pilger – nach wohin? Nach Marktl – den Namen hat man sich inzwischen gemerkt. Die nächsten Stationen: Burghausen, Tittmoning, Waging am See, an dem es noch immer nicht liegt (aber ein frühes Reiseunternehmen hatte den Ort an den See verlegt, weil die Leute nach Wasser verlangten), Traunstein, dann Chieming, das wirklich am Chiemsee liegt. Von da wieder nordwärts nach Wasserburg am Inn und nach Aschau, von der Retortenstadt Waldkraiburg über Mühldorf zurück nach Altötting.
verlinkt zu großem Plan

Dabei berührt man ehrwürdige Kirchen und Klöster, Baudenkmale und historische Bauensembles, und da anzunehmen ist, daß der Knabe Joseph Ratzinger durch diese Region geprägt worden ist, läßt sich die Namenswahl rechtfertigen. Altötting wird der Papst auf seiner Reise vom 10. bis zum 15. September nach Bayern besuchen. Die Route ist fürs Fahrrad ausgelegt, auch für Kinder geeignet, wie die Tourismusgemeinschaft Inn-Salzach betont. Die Karte 1:100 000 liegt schon bereit, für Auswärtige „Carta delle escursione con pista ciclabile“. Auf ihr sind auch Exkursionsabstecher zu Stätten eingezeichnet, die von der Route nicht berührt werden, aber nach Meinung der Touristiker thematisch lohnen, darunter auch zum Aussichtspunkt Ratzinger Höhe. Wird der jetzt umgetauft, da es den Kardinal Ratzinger nicht mehr gibt? Es lohnt eben doch, sich mit Orthographie zu befassen, die Ratzinger Höhe ist keine Ratzinger-Höhe, sondern nach dem Weiler Ratzing benannt. Bad Füssing – Thermenmarathon! – wird nicht einbezogen, da fehlen noch drei Dutzend Kilometer, glücklicherweise auch nicht Braunau am Inn, denn das könnten britische Blätter, sofern sie mit dem Namen Adolf Schicklgruber etwas anfangen können, gründlich mißverstehen.

Der Bezug zum Laufen läßt sich herstellen, auch wenn Laufen bei Oberndorf außen vor bleibt. Wo man mit dem Rad fahren kann, müßte man doch auch laufen können? 224 Kilometer – das wären drei Ultraläufe als Vorbereitung zu einem Deutschlandlauf oder zum Isarrun. Bußfertige – können auch Spartathlon-Aspiranten sein – sollten es mit einem 36- Stunden-Lauf versuchen. Es gibt unterwegs Gelegenheit genug, himmlischen Beistand herbeizuflehen, zum Beispiel nach 76 Kilometern bei Mariä Heimsuchung.

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