Ultimative Ausdauer

 

Fleisch statt Nudeln. Von bösen Kohlenhydraten und optimalen Eiweißen. Autor Sisson empfiehlt Paleoprinzip für bestmögliche Ausdauer. Nicht immer drin, was draufsteht.

Anzuzeigen ist ein neues, umfangreiches Buch mit dem Titel "Ultimative Ausdauer", das im September im Narayana Verlag auf Deutsch erschien, nachdem es ein Jahr zuvor im englischen Original das Licht der Welt erblickte. Geschrieben hat es hauptsächlich der US-amerikanische Athlet und Autor Mark Sisson (Jahrgang 1953), dem assistiert wurde von Brad Kearns (Jahrgang 1964). Beide sind ehemalige Leistungssportler und hatten vor Jahrzehnten große Erfolge vor allem als Profitriathleten.

In späteren Jahren trat Sisson als Publizist von Ernährungsbüchern und "Erfinder" des von ihm so genannten Primalprinzips in Erscheinung. Sein "The Primal Blueprint Cookbook" traf in den USA den Nerv der Zeit mit dem Wunsch nach einer natürlichen Ernährung, denn es verkaufte sich über eine halbe Million Mal. Sisson wurde damit zu einem Guru für eine gesündere, ursprüngliche Lebensweise und zu einem Vorreiter in diesem Bereich auch für Breiten- und Leistungssportler. Doch was beinhaltet eigentlich das von ihm protegierte Primalprinzip?

Gedanklich knüpft das Primalprinzip als Ernährungskonzept an das zumindest in Deutschland bekanntere Paleoprinzip an. Im Kern besagt dies, dass sich der moderne Mensch wieder so ernähren soll wie der Mensch in der Altsteinzeit, also des Paläolithikums (daher auch der Name). Denn sein Körper, vor allem der Magen- und Darmtrakt, so die Annahme, habe sich seither kaum verändert und würde sich nach wie vor bestens eignen für die urzeitlich eingenommenen - eiweißhaltige - Speisen. Das sind vor allem Fleisch (bevorzugt von Wildtieren), Fisch, Gemüse, Obst, Eier, Pilze, Nüsse und Honig. Im Gegensatz dazu lehnt das Paleoprinzip industriell aufwendig verarbeitete, kohlenhydratlastige Nahrung ab, für die der heutige Mensch genetisch nicht prädestiniert sei. Auf der Verbotsliste stehen deshalb vor allem aus Getreide gewonnene Produkte wie Brot oder Nudeln. Auch Milch und Milchprodukte, Zucker, Alkohol und Fertiggerichte sind tabu sowie gewisse andere technisch verarbeitete Lebensmittel und Öle. Der weitgehend einzige wesentliche Unterschied zwischen Primal- und Paleoprinzip liegt darin, dass das Paleoprinzip Kohlenhydrate gänzlich verbietet, das Primalprinzip aber geringe Mengen zulässt, vor allem nach harten Trainingseinheiten. In "Ultimative Ausdauer" versucht Sisson nun, das im "Blueprint Kochbuch" entwickelte Primalprinzip für den Ausdauersportler nutzbar zu machen.

Das geht unmittelbar auch aus dem englischen Titel hervor, der schlicht "Primal endurance" lautet, was man vielleicht (wie im Inneren des Buches) mit "natürliche Ausdauer" übersetzen könnte. In der deutschen Ausgabe hingegen ist von ultimativer, also nicht mehr steigerungsfähiger, absoluter Ausdauer die Rede, ein Titel, der mehr verspricht als er halten kann und den der Autor so nicht im Sinne hatte. Die Irritationen gehen im Untertitel weiter: da ist vom Schnellerwerden mit weniger Training die Rede und von der Empfehlung, intuitiv zu trainieren (im Gegensatz zu systematisch). Auch davon ist auf der Titelseite des Originals keine Rede. Zuletzt hat der deutsche Verlag an hervorgehobener und grell unterlegter Stelle auf dem Deckblatt den Hinweis "Nach dem Paleo-Prinzip" hinzugesetzt, obwohl im Inneren immer vom Primalprinzip die Rede ist. Letzteres wohl geschehen mit Blick auf den deutschen Leser, dem das Primalprinzip nicht so geläufig ist wie dem amerikanischen.

Wer das Buch in der Erwartung kauft, einen systematischen Trainingsratgeber zum Erwerb höherer Ausdauerfähigkeit zu bekommen, wird vielleicht eine Enttäuschung erleben, denn das bieten die Ausführungen Sissons in der Hauptsache nicht. Statt dessen wird er einen ausführlichen Appell finden zu einer kompletten und im Detail mühevoll zu realisierenden Ernährungsumstellung, die im Nachgang auch zu einem besseren physischen Wohlbefinden, zu weniger Körperfett, einer ansehnlicheren Figur und mehr Gelassenheit im Training führen wird, so die Versprechungen.

Dem bisherigen konventionellen Ansatz (KA) einer Ernährungs- und Trainingsgestaltung stellt Sisson im Zentrum seiner Überlegungen seinen natürlichen Ansatz (NA) entgegen. Bei der Ernährung heißt dies, die Kohlenhydrate weitgehend wegzulassen und durch Nahrung nach dem Primalprinzip zu ersetzen. Bei der Art zu trainieren, rät Sisson zu einer individuellen und intuitiven Gestaltung mit einem gesunden Ausgleich von Be- und Entlastung. Man soll wegkommen von der sklavischen Abarbeitung klar getakteter Trainingspläne und der Hörigkeit gegenüber dem Coach. Eine Mischung von hoch intensiven und langen, ausdauernden Einheit, wie sie meist praktiziert werden, kann er nicht empfehlen, gleichsam nicht eine Systematisierung im Wochenrhythmus. Vielmehr sei das eigene Körpergefühl zu befragen, was im Moment für einen richtig wäre. Bezüglich des Krafttrainings ist seine Aussage eindeutig: "Du trainierst entweder explosiv oder gar nicht. Dein Training besteht aus kurzen, intensiven funktionalen Ganzkörperübungen." Keinesfalls soll man beim Krafttraining Kraft und Ausdauer in einem Mischansatz bevorzugen. Schließlich will Sisson beim Schuhwerk weg von stabilen und gepolsterten Laufschuhen und hin zum Barfußlaufen. Insgesamt lautet sein Credo: "Zum Aufbau natürlicher Ausdauer musst du offen bleiben und das Training als ständiges Experiment betrachten. Das ist die beste Art, um mit diesem neuen Ansatz durchschlagende Erfolge zu feiern." Und: "Echte Quantensprünge in der sportlichen Entwicklung stellen sich oft erst dann ein, wenn der Betreffende eine Zeit lang sowohl die Kilometerzahl als auch die Intensität senkt." (!)

Fazit: Wer aus dem Buch Nutzen ziehen will, der muss bereit sein, sich der hier verbreiteten Trainingsphilosophie, der Trainingsweltanschauung, vollkommen anzuschließen. Von jeglicher Trainingssystematik muss er Abstand nehmen und voll der eigenen Intuition vertrauen. Außerdem ist erforderlich, die Mühen und Umständlichkeiten nicht zu scheuen, die bei der ständig zu kontrollierenden Umsetzung des Primalprinzips anfallen: beim Einkaufen auf dem Bauernhof, bei der Zubereitung zu Hause, beim Restaurantbesuch.

"Ultimative Ausdauer" bedient ein aktuelles, aber auch modisches Thema, das eine natürliche Ernährung propagiert, aber damit eine ursprüngliche, längst vergangene meint. Vegetarier und Veganer werden unter "natürlich" etwas anderes verstehen, als Fleisch und Fisch zur Grundlage eines Speiseplans zu machen. Die Methode einer intuitiven Trainingsgestaltung mag in Einzelfällen empfehlenswert sein, die meisten Laufsportler bedürfen aber eines klar geregelten Trainingsplans mit genauer Terminierung und Nennung eines Trainingsziels. Das ist Konsens in der Trainingswissenschaft. Beim Lesen des Buches kann man zuweilen den Eindruck gewinnen, dass sich der Autor Elemente aus verschiedenen Ansätzen herausfischt, modifiziert und zu einem eigenen Süppchen verrührt hat. So tauchen durchaus aus anderen Ansätzen bekannte Dinge auf, wie etwa das richtige Verhältnis von Be- und Entlastung, Lowcarb-Methode, natural Running, High-intensity-Training usw. An anderen Stellen gibt es Widersprüche: obwohl Sisson Wochenpläne ablehnt, gibt er im Anhang Periodisierungen für ein Ganzjahrestraining im Wochenrhythmus vor, als Gegner von Trainingsmischformen sind seine Vorschläge beim Krafttraining durchaus eine Mixedmethode von intensiven, gewichtslastigen Workouts im Wechsel mit langsamen, gewichtsarmen Einheiten.

Insgesamt hat man den Eindruck, dass Sisson in erster Linie ein aktuelles Lebensgefühl bedient und weniger ein Bedürfnis des Sportlers nach Trainingshilfen. Die Ausgangsfrage dürfte bei ihm gelautet haben, wie kann ich meinen Body bestmöglich formen, wie komme ich zu einem perfekten Körper, und nicht, wie kann ich mich sportlich verbessern. Die Vielzahl von Abbildungen von Menschen mit gestählten Leibern (manchmal in Bodybilderpose) verstärkt diesen Eindruck durchaus noch zusätzlich.

Gelesen und besprochen von Michael Schardt

Mark Sisson / Brad Kearns: Ultimative Ausdauer. Werde schneller mit weniger Training. Werfe den Fettverbrennungs-Turbo an. Trainiere intuitiv. Reduziere Stress und hab mehr Spaß. Kandern: Unimedica im Narayana Verlag 2017, 371 S., Großformat, Klappenbroschur 29,80 €, ISBN: 978-3-946566-62-5

 

Hubert Karl: Lebens Prinzip Bewegung - Wege und Umwege eines Läufers

Hubert Karl gehört zu den großen deutschen Ultramarathonläufern. Nicht unbedingt aufgrund von Meistertiteln oder Rekorden - auch wenn er davon einige aufweisen kann - vielmehr weil seine Laufvita eine Konstanz und Beständigkeit aufweist, wie sie in der Ultralaufszene selten zu finden ist. Seit mehr als 30 Jahren läuft er, seine besondere Leidenschaft ist der Ultramarathon, im Laufe seines Lebens hat er mehr als 100 Läufe erfolgreich absolviert, wobei sich früh seine Leidenschaft und Begabung für Etappenrennen und Läufen mit mehr als 100 km manifestierte.

Einen besonderen Platz nimmt der Spartathlon ein, ein Nonstop-Rennen von Athen nach Sparta über 245 km, das den Spuren des griechischen Botenläufers Pheidippides folgt und innerhalb von 36 h bewältigt werden muss. Schon relativ früh in seiner Laufkarriere beendete er diesen Lauf erfolgreich und er wurde seine Passion.

Seit 2011 führt er die Liste der Teilnehmer mit den meisten Zielankünften an, im vergangenen Jahr hat er den Spartathlon, der längst zu den renommiertesten und gleichzeitig schwierigsten Ultrarennen weltweit zählt, als bislang erster Läufer zum 20. Mal erfolgreich beendet.

2003 hat Hubert Karl das Laufen auch zu seinem Beruf gemacht, als diplomierter Lauftherapeut leitet er inzwischen seine eigene Laufschule, vermittelt seine Kenntnisse und Erfahrungen in Seminaren und motiviert Menschen durch Vorträge.

Seine Erlebnisse und Erfahrungen hat er nun in einem Buch niedergeschrieben. Laufbücher gibt es inzwischen wie Sand am Meer, meist ist das Endprodukt entweder ein Trainingsbuch, ein Ratgeber oder biografisch gestaltet. Hubert Karls Buch dagegen vereint mehrere Komponenten. Es ist natürlich in erster Linie eine Biografie des Läufers, oder, wie Werner Sonntag es in seinem Vorwort treffend beschreibt, eine Bilanz, die sehr detailliert und ehrlich ausfällt. Darüber hinaus ist es aber auch ein Ratgeber und Nachschlagewerk, das durch zahlreiche Einwürfe und Aspekte sowohl für den Einsteiger als auch für den erfahrenen Ultraläufer interessant ist. Gleichzeitig gibt das Buch Antworten auf alle relevanten Fragen zum Ultramarathon.

Lebens Prinzip Bewegung - jeder Begriff kann für sich allein stehen, zusammen gelesen wird sofort deutlich, weswegen der Autor diesen Titel gewählt hat. Für ihn ist Bewegung während seines Lebens zu einem Lebensprinzip geworden, vor allem das Laufen.
Hubert Karl nimmt den Leser auf insgesamt 380 Seiten mit auf seine Lebensreise, wobei er jedes Laufjahr chronologisch in jeweils einem Kapitel zusammenfasst. Damit hat er geschickt die Problematik einer möglichen Überladung bzw. Ermüdung des Lesers umgangen, die Einteilung in Lauf-Jahreskapitel macht es leicht, ein Kapitel zu überspringen und später wieder einzusteigen. Einiges ist nur kurz und knapp erwähnt bzw. zusammengefasst, während die größeren Herausforderungen und Läufe, die für ihn mit besonderen Erlebnissen verbunden sind, ausführlich geschildert werden und den Leser so direkt teilhaben lässt an seinen Erlebnissen und Erfahrungen.

Großen Raum nimmt der Spartathlon ein, detailliert und fesselnd erzählt er von seiner ersten Teilnahme, damals noch gemeinsam mit Werner Sonntag. Darüber hinaus berichtet er ausführlich von den besonderen, herausragenden Läufen wie beispielsweise dem traditionsreichen Sakura Michi oder dem Peace Run (Japan), dem renommierten Badwater (USA), die Querung der Insel La Reúnion oder einem Spendenetappenrennen in den Anden.

Es ist eine Bilanz des Erreichten, Erlebten, eine Lebensgeschichte von Erfolgen, aber auch eine selbstkritische Reflektion der (wenigen) Niederlagen.

Diese Bilanz wird ergänzt und gleichzeitig aufgelockert durch zahlreiche Kapitel bzw. Einschübe, die alle wesentlichen Themen rund um das Laufen behandeln: gesunde Ernährung, Fragen rund um den Laufstil, Ausrüstung, Training und Methodik, grundlegende Informationen zu Muskulatur und Bewegungsapparat, Verletzungen, die Frage nach dem Sport im Alter und vieles mehr.

Diese Kapitel vermitteln knapp und präzise Grundlagenwissen, ergänzt durch individuelle Erfahrungen und Erkenntnisse, wobei schnell deutlich wird, dass sich der Autor intensiv und umfassend mit der Thematik auseinandergesetzt hat und über ein fundiertes Wissen verfügt.

Obwohl viele Anregungen zu Training und Wettkampf, auch Wettkampfverhalten und Ernährung enthalten sind, ist es dennoch kein Trainingsbuch. Hubert Karl gibt Einblicke, wie er trainiert hat und womit er gute Erfahrungen gemacht hat, überlässt eine Beurteilung aber dem Leser.

Kurzweilig, interessant, lesefreundlich, damit kann man das Buch kurz und knapp beschreiben. Vor allem aber hebt es sich ab durch einen erfrischend ehrlichen und gleichzeitig sehr guten Schreibstil, wie er gerade heute nur noch selten anzutreffen ist. Es ist eine Lektüre, die nicht nur Läufern, sondern auch dem interessierten Leser uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Ich habe lange kein Laufbuch gelesen, das mich so angesprochen hat. Vielleicht nicht zuletzt auch deshalb, weil ich viele Aspekte meiner eigenen Lauf- und Trainingsphilosophie wiedererkannt habe. In wenigen Wochen steht Hubert Karl wieder in Athen an der Startlinie, um seinen 21. Spartathlon zu bestreiten und ich freue mich, ihn dort zu treffen.

Gelesen und besprochen von Antje Krause

Hubert Karl: lebens prinzip bewegung - Wege und Umwege eines Läufers
Hardcover: 352 Seiten, 1. Auflage (Dezember 2016), Preis: 29,95 € zzgl. Versandkosten (Deutschland 4,90 €, EU 5,90 €) ISBN: 978-3-00-054451-4

Nichts für Hobbyläufer und Lauftreffleiter

Ein neues Buch erklärt, wie Spitzenleistungen im Langstreckenlauf durch systematischen Leistungsaufbau möglich werden.

 

Es ist ein opulentes Werk, das hier anzuzeigen ist - 480 Seiten stark, mit 97 Fotos, 38 Abbildungen und 204 Tabellen versehen, durchgängig farbig gedruckt und im Großformat gefertigt. Es verspricht im Untertitel "Leistungssteigerung mit System" für Langdistanz- und Marathonläufer. Verfasst hat es der Lauftrainer und Sportwissenschaftler Frank Hennig, 51 Jahre alt, der unter anderem von 2007 bis 2011 die Leichtathletikabteilung des SC DHfK Leipzig führte und aktuell Trainer des LAZ Leipzig ist. Er trainierte einige Athleten der erweiterten deutschen Spitze und beschäftigt sich zudem mit den Themen Präventionssport, Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung sowie Laufanalyse. Darüber hinaus hält er Vorträge und gibt Seminare.

Mit seiner Publikation möchte Hennig "leistungsorientierte Läufer und Triathleten ebenso ansprechen wie Trainer und Sportwissenschaftler", heißt es im Vorwort, um ihnen ein "systematisches Konzept zur Entwicklung von Spitzenleistungen im Langstreckenlauf bzw. Marathonlauf" vorzulegen. Es gehe um einen systematischen und langfristigen Leistungsaufbau, um Athleten auf das Niveau internationaler Meisterschaften zu heben, so der Autor weiter. Das Buch sei ein Versuch, eine Brücke zwischen sportwissenschaftlicher Abhandlung und praktischem Ratgeber zu schlagen. Für seine Analyse verwertete er überwiegend Daten aus "früheren leistungssportlichen Zeiten ..., Diplomarbeiten verschiedener DDR-Leistungssportler, Studienmaterialien der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (Leipzig)", Lehrmaterialien des DLV sowie die eigene Diplomarbeit und eigene Trainererfahrung aus.

Zu Beginn seiner Darstellung klärt Hennig die Schnelligkeitsvoraussetzungen für Langstreckler in den Unterdistanzen. Dazu zieht er unterschiedliche Daten heran, Weltrekorde, Normen, Kaderrichtwerte für unterschiedliche Distanzen und Altersklassen für Männer und Frauen. Im Kapitel 3 (Kraftfähigkeiten), 4 (Ausdauerfähigkeit) und 5 (Aerob-Anerobe Voraussetzungen) setzt er sich mit zentralen Voraussetzungen des Athleten und deren Trainierbarkeit auseinander. Thematisiert werden etwa Schrittlänge und -frequenz, Sauerstoffaufnahme und die Geschwindigkeitsbereiche des Trainings. Dabei hält er die übliche Differenzierung nach GA1 und GA2 für nicht ausreichend und schlägt "zwingend" ein Dreistufenmodell vor. In dem Zusammenhang diskutiert der Autor unterschiedliche Trainingsformen (Intervalle, Tempoläufe, Fahrtspiel). Weitere Kapitel (6 bis 9) widmen sich dem Höhentraining, dem Klimatraining und Besonderheiten des Lauftrainings für den Marathon und bei Frauen.

Recht zentral in der Abhandlung steht das Kapitel zehn, in dem der Autor vier der seiner Meinung nach fundamentalsten Trainingssysteme referiert und auf ihre Brauchbarkeit untersucht, die von Arthur Lydiard, Waldemar Cierpinski, Renato Canova und Arne Gabius. Dem folgen zwei umfangreiche Kapitel über Trainingsteuerung (11) und Trainingsplanung (12), bevor auf über 100 Seiten ein Tabellenteil (13) folgt mit differenzierten Trainingsplänen für Hochleistungssportler. Die letzten drei eher kurzen Kapitel widmen sich alternativen Trainingsformen (14) wie Aquajogging oder Inlinern, der Verletzungsprophylaxe (15) und der Ernährung (16). Im Anhang finden sich das Literaturverzeichnis, einige weitere Tabellen sowie vom Autor entwickelte Zielzeitrechner, die auf Unterdistanzzeiten basieren.

Es ist keine Frage, dass der Autor weiß, wovon er spricht, dass er in der Materie zu Hause ist. Er hat ein Buch vorgelegt, dessen Zielgruppe sehr klein ist und sich vor allem an Spezialisten im Langstreckentraining richtet, an engagierte Trainer im Leistungssport (Erwachsene und Jugendliche), an ambitionierte Langstreckler, die bereit sind, sich mit differenzierten Sachverhalten und komplizierten Auswertungen ihres eigenen Trainings auseinanderzusetzen und an Sportwissenschaftler mit Schwerpunkt Ausdauersport.

Diese Rezipientengruppe wird das Buch im Detail sicher viele Anregungen zur Gestaltung des Trainingsaufbaus auch dann geben, wenn der Einzelne mit einigen entwickelten Vorstellungen des Autors nicht übereinstimmt und beispielsweise sein Dreistufenmodell im Geschwindigkeitsbereich nicht übernehmen möchte. Günstig hier sicher, dass die Theorie und die technisch-medizinische (Laktat, Vmax, Herzfrequenz) Spezifikation des Trainings immer in Bezug zur Trainingspraxis und zur eigenen Trainingserfahrung gesetzt wird. So trägt Frank Hennig Vorgänge aus seinen Trainingsgruppen vor, etwa im Zusammenhang bei der Vorbereitung seines Schützlings Jakob Stiller im Vorfeld seiner deutschen 10.000-m-Vizemeisterschaft 2015 oder dem Trainingsfrust seiner Läuferin Laura Clart, die trotz der Umsetzung aller Vorgaben in einem Jahr keine entsprechenden Fortschritte machen konnte.

Ein Lesebuch ist Hennigs Werk nicht, aber ein vielversprechendes, auf langfristige Erfolge zielendes Arbeitsbuch. Man wird ihm Kapitel- oder Themenweise mit Textmarker, Bleistift und Notizblock zu Leibe rücken und akribisch die Geschwindigkeits- und anderen Tabellen in den unterschiedlichen Trainingsphasen ein ums andere Mal studieren. Außerdem dürften einige Thesen und Gedankengänge Anregungen für fachliche Diskussionen geben.

Einen weitgehend homogenen Eindruck gewinnt man nach der Lektüre jedoch nicht. Zum einen liegt das an der Materialbasis. Während die Basisdaten aus der Zeit vor der Wende (sämtliche auf DDR-Archive oder DDR-Publikationen zurückgehend) sehr dicht und umfangreich sind, bleiben sie für die Zeit nach 1990 eher spärlich und manchmal sogar zufällig. Etwa wenn der Autor im Internet auf veröffentlichte Versuchsreihen von Arne Gabius stößt, die zudem nicht die Charakteristika erfüllen, die die anderen Materialien haben (Häufigkeit, Dauer). Das wird vermutlich daran liegen, dass wichtige Kapitel des Buches (bis Kapitel 10) auf des Autors eigener Diplomarbeit beruhen, die vor über einem Vierteljahrhundert, 1990, erstellt wurde und aus der eigentlich noch eine Dissertation erwachsen sollte, die aber nicht zustande kam.

Etwas aus dem Rahmen einer intensiv Daten und Zahlen gestützten Argumentation fallen einige eher "erzählende" Kapitel, wie etwa das zum Klimatraining, in dem sogar günstige Trainingsorte in der Toskana oder Portugal empfohlen und mit Fotos illustriert werden. Die Kapitel zur Ernährung, zum Alternativtraining und zur Vorbeugung von Verletzungen passen nicht recht zum Ganzen und wirken nicht wie eine gelungene Abrundung, sondern eher wie eine vom Lektorat auferlegte Pflichtübung, um doch ein etwas breiteres Publikum anzusprechen.

Gelesen und besprochen von Michael Schardt

Frank Hennig: Marathon & Langdistanz. Leistungssteigerung mit System. Aachen: Meyer & Meyer Verlag `17, 480 S., Klappenbroschur 36.- €, ISBN: 978-3-89899-925-0

Ultraläufe, die keine sind

 

Repräsentative Bände wie dieser markieren in dem kaum noch zu überblickenden Markt der Laufbücher eine neue Qualität. Eine Laufdisziplin, die in den siebziger Jahren verspottet wurde, ja, nach Fachverbandsnormen Mitte der achtziger Jahre es noch gar nicht gab, erhält über dreißig Jahre nach der ersten einschlägigen deutschen Buchveröffentlichung einen ebenso genußreichen wie informativen Bildband, den zweiten (der erste deutschsprachige zu diesem Thema ist vor einem Jahr erschienen). Der vorliegende Band ist eine Übersetzung. Aus der Übertragung ergeben sich für die deutsche Ausgabe (eine spanische und eine italienische Ausgabe erscheinen ebenfalls) zwei Probleme – davon später.

Zunächst das Positive.

Ian Corless ist ein erfahrener Photo-Spezialist, einer von denjenigen, die das ausüben, was sie photographieren, nämlich Ultra-, Trail-und Bergläufe. Ursprünglich kam er vom Radsport her, wandte sich dann dem Laufen zu, vornehmlich Disziplinen, die sich gerade erst entwickelten, und fand damit sein berufliches Spezialgebiet als Photo- und Text-Autor. Seit etwa 25 Jahren ist er bei Veranstaltungen unterwegs, solchen, über die in den Medien gemeinhin nicht berichtet wird, denen sich jedoch – entgegen der Tendenz beim Straßen-Marathon – immer mehr Läufer zuwenden. Dennoch, es ist noch eine Minderheit. Dafür sorgen die anspruchsvollen Streckenführungen. Auf den Aufnahmen von Ian Corless wird man ziemlich selten Läuferfelder sehen, wenngleich es sie, wie sich versteht, in kleinerem Umfang, auf jeden Fall beim Start, gibt.

Motiv ist überwiegend – nicht nur bei Corless – der einzelne Läufer, die einzelne Läuferin in der Landschaft. Da wird sichtbar, wie Menschen auf die Natur, meistens gewaltige Berglandschaften, reagieren – entschlossen, voller Anspannung, kämpfend, ernst, nachdenklich; wenn „es“ läuft, gelöst, lächelnd. Ich kann mir vorstellen, daß dies auch für Betrachter, die nicht laufen, einen Spannungsbogen darstellt. Wer läuft, fühlt sich mitgerissen. Die Ästhetik der Bilder hat Aufforderungscharakter. Selbst wenn der Band keine Zielgruppe hätte, – die Bildmotive sprechen an.

Die Arbeit von Ian Corless verdient hohen Respekt. Die Aufnahmestandpunkte wollen erwandert, erlaufen oder erklettert sein, und dies mit einer schweren Spiegelreflex. Das Wetter muß passen, und ein Läufer sollte bald in Sicht sein.

Zur Emotion der Betrachter kommt für Läufer die Information. Die Beschreibungen der Laufveranstaltungen enthalten zahlreiche Zitate von Teilnehmern, insbesondere solchen, die sich einen Namen gemacht haben. Info-Kästen geben die Streckenführung und das Höhenprofil wieder, dazu Distanz, Terrain-Art, Höhenmeter, die schnellste Zeit, den höchsten Punkt.

Auch ein Spezialist kann nicht überall sein. Ian Corless ist Engländer und scheint eine Vorliebe für Spanien zu haben. Seine Auswahl der 35 Veranstaltungen ist subjektiv. Das mag man ihm zugestehen; aber die deutsche Ausgabe schafft ein Kriterium, das der Band nicht erfüllt. Unter dem Titel „Ultraläufe“ sind sechs Läufe beschrieben, die keine Ultraläufe sind. Corless ist korrekt; der Originaltitel lautet „Running beyond – Epic ultra, trail and skyrunning races”. Das deutsche Lektorat macht daraus “Ultraläufe. Die härtesten Rennen der Welt“. Was noch nicht einmal Marathonlänge hat, ist kein Ultramarathon. Der beginnt in der Praxis bei 50 Kilometern.

Superlative wie der deutsche Untertitel sind meist fragwürdig. Der Lauf Sierre – Zinal im Wallis zum Beispiel hat eine Wanderklasse, das heißt, die Laufstrecke kann ohne Zeitnahme auch erwandert werden. Wenn man nahe dem Ziel auf einem Sandhang ausrutschen kann und einige Meter auf dem Hosenboden zurücklegt, ist das ja noch nicht „eines der härtesten Rennen der Welt“. Der Comrades auf der alten R 103 ist nur für diejenigen sehr hart, die ständig gegen die Uhr – Zielschluß für die etwa 90 Kilometer nach zwölf Stunden – laufen und entsprechende Cut-off-points rechtzeitig passieren müssen. Wo dagegen sind die wirklich harten Laufveranstaltungen wie der Badwater, der Spartathlon, einer der Höhepunkte einer zumindest europäischen Läufer-Karriere, der Grand Raid Réunion oder ein Kälte-Ultramarathon wie der Yukon Arctic Ultra, vielleicht auch der Eiger Ultra Trail (lange Strecke)? Tut mir leid, die leicht vermeidbare Unlogik der deutschen Ausgabe ist nicht zu akzeptieren, wenn Aussagen Sinn machen sollen.

Gestolpert bin ich über den Ausdruck „Kletterstangen“ (S. 140), die von vielen Läufern beim Dolomiten-Skyrace benützt werden. Ich habe unter Kletterstangen immer ein Gerät verstanden, auf dem man emporklettert. Ob die Läufer in den Dolomiten nicht Trekkingstöcke in der Hand hielten?

Das Vorwort hat der gegenwärtig wohl profilierteste Ausdauer- und Trail-Läufer, Kilian Jornet, geschrieben. Er hat einen Kernpunkt des extremen Landschaftslaufs getroffen: „Traillaufen bedeutet, tiefe Emotionen miteinander zu teilen.“ Das vermittelt der Band mit den Bildern von Ian Corless. Auch Läufer, die von den Spuren des Ausdauer-Athleten Jornet weit entfernt sind, werden Freude an diesem Buch haben.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag

Ian Corless: Ultraläufe. Die härtesten Rennen der Welt. Aus dem Englischen von Alexandra Linder, Ade Team Übersetzungen. Delius Klasing Verlag, Bielefeld, 2016. 240 S., 133 Farbphotos, 41 S/W-Photos, 70 Karten und Höhenprofile, Format 26 x 30 cm, geb. mit Schutzumschlag, 34,90 € (D), 35,90 € (A). ISBN 978-3-667-10703-9

Kompaß für nichtkartiertes Gelände

 

Recht hat er: „Im Ultrabereich gibt es zu den Themen Training und Wettkampfgestaltung wirklich nur subjektive Erfahrungen und kaum wissenschaftliche Erkenntnisse.“ Deshalb hat Norbert Madry genau diese subjektiven Erfahrungen, nämlich seine eigenen aus fast dreißigjähriger Aktivität als Ultraläufer auf hohem Niveau und als -Coach, zum Thema eines Buches, „Der Ultralauf-Kompass“, gemacht. Er sieht das so: In einem nicht kartierten Gelände nütze ein Navigationssystem nichts; man brauche einen Kompaß, um sich über die Richtung zu orientieren. Der Kompaß in der Ultralaufszene ergibt sich aus den Antworten auf die Fragen, die dem Verfasser bei allen möglichen Gelegenheiten gestellt worden sind (nur wenige Fragen sind erfunden). Das sieht dann so aus: „Macht Ultralaufen doof? Ja, aber glücklicherweise nur vorübergehend.“ Nun folgen auf etwa 30 Druckzeilen präzise Informationen.

In voller Absicht hat sich Madry darauf beschränkt, allein solche realen Fragen kompakt zu beantworten. Aus der Strukturierung der Themen ist ersichtlich, daß damit tatsächlich der wichtigste Informationsbedarf im Ultralanglauf abgedeckt wird, nämlich Ultra-Allgemeines, Bausteine eines Trainingsprogramms, Ultra-Trainingspläne (eine methodische Anleitung, nicht zum Danach-Trainieren), Besonderheiten des 100-km- und 24-h-Trainings, flankierende Maßnahmen, Ultra-Kalender, Ultra-Wettkampf-Technik, -Taktik und -Logistik, Ultra-Küchenpsychologie und -soziologie. Ein Buch ohne jegliche Redundanz also. Ausbildung und Beruf des promovierten Diplom-Biologen haben ganz sicher dazu beigetragen, über seine Beobachtungen, Erkenntnisse und Gespräche mit Läufern kritisch und hintergründig zu reflektieren, bevor er sie in stets praxisbetonte Empfehlungen umsetzte. Das unterscheidet seine Darstellung erheblich von anderen Einführungen.

Unter den deutschsprachigen Büchern über den Ultramarathon ist dies dasjenige, das am nächsten an den Ultraläufern dran ist. Zumindest Teile davon sind auch für Einsteiger oder Außenstehende, die sich über diese höchst aktuelle Laufdisziplin informieren möchten, brauchbar. Der Themenkomplex Wettkampfgestaltung wendet sich an erfahrene Ultraläufer (bis 24 Stunden). Grundsätzlich dürften sogenannte ambitionierte Ultraläufer den meisten Nutzen aus diesem Buch ziehen. Auf Informationen über Ausrüstung, Ernährungsformen, Veranstaltungen und, versteht sich, wissenschaftstheoretische Erklärungen verzichtet der Autor. In der Darstellung pflegt er einen Stil, der wohl am besten als Alltagsdeutsch charakterisiert werden kann, ohne daß er sich gewollt um Popularität bemühen würde. Madry schreibt, wie wenn er eine mündliche Erklärung geben würde.

 

Photo: Friedrich-Wilhelm Schreiber (6h-DM 2015)

Die verlegerische Aufbereitung entspricht dem konzentrierten Inhalt. In einer Zeit, in der Bücher durch ihre Illustrationen aufgemotzt – und damit verteuert – werden, ist es geradezu wohltuend, wenn ein Buch ohne diese Krücken auskommt und dennoch lesenswert ist.

Dies ist eine – für mich ungewohnt – kurze Rezension. Sie hätte für die Zielgruppe noch kürzer ausfallen, nämlich aus einem einzigen Wort bestehen können: Kaufen!

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag

Norbert Madry: Der Ultralauf-Kompass. Für alle, die es wirklich wissen wollen. Copress Verlag in der Stiebner Verlag GmbH, Grünwald, 2016. 176 S., Taschenbuch. 12,90 €, ISBN 978-3-7679-1111-6.

Häuptling Schlappschritt

 

Vom Jogger zum Läufer und zurück

Knapp 120 Seiten. Die ordentlich gebunden. Ein festes Buch. Dafür sind € 12,90 nicht viel. Hätte man nicht besser den Inhalt in einem Taschenbuch preiswerter angeboten? Und die Geschichten mit Fotos oder lustigen Cartoons angeboten? Andreas Safft hat sich mit dem Copress Verlag für ein richtiges Buch entschieden. Recht so.

Ja, da klingt dennoch eine gewisse Skepsis mit, ob die 'Geiz-ist-geil-Generation', die für das 39-Cent-Samstagsschnäppchen keinen noch so weiten Anfahrtsweg scheut, dafür zu gewinnen ist. Zumal man ja lesen muss und sich nicht mit einem Video oder einer Audio-DVD berieseln lassen kann.

Es ist der Untertitel, der mich packt. ‚Vom Jogger zum Läufer und zurück' landet also nicht auf den Stapel ungelesener Rezensionsexemplare. Um nicht falsch verstanden zu werden, meine ersten echten Lauferlebnisse habe auch ich der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Nur hat alles seine Zeit und die Erfahrungsgeschichten wiederholen sich. Zurück zum Jogger, das machte mich neugierig, könnte ich dazu ja einen Teil beitragen. Die angedeutete weitere Reduktion der Leserschicht, die gibt es nicht. Was Häuptling Schlappschritt zu sagen hat, das dürfte letztendlich Läuferinnen und Läufer jeglicher Couleur unterhalten, erheitern und anregen.

In 56 Häppchen serviert Andreas Safft Erkenntnisreiches, welches man beinahe Beitrag für Beitrag unterschreiben möchte. Selbst dem Gegenteil einer Leseratte, und sei es nur Gelegenheitsjogger, werden die Storys gefangen nehmen. Das Buch lässt sich schwer zuklappen. Es ist kein Ratgeber, aber ein Buch, in dem man sich dauernd wieder findet. Dass Safft sein Brötchen als Sportredakteur verdient, schützt ihn keineswegs vor den unumgänglichen Erfahrungen, die man als Läufer macht. Diese serviert er gekonnt, leicht zugänglich, aber ohne Rücksicht auf den Markt. Kaum etwas, das man uns Läufern anbietet, das Andreas Safft nicht entzaubert.

Wen es interessiert, warum sich der Autor immer verrechnet, er seine eigene Zone noch immer nicht gefunden hat, warum Golfen wie Laufen ist, nur anders, die Innenstadt auch mal dicht sein darf, warum es den idealen Tag für einen Lauf nicht gibt, warum Leichtathletik doof ist und vieles andere mehr - und es sollte alle interessieren - dem rate ich die Investition zu diesem erheiternd lehrreichen ‚Ratgeber'.

Gelesen und besprochen von Walter Wagner

Andreas Safft: Häuptling Schlappschritt. Vom Jogger zum Läufer und zurück.
Copress Verlag in der Stiebner Verlag GmbH; 2016. 120 Seiten, gebunden, 12,90 € ISBN: 978-3-7679-1110-9

Bibliographie zur Lauftherapie

Eine Bibliographie wirkt ungefähr so abwechslungsreich wie ein Telefonbuch, aber sie ist mindestens genauso nützlich. Diese hier verkörpert zugleich ein halbes Jahrhundert Laufgeschichte.

 

Wolfgang W. Schüler und Klaus Richter, beide Dozenten des Deutschen Lauftherapiezentrums, haben deutschsprachige Publikationen zum gesundheitsorientierten Laufen aus den ersten fünf Jahrzehnten der modernen Laufbewegung zusammengetragen – eine immense Fleißarbeit. Damit haben sie künftigen Autoren auf diesem Gebiet die Arbeit außerordentlich erleichtert. Denn wer immer sich mit gesundheitsbetontem Laufen beschäftigt – sei es als Autor oder Referent, sei es als Therapeut –, sollte wissen, was andere darüber publiziert haben. Das Internet kann allenfalls nur für die letzten Jahre als Auskunftsquelle herangezogen werden.

Ihren gedanklichen Ausgangspunkt beschreiben die Autoren im Vorwort so: „Laufen als Therapie verdankt seine Anerkennung und Legitimation zahlreichen wissenschaftlichen Studien, national und international. Daneben finden sich auch viele gut belegte Erfahrungsberichte, die manches Forschungsinteresse erst geweckt haben und wecken. Schließlich hat zur Verbreitung der Lauftherapie in Deutschland entscheidend beigetragen, daß sie lehr- und lernbar geworden ist.“

Erfaßt sind nicht nur Print-, sondern auch online-Medien, ergänzt um Filmmaterial. Geordnet ist das Verzeichnis alphabetisch nach Autoren. Angefügt ist ein Verzeichnis schriftlicher Hausarbeiten der Weiterbildung zu Lauftherapeuten am Deutschen Lauftherapiezentrum Bad Lippspringe und in der Kümmert-Akademie Würzburg.

Ein Blick auf die bibliographisch erfaßten Autoren weckt Lust, sich (vielleicht wieder einmal) mit dem einen oder anderen zu beschäftigen, zum Beispiel mit Ernst van Aaken, Lutz Aderhold, Ulrich Bartmann, Arwed Bonnemann, Hans-Henning Borchers, Jürgen Grell, Dieter Kleinmann, Alexander Weber bis zu Heiko Ziemainz. Jüngere entdecken vielleicht Rosemarie Breuer-Schüder, Jürgen Palm und Stanley Ernest Strauzenberg (DDR!).

Vollständig kann eine solche Bibliographie nicht sein; die beiden Autoren haben sie auf 3333 Titel begrenzt. Der Verlagsname „tredition“ enthält keinen Fehler. Es handelt sich um einen im Jahr 2006 gegründeten Self-Publishing-Verlag in Hamburg.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag

Wolfgang W. Schüler und Klaus Richter: Bibliografie Lauftherapie. 3333 Publikationen zum gesundheitsorientierten Laufen aus fünf Jahrzehnten. Tredition GmbH, Hamburg; 2015. Broschiert, 204 S. ISBN 978-3-7323-6002-4, 9,80 € (D)

Raus aus der Komfortzone!

Raus aus der Komfortzone! Um schneller zu werden, muss man dafür etwas ändern. Wer immer gleich trainiert, macht keine Fortschritte.

 

Leistungsorientierte Triathleten finden in "Triathlon total - Dein Weg zur neuen Bestzeit" unzählige Anregungen für neue Trainingsreize. Der Schweizer Autor Roy Hinnen gehört zu den Triathlonpionieren: Schon 1986 wurde er Langdistanz-Profi, trainierte in den USA im Umfeld von Mark Allen und entwickelte später eigene Fahrräder sowie Neoprenanzüge. Heute arbeitet er als Coach in der Schweiz.

Der über 400 Seiten starke Ratgeber hat das Zeug zur Triathlonbibel. Denn es gibt kaum ein Thema oder eine Trainingsform, die dort nicht beschrieben ist: z.B. Grundlagen-, Laktat-, Koordinations-, VOmax- und Kraftausdauertraining.

Zu jedem Trainingsbereich gibt es verschiedene Vorschläge, "Sets" genannt. Da fühlt sich der Leser von der Fülle manchmal fast erschlagen, weil es natürlich Wochen braucht, einmal alle auszuprobieren.

Zusätzlich gibt es persönliche Login-Daten für einen 14-Wochen-Plan als Vorbereitung für eine Halbdistanz. Im Trainingskapitel kann man sich über QR-Codes auf die Homepage zu erklärenden Videos leiten lassen.

Manche Tipps erscheinen übertrieben oder vielleicht gewöhnungsbedürftig: z.B. dass man Laufschuhe nur 400km tragen sollte oder dass ein langsamer Erholungslauf noch am Wettkampftag nicht der Regeneration diene, sondern intensives Schwimmen mit laktatbildender Beinarbeit zu empfehlen sei.

Andere Hinweise sind überraschend, aber überzeugend: Beispielsweise versuchen viele Hobbytriathleten ihre Disziplinen gleichmäßig auf die Woche zu verteilen. Doch Roy Hinnens Erfahrung zeigt, dass ein Block beispielsweise mit drei Tagen Laufen hintereinander bessere Trainingsreize setzt - und dann folgen Schwimmen und Radfahren in den verbleibenden drei Wochentrainingstagen (Sogar bei zehn Einheiten pro Woche empfiehlt er unbedingt mindestens einen Ruhetag). Er rät auch eher zu mehreren dreitätigen Trainingslagern als einem einzigen langen.

Bei dieser Materialmenge schleichen sich auch kleine Fehler ein: Der Schwimmstil wird mal mit Delfin, mal mit Schmetterling bezeichnet; die olympische Distanz heißt 5150 (was soll das für eine Einheit sein - der Zehnermeter?).

Roy Hinnen ist immer offen für Innovationen, was Technik und Knowhow betrifft. Er hat aber auch einen ganzheitlichen Ansatz für Körper und Seele. So widmet er beispielsweise ein Kapitel der Zen-Meditation und rechnet auch aus, dass es mehr bringt, wenn man von zehn Wochentrainingsstunden einen Teil der Zeit in mentale und körperliche Regeneration steckt. Auch Ernährung, die die Säurenbildung verhindert, ist ein Thema (Hinnen ist übrigens Veganer).

Ein guter Ratgeber, weniger für Anfänger, sondern für fortgeschrittene Triathleten.

Gelesen und besprochen von Birgit Schillinger

Roy Hinnen: Triathlon total Dein Weg zur neuen Bestzeit.
Sportwelt Verlag, 416 Seiten (Hardcover) - 28,95 € - ISBN 978-3-941297-32-6

14 Minuten

Leben, Tod und Wiederauferstehung einer Lauflegende

 

Auf 280 Seiten erzählt der legendäre Weltklasseläufer Alberto Salazar aus seinem Leben, seiner Laufsportkarriere, seiner Arbeit als Trainer von Top-Athleten und von seinem Herzschlag, der 14 Minuten lang aussetze und sein Leben im 48. Jahr beinahe beendete. Gedanken an den Kollaps, den er ohne zu erwartende Schäden überstand, ziehen sich durch die Kapitel des Buches. Als überzeugter Anhänger des römisch-katholischen Glaubens spart er dieses Thema nicht aus, beschreibt auch seinen Umgang mit der Religion in seinem Alltag, ohne jedoch die Schwelle des Missionarischen zu überschreiten. Der Sprössling einer exilkubanischen Familie ist unkritisch mit US-amerikanischen Weltanschauungen.

Politisches beschränkt er auf Schilderungen aus seiner Familie. Sein Vater war Kampfgefährte Fidel Castros, wanderte aber bald enttäuscht und ernüchtert mit der Familie in die Staaten aus.

Salazars Erzählungen legen offen, dass er sich schon als Heranwachsender strickt auf den Laufsport fokussierte. Bei aller Besonderheit, die ein Leben eines international aktiven Berufssportlers mit sich bringt, strebte Alberto Salazar aber auch immer ein bürgerliches Familiendasein an. Er beschreibt sich selbst als schüchtern. Auch mit Hilfe seiner Ausdauer erreichte er letztendlich im Privatleben alles, was ihm vorschwebte. Es erfüllte sich zudem seine Vorstellung eines auf ihn zugeschnittenen Berufslebens. Mag sein, dass er im Buch einiges verschweigt, geschilderte Exzesse beziehen sich auf den Sport. Doch ist es genau dieser Gegensatz von Alltagsglück und plötzlichen Herzstillstand, der den Schilderungen zusätzliche Dramatik verleiht.

Der Zeitpunkt seiner Sportkarriere mit Beginn Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts macht die Erzählung historisch wertvoll. In den USA hatte Frank Shorter mit dem Gewinn der olympischen Goldmedaille einen ‚Running Hype' ausgelöst. Amateursportlern öffnete sich zu jener Zeit das Tor zum Profisport. Lukrative Vergünstigungen anzunehmen wurde ermöglicht, doch steckt bei der geschäftlichen Entwicklung des Sports vieles noch in den Kinderschuhen. Im Universitätssport gibt es auch ein paar afrikanische Lauftalente, doch sollten noch ein paar Jahre vergehen, bis die Laufszene von Berufsläufern aus Ostafrika beherrscht werden wird.

Schon beim Schulsport wird das Talent des Jugendlichen entdeckt, beinahe mehr noch sein unbändiger Wille, mit dem Albert Salazar an seine Grenzen geht. Nach einem Hitzerennen landet er wohl mit einem Hitzschlag im Eiswasserbecken und erhält von einem Priester vorsorglich die letzte Ölung. Erkältungen und Verletzungen halten ihn nicht von der Einhaltung des Trainingsplans ab. Abweichungen gibt es, wenn überhaupt, als Zusatzeinheiten. Ob er sich Vorschädigungen selbst zugezogen hatte, die den Kollaps mit 48 Jahren verursachten? In den Anfängen des Laufbooms herrschte die Meinung vor, wer Marathon läuft, springt dem Tod von der Schippe. Umso schockierter reagierte man auf erste Todesfälle. Hinsichtlich der Heilwirkung des exzessiv betriebenen Laufens stellten sich aber nur zögerlich Fragen ein. Hier musste ein schmerzhafter Lernprozess erst einsetzen.

Alberto Salazar erlebte in seiner Highschool Zeit direkt vom Streckenrand aus Bill Rogers bei einem seiner Boston Marathon Siege. Dessen Trainingsgruppe hatte er sich angeschlossen. Beim Cross Country Run und auf Mittelstrecken verdiente er sich erste Lorbeeren und bald zählte er zu den schnellsten 5000 und 10.000 Meter Läufern in den USA. Doch prophezeite ihm sein Trainer, er sei für die Langstrecke geschaffen. Mit 22 Jahren wagte er sich in New York an den Marathon, OK-Chef Fred Lebow hatte ihn für die Teilnahme gewinnen können. Ein spezielles Marathontraining absolvierte er nicht, dazu blieb ihm auch gar keine Zeit mehr. Das Debüt 1980 endete mit seinem Sieg in 2:09:41 h. In den beiden Folgejahren siegte er in New York erneut. 1981 in Weltbestleistung von 2:08:13 h. Diese wurde später aberkannt, weil sich die Strecke als 148 Meter zu kurz erwies. 1982 stellte er persönliche Bestzeiten über 5000 m (13:11,93) und 10.000 m (27:25.61) auf und wurde Vizeweltmeister im Crosslauf. Im gleichen Jahr siegte er beim Boston Marathon in 2:08:52 h in einer Sprintentscheidung und brach dehydriert im Ziel zusammen.

Der Mythos Alberto Salazar erklärt sich auch damit, dass seine Erfolgskurve den Zenit zu dem Zeitpunkt erreichte, als in Deutschland die ersten City Marathon Läufe entstanden. Er war unweigerlich ein Vorbild über den großen Teich hinweg. Dem Schmerz die kalte Schulter zeigen, hart und umfangreich trainieren, das wurde befolgt und führte zu Erfolgen. Alberto Salazars Karriere wurde bald von Verletzungen unterbrochen, die ihn zum Pausieren zwangen. Die Zeit der großen Erfolge war früh und rasch zu Ende. Seine Teilnahme an Olympischen Spielen wurde nicht durch eine Medaille gekrönt. Noch einmal trat er ins Licht der Medien, gewann nach beinahe zehnjähriger Wettkampfpause 1994 den Comrades Marathon in Südafrika in der ihm eigenen Manier, 13 Jahre vor seinem Herzanfall.

Alberto Salazar blieb bei Nike, wo er eine Trainingsgruppe anleitende, in der sich einige der namhaften Hoffnungsträger der USA befanden. Bekannt und erfolgreich ist Galen Rupp, der bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London Silber über 10.000 m holen wird. Gold indes wird dessen Trainingskollegen Mo Farah gewinnen. Doch beendet hat Salazar das jetzt in deutscher Fassung erschienene Buch im Jahr 2011 noch vor diesem Ereignis. Seine Herzattacke hat er überlebt und er mutete sich weiter den Trainerstress zu. Dieser Aufgabe ist etwa ein Drittel des Buches gewidmet. Dabei fällt auf, wie tolerant er Entscheidungen seiner Athleten hinnahm, die anderswo ihr Glück versuchen wollten. Darunter sind auch welche, die ihn später beschuldigen werden.

Keinen angemessenen Platz in den Erzählungen findet das Thema Doping. In der eigenen Karriere wurde ihm die Einnahme von Medikamenten gegen Depressionen vorgeworfen, die aber keine Leistungssteigerung bewirken. Weitere Ausführungen gibt es im Buch nicht. Die Vorwürfe wurden lauter und auch an die Adresse der von ihm betreuten Weltklasse-Athleten gerichtet. Umfangreiche Untersuchungen brachten aber keine Beweise zutage. Alberto Salazar räumt keine Vergehen gegen Dopingbestimmungen ein. Dem Briten Mo Farah, wurde vorrübergehend untersagt bei Alberto Salazar zu trainieren. Dieses Verbot ist zwischenzeitlich aufgehoben worden.

Alberto Salazar schreibt die erbrachten Leistungen dem ausgeklügelten fordernden Training zu und seiner Vorgehensweise, selbst kleinste Verbesserungen etwa in der Körperhaltung und im Bewegungsablauf anzugehen. Mit Effizienz anstelle von Übertraining den Anschluss an die Weltspitze herstellen, ist seine Devise. Ein minimaler Fehler im Laufstil von Galen Rupp lässt ihn nicht ruhen. "Der koste ihm über 10 Kilometer vielleicht nur zehn Sekunden, doch zehn Sekunden sind fast 65 Zentimeter, ein Abstand der zwischen olympischem Gold und relativer Unbekanntheit entscheiden kann", belehrt das Buch auf Seite 270.

Hier scheint dem Übersetzer ein Umrechnungsfehler unterlaufen zu sein. Denn 10 Sekunden würden zu 65 Metern passen. 65 Zentimeter je Kilometer durch Änderung des Laufstils herauszukitzeln, das passte zu einem gegen Null gehenden Fehler, der in der Summe auf 6 Meter 50 hinausliefe. Dieser Lapsus sollte aber keinesfalls davon abhalten, sich mit dem ‚Leben, Tod und der Wiederauferstehung der Lauflegende Alberto Salazar' zu befassen.

Gelesen und besprochen von Walter Wagner

Alberto Salazar und John Brant: 14 Minuten - Leben, Tod und Wiederauferstehung einer Lauflegende. Aus dem Amerikanischen von Torsten Walter. Betzenstein: Sportwelt Verlag 2015, Taschenbuch, 200 Seiten, 17,95 Euro, ISBN 978-3-941297-34-0

Vom Meistercoach für Lauftrainer. Geballtes Wissen von Lothar Pöhlitz. Für alle olympischen Laufdisziplinen von 800m bis Marathon.

 

Es ist ein opulentes Werk, das hier anzuzeigen ist - mehr als 500 Seiten stark, reichlich bebildert und im Großformat gefertigt. Es heißt "Trainingspraxis Laufen. Beiträge zum Leistungstraining" und stammt von Lothar Pöhlitz und Jörg Valentin.

Eine enge Zusammenarbeit der beiden Verfasser hatte es in den letzten Jahren schon bei der Zeitschrift "Condition" gegeben, bei der Valentin bis zur Fusion mit der Zeitschrift "Laufzeit" als Chefredakteur tätig war und Pöhlitz vielfach als Autor von Fachartikeln übers Laufen hervortrat.

Kennengelernt hatten sich beide jedoch schon viel früher, nämlich in den frühen 90er Jahren, als Leistungssportler Valentin (Jahrgang 1962) als Kadermitglied zur Trainingsgruppe von Pöhlitz gehörte, der damals das Amt des DLV-Bundestrainers "Lauf" innehatte. Bevor sich Valentin seine Meriten als Sportjournalist verdiente, konnte er sechs deutsche Meistertitel und 26 Landesmeistertitel einfahren, war einmal Masterweltmeister und brachte es auf eine Bestzeit von 29:46,1 Minuten über 10.000 Meter. Der inzwischen 80jährige Lothar Pöhlitz war 41 Jahre hauptberuflich als Trainer im Hochleistungssport tätig, zunächst in der DDR und nach seiner Flucht 1979 in der Bundesrepublik. Er trainierte äußerst erfolgreich Sportler aller olympischen Laufdisziplinen von 800 Meter bis Marathon und war auch nach seiner Pensionierung in der Traineraus- und -fortbildung, u. a. beim Niedersächsischen Leichtathletikverband, aktiv. Er veröffentlichte mehrere Lehrbücher, zahlreiche Artikel in der Fachpresse und immer wieder auch auf seiner Internetseite der Leichtathletik-Coaching-Academy.

Auch wenn zwei Verfasser des neuen Laufbuchs angegeben sind, so hat man sich das Entstehen doch etwas anders als in einer gleichberechtigten Co-Autorenschaft vorzustellen, wie auf Anfrage aus Herausgeberkreisen mitgeteilt wurde. Lothar Pöhlitz ist der eigentliche Verfasser, während Valentin eher als Herausgeber tätig war und die zahlreichen, verstreut erschienenen Beiträge seines ehemaligen Trainers redaktionell bearbeitet und in eine für eine Gesamtdarstellung brauchbare Form gegossen hat.

Das Buch versteht sich keinesfalls als Ratgeber für Hobbyläufer oder als allgemeine Anleitung zum Laufsport, sondern wendet sich in erster Linie an Trainer, die mit Leistungssportlern arbeiten, oder an Trainer, die andere Trainer ausbilden. Als eine weiter gestreute Zielgruppe kommen desweiteren Sportlehrer und ambitionierte Sportstudenten nur bedingt in Frage. Unter dem Motto "Trainer für Trainer", so heißt es in der Einleitung, würden "trainingspraktische Empfehlungen auf der Basis moderner Trainingsmethoden in allen Mittel- und Langstreckendisziplinen und im Marathonlauf angeboten." Dabei wird beim Leser erhebliches theoretisches Vorwissen in den Kernbereichen Trainingslehre, Trainingsmethodik, Taktik, Wettkampfvorbereitung und -durchführung, Energiestoffwechsel oder Regeneration vorausgesetzt, ebenso in den Randbereichen Physiologie, Bewegungslehre, Sportmedizin, Ernährungslehre und Psychologie.

Das Buch ist unterteilt in 19 Kapitel, beginnend mit "Voraussetzungen zur Sicherung sportlicher Spitzenleistungen", "Drei große Energiesysteme arbeiten für mehr 'Racepace'" und "Anpassung an die Trainingsbelastung". In den weiteren Kernkapiteln geht es um Leistungsoptimierung, um Schwellen- und Rhythmustraining oder Athletik, immer im Hinblick auf den Hochleistungssportler. Auch Aspekte des Trainingsaufbaus und der -gestaltung werden ausführlich behandelt. Im mittleren Teil des Buches gewinnen Einzelfragen die Oberhand, etwa Fragen zu Herzfrequenz oder zum Laktat, zu Intervallen und zur Regeneration oder Periodisierung. Das Buch klingt aus mit zwei eher allgemein gehaltenen Kapiteln zur Trainingslehre und zum Marathon. Im Anhang findet sich ein Literatur- und Quellenverzeichnis, ein Glossar zur Begrifflichkeit sowie ein Abkürzungsverzeichnis.

Eine allgemeine Charakterisierung des Buches "Trainingspraxis Laufen" ist aufgrund der großen thematischen Bandbreite und der Fülle der tiefreichenden Detailbetrachtungen nur schwer möglich. Pöhlitz widmet sich ebenso dem Mittelstreckenläufer ab 800 Meter wie dem Langstreckenläufer auf der Bahn. Dazu werden die Halbmarathondistanz und der Marathon ins Blickfeld gerückt, ja sogar das Leistungsgehen bis zur 50-km-Distanz kommt am Rande vor. Außerdem wendet er sich in den einzelnen Kapiteln auch immer wieder einmal den Altersklassenläufern zu oder stellt die Frage, ob Frauen vielleicht wirklich die besseren Marathonläufer seien.

Seine vielen Stärken hat das Buch in der differenzieren Betrachtung zahlreicher Einzelfragen, etwa zur Reizwirksamkeit gewisser Trainingsübungen, zur Differenzierung des Ausdauertrainings von Mittel- und Langstrecklern oder zur Bedeutung der Laktattoleranz. Interessant auch die Überlegungen zur Frage, ob Einfach- oder Doppelperiodisierung der Vorzug gegeben werden soll. Während jedoch einzelne Kapitel meist einen in sich geschlossenen Eindruck vermitteln, sind in der Zusammenschau gewisse Redundanzen nicht zu übersehen. Schwierigkeiten beim Lesen macht auch, dass es keine zusammenhängende Betrachtung für einzelne Strecken gibt. In vielen Kapiteln gibt es verstreute Anmerkungen, beispielsweise zum Mittelstreckenlauf, die man sich mühsam zusammensuchen muss. Gleiches gilt für die Betrachtungen zum Nachwuchsbereich und zu anderen Themen. Das Werk ist sehr wohl eine ebenso kenntnisreiche wie inspirierende Kompilation von Pöhlitz' geballtem Fachwissen, hat aber leider auch den Nachteil, keine einheitliche Perspektive, keine homogene Gesamtkonzeption, zu haben.

Gelesen und besprochen von Michael Schardt

Lothar Pöhlitz / Jörg Valentin: Trainingspraxis Laufen. Beiträge zum Leistungstraining. Aachen: Meyer & Meyer Verlag 2015, 512 S., Klappenbroschur 34,95 €, ISBN: 978-3-89899-981-6

 

Vom Lauf des Lebens

Von großen Laufveranstaltungen wie dem Berlin-Marathon bringt man sich eine Erinnerung mit. Die Medaille bekommt schließlich jeder, der das Brandenburger Tor durchquert hat. Also gibt es in Tempelhof einen Textilstand, wo man sein persönliches Erinnerungsstück, zum Beispiel das bedruckte Hemd oder die Mütze, kaufen kann. Doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht (Matthäus, 4,4). Man kann sich vom Berlin-Marathon auch eine geistliche Erinnerung mitbringen oder sie in der Buchhandlung kaufen.

Seit 1985 findet am Vorabend des Berlin-Marathons in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, dem Gedächtnismonument des Zweiten Weltkriegs, ein ökumenisches Abendgebet für Marathon-Läufer statt. Laufteilnehmer war damals auch der Spandauer Pfarrer Klaus Feierabend. Sein Lauferlebnis hat er seinerzeit in "Spiridon" geschildert. Laut Horst Milde war der von dem katholischen Pfarrer Michael Töpel zitierte beziehungsreiche Satz beim ersten Abendgebet "Der Herr läßt deinen Fuß nicht wanken" eine Überschrift in dem Laufmagazin wert. In dem ganzseitigen Beitrag schrieb Klaus Feierabend über seine Pfarrerkollegen des Gottesdienstes und dann über seinen eigenen Lauf. Fortan übernahm der Läufer Feierabend die Predigt, und der Prediger lief anderntags seinen Marathon. Er hielt die Predigt auch dann noch, als er die Wettkampfteilnahme hatte aufgeben müssen.

So ging das bis einschließlich 2014. Von seinen 28 Predigten hat er 27 in einem kleinen Buch versammelt. Es sind Predigten eines Läufers für Läufer, jede eine lebenskluge Verbindung von Laufen und Glauben, keine Belehrung oder gar Bekehrung, eher freundschaftliche Ratschläge und Betrachtungen.

"Mein Laufen und mein Leben immer wieder zusammenzubringen, das erfahre ich als Lebensqualität." Das könnte auch mein Lebensprinzip gewesen sein. Ich habe das ökumenische Abendgebet nicht besucht, aber auch ich kann Klaus Feierabends Auslassungen folgen, ohne meine freidenkerische Linie verbiegen zu müssen.

Gelegentlich wird auch der Konflikt deutlich, dem sich der laufende Pfarrer im Urteil mancher Kollegen ausgesetzt sah. Das mag solche Läufer trösten, die in ihrem Umfeld ebenfalls auf Schwierigkeiten stoßen. Erfreulich, daß Professor Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands ein verständnisvolles Vorwort geschrieben hat. Ein weiteres Vorwort stammt von Horst Milde, dem Begründer und langjährigen Renndirektor des Berlin-Marathons, der auch die Idee zu dieser Läufer-Einkehr am Vorabend des Marathons gehabt hat.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag

Klaus Feierabend: Vom Lauf des Lebens. 27 Predigten zum Berlin-Marathon aus den Jahren 1986 bis 2013. Arete-Verlag, 2014. Broschiert, 136 S., 14,95 €. ISBN: 978-3-942468-39-8

Von vielem etwas. Jan Fitschen geht unter die Autoren

 

"Ja, ich habe das gesamte Buch selbst geschrieben. Es gab keinen Ghostwriter", beteuert Jan Fitschen in der umfangreichen Danksagung seines gerade erschienenen Buches "Wunderläuferland Kenia", um der meistgestellte Frage ein für allemal den Wind aus den Segeln zu nehmen. Einen Profischreiber zu engagieren, wie es viele Sportkollegen vor ihm taten, hätte der smarte Langläufer und Ex-Europameister über 10.000 Meter auch nicht nötig, hat er in der Vergangenheit doch schon häufig in Fachartikeln, als Fernsehkommentator oder Interviewpartner am Mikrophon vor großer Kulisse bewiesen, dass er nicht nur ein Mann mit schnellen Beinen, sondern auch ein Meister des Wortes ist.

Und im gleichen Atemzug erklärt er, von welcher Art sein Werk denn sei: nämlich eine "eigenwillige und völlig neue Kombination von Reisebericht, Laufbuch, Ratgeber und Reiseführer". Nicht nur das, könnte man hinzufügen. Es ist zudem auch eine Art Trainingstagebuch und ein graphisch hübsch aufbereiteter Bildband mit vielen eindrucksvollen Fotos vom bekannten Lauffotograf Norbert Wilhelmi.

In den ersten Hauptkapiteln "Das Land" und "Ernährung" und im abschließenden Abschnitt "Abenteuer Kenia: Sport, Safari und Strand" nähern sich Fitschens Ausführungen am ehesten der Form eines Reiseberichts an. Ausführlich beschreibt er den Flug von Deutschland nach Nairobi, die irritierenden Formalitäten bei der Passkontrolle, schließlich die Weiterreise über Eldoret nach Iten. In einer ersten Trainingseinheit macht er Bekanntschaft mit dem roten Sand der kenianischen Laufstrecken, der Höhenluft und der von Europäern als fade und einseitig empfundenen Ernährung. Sogar Kochrezepte sind beigegeben. Das letzte Kapitel stellt Tipps für eine Keniareise zusammen - einschließlich verschiedener Freizeitvorschläge wie Safari oder Relaxen am Strand. Auch eine Packliste, nicht nur für Läufer, ist beigegeben.

Einblicke in "Das Leben im Läuferland", so der Kapiteltitel, werden im umfangreichsten Abschnitt gewährt. Da beschreibt der Autor einen Besuch bei einem zupackenden Physiotherapeut, erklärt, dass des Läufers Muße besser ist als vor der Mattscheibe zu hängen und weiß, warum Kenianer "Meister der Regeneration" sind. Auch über den läuferischen Nachwuchs schreibt er und über "Kenias schnelle Frauen". Hier untergebracht sind auch Überlegungen zum Thema Doping, die freilich längst verfasst waren vor den neuen Enthüllungen der ARD und den frischen Fällen bei der WM in Peking.

Einen starken Bezug zum Sport schaffen dann die Kapitel "Training", "Körperbau" und "Motivation". Fitschen beschäftigt sich locker mit Fragen des Trainingsrhythmus', der mentalen Aspekte des Laufens sowie verschiedener Formen des Lauftrainings (Dauerlauf, Intervallläufe). Ferner werden Trainingspläne der Spitzenläufer Wilson Kipsang (eher im Miniaturformat) und Mary Keitany (sehr ausführlich) abgedruckt.

Die genannten Hauptkapitel hat Fitschen gemäß der Marathondistanz in 42 leserfreundliche Unterabschnitte eingeteilt, die dann auch "Kilometer 1, Kilometer 2" und so weiter heißen. Eine Struktur, die zuvor schon Matthias Politycki in seinem Werk "42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken" anwendete. Dem Leser steht also sozusagen ein Marathonlauf durch das Buch bevor, wobei jeder Kilometer mit seinem Untertitel auf das jeweilige Thema hindeutet. Beispielsweise benennt "Ugali" das Hauptnahrungsmittel der kenianischen Läufer, "Nüchterner Erfolgskurs" die Bedeutung eines Nüchternlaufes und "Hungerhaken" den der Statur der meisten kenianischen Langstreckler. In "Glatzenschneider" fragt sich Fitschen scherzhaft, warum alle kenianischen Läufer diese "Einheitsfrisur" tragen, und ob das schneller macht. Zum Spaß lässt er sich daraufhin bei einem Dorffrisör selbst eine Glatze rasieren, die von Fotograf Wilhelmi auch bildlich dokumentiert ist.

Aufgelockert sind die 42 Kapitel durch farblich unterlegte Kästchen, in denen Fitschen sehr allgemein gehaltene Trainingstipps gibt, etwa zu Bergläufen, zum Höhentraining oder zum Barfußlaufen. Einer dieser Tipps sei hier beispielhaft zitiert: "In Deutschland sehen wir im Durchschnitt jeden Tag dreieinhalb Stunden fern! Dazu kommt noch die Zeit, die wir privat vor dem Computerbildschirm verbringen. Das ist erschreckend. / Ich sehe selber gerne und manchmal zu viel fern. Trotzdem behaupte ich, dass Läufer eher weniger auf die Mattscheibe glotzen als der Durchschnitt. Meiner Meinung nach ist jede Stunde vor dem Bildschirm vergeudete Zeit, die viel besser in andere Dinge wie erholsamen Schlaf, zusätzliches Stabilisierungstraining oder Erstellung von Trainingsplänen investiert werden sollte. / Wenn der Fernseher und der Computer locken, gehört viel Selbstdisziplin dazu, der Versuchung nicht nachzugeben. Hier haben es die Kenianer leichter als wir, da sie ganz einfach weniger Verlockungen widerstehen müssen. Das sollten wir uns bewusst machen, um die Zeit sinnvoller zur Entfaltung des sportlichen Potentials einzusetzen (S. 165).

Auf diese Weise zieht Fitschen aus jedem der 42 Kleinkapitel eine Quintessenz jener Vorteile, die die Kenianer gegenüber den Europäern haben und sie im Endeffekt schneller machen. Diese Tipps sind dann im Abschnitt "Die 42 Schlüssel zum Erfolg" am Ende des Buches tabellarisch zusammengefasst. Ein Glossar erleichtert das Auffinden einzelner Begriffe.

Jan Fitschen hat ein Buch vorgelegt, das im Wesentlichen seine vielfachen Erlebnisse während verschiedener Trainingsaufenthalte in Kenia komprimiert spiegelt. Es ist aus der persönlichen Ich-Perspektive erzählt und in einem flotten, schnörkellosen Stil abgefasst. Man könnte es fast als Schmöker bezeichnen, so locker kommt der Leser durch das Werk. Unterstützt wird diese Lektüreerlebnis durch eine vorbildliche Gestaltung, die vielen Fotos, Lesekästchen und farblichen Elemente im Schriftbild.

Soweit alles gut. Wenn aber nach einer möglichen Zielgruppe gefragt wird, da lässt sich eine Antwort nur schwerlich finden.

Ein wirkliches Laufbuch ist "Wunderläuferland Kenia" kaum. Die Tipps bleiben doch sehr allgemein und gehen nicht in die Tiefe. Auch wer Erkenntnisse gewinnen möchte aus den Bereichen Trainingsformen und -lehre wäre mit der vorhandenen, umfangreichen Literatur sicher besser bedient. Neues oder Spezielles vermittelt Fitschen nicht. Das Dargestellte ist auch dem Hobbyläufer bekannt. Freilich wohnt dem Buch eine gewisse Exotik inne für jemand, der noch nie in Ostafrika war. Und von manch interessanten und zuweilen auch humorvollen Einzelheiten weiß der Autor zu berichten. Aber wer mehr über Kenia als Reiseland erfahren, wer Beobachtungen und Details außerhalb des Läufercamps lesen möchte, wird sich besser das Buch eines versierten Reiseschriftstellers kaufen. Ein Ratgeber, wie Fitschen im Eingangszitat meint, ist sein Werk kaum, ein Reiseführer auf keinen Fall.

Obwohl die sorgfältige Einteilung von Haupt- und Unterkapitel auch ein gelungenes Gesamtkonzept des Ganzen suggeriert, hinterlässt die Lektüre zumindest partiell ein indifferentes Bild. Aus der Chronologie eines mehrwöchigen Trainingsaufenthalts lässt sich nicht ohne weiteres ein strukturiertes Lauf- oder Reisebuch destillieren.

Für denjenigen aber, der diese Erwartungen nicht hegt, stehen ein paar nette Lektürestunden ins Haus.

Gelesen und besprochen von Michael Schardt

Jan Fitschen: Wunderläuferland Kenia. Die Geheimnisse der erfolgreichsten Langstreckenläufer der Welt. Fotografie Norbert Wilhelmi. Kandern: Narayana Verlag 2015, 360 S., geb., 19,80 €, ISBN: 978-3-944125-47-3

42,195 – Warum wir Marathon laufen

 

Anfangs dachte ich: Aha, ein Buch, das Nichtläufern das gesellschaftliche Phänomen des Marathonlaufens, den „Minimalkonsens der neuen Weltgemeinschaft“ (Politycki), verständlich machen soll. Das tut es auch. Doch der Band mit der magischen Kilometerzahl als Titel ist vor allem eine eigenständige persönliche Darstellung des Marathonlaufens in fast all seinen Facetten. Ganz anders als Günter Herburgers höchst subjektive Tagebuch-Aufzeichnungen, ganz anders als Haruki Murakamis biographische Spiegelung – nämlich völlig sachlich, objektbezogen und die heutigen Bedingungen des Laufens erhellend. Es ist sicher das Buch, das in seiner literarischen Gattung trotz aller persönlichen Reflexion des Autors den Interessen von Marathonläufern am nächsten steht.

Matthias Politycki, 1955 in Karlsruhe geboren und in München aufgewachsen, hat Neuere deutsche Literatur, in Nebenfächern Philosophie, Theater- und Kommunikationswissenschaft, studiert, promoviert und sich nach einem dreisemestrigen Gastspiel als Akademischer Rat entschlossen, fortan als freier Schriftsteller zu leben. Bereits sein Romandebüt 1987 hatte Aufmerksamkeit gefunden. Der heute Sechzigjährige bekennt jedoch, er schreibe seit über vierzig Jahren, und er laufe seit über vierzig Jahren. Dennoch, ein Laufpionier ist er nicht; erst mit Mitte Fünfzig ist er zum ambitionierten Läufer geworden, wobei die Ambition durchaus Grenzen hat, markiert etwa durch den Rennsteig-Supermarathon.

Eine persönliche Marathon-Bestzeit von 3:52 weist ihn auch nicht gerade als Experten aus. Doch „42,195“ ist ein fundiertes Buch; es enthält, obwohl der Autor gar nicht so viele Marathons bestritten hat, eine Fülle von aktuellen Informationen – für einen Schriftsteller ein wagemutiges Unternehmen; in fünf Jahren wird manches überholt sein, es sei denn er schriebe dann das Buch neu. Diese Informationen sind das Material, aus dem der Schriftsteller Politycki die Laufszene meißelt. Es ist seine Laufszene, aber sie ist typisch.

 

„Was nun gedruckt vorliegt,“ schreibt Matthias Politycki im Vorwort, das „Starterbereich“ heißt, „ist bestimmt kein Buch für ambitionierte Läufer, die wissen wollen, wie sie noch schneller werden. Derlei gibt es, und auch ich, als Läufer, war eine Zeitlang scharf darauf. Als Schriftsteller interessiert mich etwas andres: eine Phänomenologie des Laufens, wie man es früher vielleicht genannt hätte. Ein Buch auch für all jene, denen schon beim Lesen der Schweiß ausbricht. (…) In erster Linie geschrieben habe ich freilich für diejenigen unter uns Läufern, die sich nicht nur mit Trainingsplänen, Nahrungsmittelzusätzen und der neuesten Generation an Wettkampfschuhen beschäftigen, sondern auch damit, was hinter all dem Laufzirkus, dem Laufzauber und -zinnober stehen mag, als unser Antrieb und unsere Sehnsucht. Die sich mit mir fragen, worauf wir eigentlich zulaufen, jenseits aller Ziellinien.“

Matthias Politycki nach dem London-Marathon 2013 (Ausschnitt), dem Jahr, in dem er beschlossen hat, dieses Buch zu schreiben. Photo: Privat

Das Buch ist ein fiktiver Marathon; dem Start und dem Ziel sowie dazwischen jedem Kilometer ist ein Essay zugeordnet. Der Begriff muß hier nicht erschrecken; ich habe ihn gewählt, weil er die Gedankentiefe des Autors, seine Reflexion und auch seine profunde Bildung ahnen läßt. Das jeweilige Thema dieser Betrachtungen steht in lockerem Zusammenhang mit der dem Kilometerstand entsprechenden Befindlichkeit des fiktiven Marathonläufers. Da kommt eben alles vor, was unseren Lauf-Alltag und den Wettbewerb ausmacht. Das kann man lesen, man kann aber auch über manche philosophische Betrachtung lange darüber nachdenken. Es ist auf jeden Fall ein Buch zum Immer-wieder-Lesen – man wird sich nicht im mindesten langweilen. Ein Läufer wie du und ich spricht uns in vertrauter Sprache an, nur eben daß dieser Läufer sein literarisches Handwerk versteht.

Vier Anmerkungen: Die blaue Linie ist bereits beim ersten New York City-Marathon verwendet worden; Fred Lebow hat sie von einem anderen Wettbewerb (welchem, weiß ich nicht) übernommen. – Obwohl der Autor die Läufersprache und die Terminologie beherrscht, ist verwunderlich, daß mehrfach noch „Kohlehydrate“ auftauchen, nur ein einziges Mal die seit mindestens den siebziger Jahren in der Fachliteratur verwendeten „Kohlenhydrate“. Ich will das nicht dem Autor anlasten; in Verlagen, die keine Fachleute für Sport und Ernährung beschäftigen, kommt so etwas vor. – Es wäre ein leichtes gewesen, ein solches Buch zu illustrieren; schließlich war nicht jeder wie der Autor auf dem Kilimandscharo. Ich begrüße es, daß man hier völlig auf den Inhalt vertraut hat, ich vermisse die Illustrationen nicht im geringsten (selbst das Bild des Autors kann nur hier nachgereicht werden). – Auch die zahlreichen Fußnoten belegen die Intensität, mit der sich Politycki dem Thema gewidmet hat; Leser können dankbar sein, daß sie auf der jeweiligen Seite und nicht am Buch-Ende stehen.

Zusammengefaßt: Ein Buch für einigermaßen engagierte Läufer und auch deren nichtlaufende Partner. Ein Buch zum Sich-wieder-Erkennen. Wer es verschenkt, macht nichts falsch.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag

Matthias Politycki: 42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken. Hoffmann und Campe, 2015. 320 S., geb. 20 € (D), 20,60 € (A), 28,90 sFr.
ISBN: 978-3-455-50338-8

Die Alzheimer-Lüge

 

Eine Krankheit, die keineswegs zwangsläufig eintritt – Weshalb sie Läufer interessieren könnte

Der Titel sagt es, und nach der Lektüre zweifle ich nicht daran, daß die Hypothese stimmt: „Die Alzheimer-Lüge“. Wenn es so ist und das Buch die „Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit“ enthält, dann ist dies eines der gegenwärtig wichtigsten Sachbücher. Daß es in einem Verlag erscheint, der nicht gerade durch wissenschaftliche Veröffentlichungen bekannt ist, sollte nicht mißtrauisch machen. Es war die Absicht von Autor, Agent und Verlag, die Erkenntnisse und die Hypothese des Mediziners und habilitierten Molekulargenetikers Michael Nehls zu popularisieren. Insofern läßt sich die Verlagswahl überzeugend begründen.

Der gegenwärtige Stand der Alzheimer-Forschung ist niederschmetternd. Die weltweit größte Alzheimer-Konferenz – im Juli 2014 in Kopenhagen – hat vor 4000 Experten bestätigt, es gebe auch nach Jahrzehnten internistischer Forschung weiterhin keine Aussicht auf eine wirksame Therapie. Nehls führt dies auf mangelnde oder fehlerhafte Ursachenforschung zurück. Aus der Korrelation – mit der Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters nimmt die Zahl der Alzheimer-Erkrankten zu – haben Wissenschaftler eine Kausalität gemacht. Wer alt werde, so werde behauptet, müsse damit rechnen, Alzheimer zu bekommen. „Da unsere Gesellschaft immer älter wird, prognostizieren Alzheimer-Spezialisten eine weltweite Katastrophe, eine Pandemie mit geradezu apokalyptischen Ausmaßen.“ Dabei sei Alzheimer, hält Nehls dagegen, alles andere als ein natürlicher Prozeß, sondern vielmehr eine Krankheit und schon heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermeidbar – ganz ohne Pillen!

In den ersten Kapiteln versucht Nehls nachzuweisen, daß eine Krankheit wie Alzheimer, der Altersschwachsinn, eben nicht altersbedingt sei, sondern die Erkrankungswahrscheinlichkeit wahrscheinlich auf kulturelle Einflüsse zurückgehe. Der Privatdozent Nehls breitet dabei seine umfassende Kenntnis der Evolutionsbiologie und der Zellbiologie aus. Das ist nicht immer einfach zu lesen, wiewohl Autor und Redakteur Fachausdrücke penibel auf Deutsch erklären. Hat man jedoch erst einmal die wissenschaftliche Argumentation durchgearbeitet, öffnet sich das Tor zum Verständnis und damit der Weg zur Prävention.

Spätestens hier wird LaufReport-Lesern klar werden, weshalb ein Buch dieses medizinischen Themenbereichs in einem Laufmagazin vorgestellt wird. Das Schlüssel-Kapitel ist jenes, in dem die Grundbedürfnisse des Menschen behandelt werden. „Unsere moderne Lebensweise befriedigt immer weniger unsere natürlichen menschlichen Bedürfnisse. Auf Okinawa ließ sich über Jahrzehnte hinweg beobachten, wie sich eine andere Kultur und ein anderes Lebenskonzept auf die Gesundheit und geistige Fitness auswirken. Auf dieser weit im Süden Japans gelegenen Inselgruppe lebten lange Zeit nicht nur die nachweislich ältesten, sondern auch die gesündesten Menschen. Beispielsweise ist in dem abgeschiedenen Dorf Ogimi die Wahrscheinlichkeit, den hundertsten Geburtstag zu erleben, immer noch 34mal so hoch wie in Deutschland. (…) Über Jahrzehnte andauernde klinische Studien und umfassende Analysen haben das Altersphänomen rein durch die Lebensweise der Inselbewohner erklärt.“ Das hat sich geändert, seitdem die USA dort eine ihrer größten Militärbasen eingerichtet haben. „Die dadurch entstandene kulturelle Veränderung und die Anpassung an den modernen Zeitgeist führten zu einem dramatischen Anstieg an Zivilisations- beziehungsweise Kulturkrankheiten. (…) Auch die ländliche Bevölkerung Chinas durchläuft einen entsprechenden Wandel von einem ursprünglich hohen Grad an Gesundheit zu einem massiven Anstieg an klassischen Zivilisationskrankheiten.“

Der Autor bildet ein „Hexagramm menschlicher Bedürfnisse“ ab, das sechs essenzielle Bereiche für körperliches und geistiges Wohlergehen definiert: Lebenszweck, Ernährung, Bewegung, Umfeld, Selbst, Zeit. Mängel in jedem dieser Bereiche erhöhten das Alzheimer-Risiko. „Passivität ist aktive Gehirnzerstörung.“

Nun wird die medizinische und soziologische Erklärung der Alzheimer-Erkrankung zur Lebensberatung. „Menschen, die im höheren Alter nicht mehr geistig gefordert sind, verdoppeln in etwa die Wahrscheinlichkeit, ihren Verstand zu verlieren, wie eine Stockholmer Studie an über 1300 Rentnern über einen Zeitraum von etwas mehr als sechs Jahren herausfand. Die positive Kehrseite der Medaille, die der ältere Mensch in unserer heutigen Gesellschaft allerdings meist selbst umdrehen muß: Wer sich nach dem Ruhestand beispielsweise sozial engagiert oder produktiv bleibt, der reduziert laut derselben Studie sein Demenzrisiko um über 40 Prozent.“ Auf der Suche nach der Sinnfindung spart Nehls die Computerwelt nicht aus; er stellt sich völlig hinter die Forderung, den Computer fest in das Alltagsleben älterer Menschen zu integrieren. Allerdings dürfe dies nicht auf Kosten der anderen essenziellen Bedürfnisse unseres Organismus geschehen. „Eine Berufstätigkeit, die weit unter dem intellektuellen Niveau eines Menschen liegt, Arbeitslosigkeit oder auch ein Ruhestand, der sich im Nichtstun erschöpft – all das schadet unserem Gehirn, denn es muß ein Leben lang gefordert werden.“ Das Gehirn sei wie ein Muskel, der schrumpfe, wenn er nicht mehr gebraucht werde.

In dem Kapitel „Selbstschutz“ befaßt sich der Autor mit dem Schlaf. Die Symptome, die sich in Folge eines extensiven Schlafmangels entwickelten, seien kaum noch von denen einer Alzheimer-Erkrankung zu unterscheiden. Michael Nehls selbst, einst mit Übergewicht, hat sich einem ungewöhnlichen Experiment unterzogen; er nahm zweimal an dem Radrennen Race Across America (RAAM) teil. Die 4800 Kilometer von der West- zur Ostküste sind in einer einzigen Etappe zurückzulegen. Nehls war zu der Ansicht gelangt, daß man eine solche physische und mentale Leistung gerade dann vollbringen kann, wenn man nicht auf ausreichend Schlaf verzichtet. Daher machte er über 90 Stunden regenerative Pausen und schlief damit fünf- bis zehnmal länger als seine Konkurrenten. Er schaffte es bei beiden Teilnahmen auf jeweils eine Top-Ten-Platzierung. Über die Hälfte der Teilnehmer, meistens Profiradsportler, schied vorzeitig aus.

Schlafmangel betreffe heutzutage nahezu jeden. „Die volkswirtschaftlichen Kosten, die durch Schlafmangel entstehen, sind immens und liegen im mehrstelligen Milliardenbereich, nicht nur wegen häufigerer Unfälle, sondern auch wegen Fehlentscheidungen in der Arbeitswelt.“ Auch diese Behauptung belegt Nehls, der selbst sieben Jahre lang als Vorstandsvorsitzender eines biopharmazeutischen Unternehmens Management-Erfahrungen erworben hat, mit einer Anzahl Untersuchungen. Ebenso von Bedeutung wie der Schlaf sei meditatives Training.

Da der Mensch ein soziales Wesen sei, vermittle allein ein intaktes Umfeld lebenswichtige Sicherheit und Geborgenheit. Eine Rolle spielt dabei das „Kulturhormon“ Oxytocin. Zwischenmenschliche Beziehungen reduzierten durch die Aktivierung hormoneller Wachstumsfaktoren das Demenz-Risiko.

Im Hinblick auf die Ernährung weist auch Nehls auf die Industrialisierung der Nahrungserzeugung in den letzten hundert Jahren hin. In dieser Zeit habe sich beispielsweise die Aufnahme von Omega-6-Fettsäuren auf das bis zu Fünfzigfache der bioaktiven Omega-3-Fettsäuren vermehrt. In der Zeit der Jäger und Sammler befanden sich beide im Gleichgewicht. Auch in anderen Ernährungsfragen kommt der Autor zu denselben Schlüssen wie wir, die wir eine vollwertige Ernährung empfehlen, außer daß er wegen des Anteils an Transfetten den Verzicht auf Butter nahelegt, die wir nach Kollath für ein „natürliches“ Lebensmittel halten. Was er dagegen über den Zucker sagt, hätte Dr. Bruker außerordentlich gefreut. Wie die Anhänger vollwertiger Ernährung empfiehlt er denjenigen, die abnehmen möchten, keine Diät zu praktizieren, sondern die Ernährung allmählich und dauerhaft umzustellen. In einer seiner neun Ernährungsregeln empfiehlt der Autor Kokosöl; damit werde eine HDL-Erhöhung stimuliert.

Jetzt kommt’s: Dem Alzheimer davonlaufen! Als einleitendes Zitat hat Nehls einen Aphorismus von Professor Gerhard Uhlenbruck gewählt: „Die schwerste sportliche Disziplin ist der Sprung über den eigenen Schatten.“ Für mich hat dieses Kapitel den Ausschlag dafür gegeben, die „Alzheimer-Lüge“ den LaufReport-Lesern vorzustellen. Der Autor begründet die Notwendigkeit eines Bewegungstrainings damit, daß sich im Laufe unserer Evolution ein Mechanismus entwickelt habe, der über die körperliche Bewegung die geistigen Fähigkeiten steuere. „Wenn wir unsere Kinder dazu erziehen, beim Lernen still zu sitzen, setzen wir so die genetischen Programme außer Kraft, die über die körperliche Aktivität deren geistige Fitness stärken.“ Nachdenkenswert ist, was Nehls gewissermaßen nebenbei über die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) schreibt. Es könne sein, daß wir mit Ritalin (der pharmazeutischen Behandlung von ADHS) nicht nur den aktuellen Bewegungsdrang unserer Kinder, sondern auch ihren natürlichen Schutz vor Alzheimer im späteren Leben inaktivierten.

Überzeugend schildert Nehls den evolutionären Prozeß, der unsere Lernfähigkeit verbessert hat. „In prähistorischen Zeiten war insbesondere räumliches Erleben gleichbedeutend mit körperlichem Erleben.“ Bewegung lasse den Hippocampus, das Speicherorgan unseres Hirns, wachsen. Sitzende Lebensweise – nicht das Alter, wie behauptet – lasse ihn schrumpfen. Eine der Studien, die Nehls anführt, hat ergeben, daß in einer Gruppe von Walkern, die sich in zwei Monaten auf 40 Minuten Training am Tag steigerten, der Hippocampus innerhalb eines Jahres um über zwei Prozent wuchs. Bei einer Vergleichsgruppe von Stretchern kam es zu einem Verlust von etwa 1,4 Volumenprozent. „Wandern, Laufen, Radfahren, Schwimmen und selbst Gartenarbeit – all das sind sinnvollere Investitionen als die in die Medikamentenforschung, denn sie garantieren schon heute, und zwar von der ersten Minute an, den vielfachen Gewinn ihres zeitlichen Einsatzes.“ Eine Anzahl Studien, zum Beispiel die von Paffenbarger, sind ambitionierten Sportlern bekannt, gewinnen aber im Hinblick auf das Buchthema einen neuen Aspekt.

Mehr als der Titel vermuten läßt, erhalten wir in diesem wissenschaftlich seriösen Buch einen Wegweiser zu gesunder Lebensführung, gegründet auf eine Menge Information und an Untersuchungsergebnissen. Die Lektüre lohnt sich also auch für diejenigen, denen der Gedanke an eine Alzheimer-Erkrankung fernliegt.

Gelesen und besprochen von Werner Sonntag

Dr. med. Michael Nehls: „Die Alzheimer-Lüge. Die Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit“. Heyne, 2014, Klappenbroschur, 464 S., Ill. ISBN 978-3-453-20069-2, 16,99 € (D), 17,50 € (A), 24,50 CHF

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