Berglauf-Pionier Bibi Anfang ist gestorben

von Winfried Stinn am 6.6.2021  

Bergen/Chiemgau Am vergangenen Sonntag ist Georg Anfang, der sich seit 1956 beim SC Bergen für den Skisport und Berglauf engagierte, im Alter von 85 Jahren gestorben.

Vor allem mit dem Hochfelln-Berglauf, eine Erfolgsgeschichte, die in der Berglaufszene seines Gleichen sucht, ist "Bibi", den unter seinem bürgerlichen Namen Georg kaum einer kannte, eng verbunden. 1974 hat er den Hochfelln Berglauf ins Leben gerufen und die Veranstaltung hat sich in den nun 45 Jahren zu einem der bestbesetzten Bergläufe der Welt etabliert.

 

Aber schon viele Jahre vorher war er als Funktionär, zunächst vor allem im Skisport, tätig. Zwei Skiunfälle in den Jahren1956 und 1960 mit mehreren Brüchen, einem sechsmonatigen Krankenhausaufenthalt nach missglückter Operation, bedeuteten das Ende als aktiver Skirennläufer und der Beginn seiner Funktionärs-Karriere. Von 1956 bis 1965 war er Leiter der Skiabteilung des TSV Bergen; 1965 gründete er den SC Bergen und war bis zu seinem gesundheitsbedingten Rücktritt im Jahr 2012 ununterbrochen 1.Vorsitzender.

Für seine Tätigkeit als Sportfunktionär und für die Gemeinde Bergen erhielt er einige Ehrungen, wie die Bürgermedaille der Gemeinde Bergen und die Verdienstnadel in Gold mit Brillanten und Großem Kreuz des Bayerischen Landessportverbandes. 2005 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Neben seinem sportlichen Engagement war er auch politisch aktiv. Er war 24 Jahre für die SPD Mitglied im Gemeinderat. Das alles war aber nur möglich, weil ihn seine Frau Rosi und die beiden Kinder Barbara und Hans Georg tatkräftig unterstützten.

Im Rahmen des Hochfelln-Berglaufes fanden mehrere Deutsche Berglaufmeisterschaften und 2000 die Berglauf-Weltmeisterschaft, als Höhepunkt seiner Funktionärskarriere, unter seiner Regie statt. Anfang war Mitbegründer des damals aus vier Klassikern bestehenden attraktiven und beliebten Grand Prix.

Bibi Anfang gelang es durch sein Engagement und durch die vielen persönlichen Kontakte immer wieder die gesamte internationale Berglauf-Elite an den Start zu bringen. So zieren Bergläufer und Bergläuferinnen mit Rang und Namen die Ergebnislisten des Hochfelln-Berglaufes. Allen voran der siebenfache Weltmeister Jonathan Wyatt/ Neuseeland und die fünffache Weltmeisterin Andrea Mayr (Österreich), aber auch weitere Weltmeister und Weltmeisterinnen wie Helmut Schmuck (Österreich), Antonio Molinari, Marco de Casperi (beide Italien), Petro Mamu (Kenia), Angela Mudge (Großbritannien), Svetlana Demidenko (Russland), Lucy Wambui Murigi (Kenia) und Anna Pichrtová (Tschechische Republik). Wichtig war es aber auch für Anfang, den Hochfelln Berglauf für die Breitensportler attraktiv zu machen.

Betroffen vom Tod Anfangs zeigte sich Jonathan Wyatt, Präsident des Berglauf Weltverbandes WMRA. Er hat eine besondere Beziehung zum Hochfelln-Berglauf. Achtmal gewann er, im Jahr 2000 holte er sich hier einen seiner sieben Weltmeistertitel und auf der 8,9km langen Strecke (Höhenunterschied 1074 Meter) hält er seit 2002 mit 40:34,9 Minuten immer noch den Streckenrekord. "Wir alle werden Bibi und seine Begeisterung für unseren Sport sehr vermissen und im Namen aller Läuferinnen und Läufer, die beim Hochfelln Berglauf an den Start gegangen sind, und im Namen aller im Weltberglaufverband möchte ich seiner Familie unser Beileid aussprechen. Heute erinnert man sich an Bibi Anfang und alles, was er für den Berglauf und seine Leidenschaft für den Sport getan hat. Als Präsident des Skiclubs in Bergen hatte Bibi die Vision, ein Berglaufrennen auf einer Skipiste auszurichten. Der Hochfelln Berglauf ist heute eines der historischsten und noch immer prestigeträchtigsten Bergrennen. Er war immer der leidenschaftlichste Organisator und glaubte fest an die traditionellen Werte des harten Rennsports auf einer Strecke, die bei jeder Ausgabe des Rennens gleich blieb und seine Geschichte bewahrte. Wir hatten ein herzliches Verhältnis. Er machte oft Witze und wir lachten beide, während wir unser Bestes taten, um uns zu verstehen. Ich mit meinen wenigen Worten Deutsch und Bibi in seinem dicken bayrischen Dialekt. Wir haben immer verstanden, was wir uns am Ende sagen wollten."

Auch Jonathan Wyatts Amtsvorgänger und WMRA Ehrenpräsident Bruno Gozzelino zeigte sich betroffen. "Es ist für mich eine sehr traurige Nachricht, dass Bibi Anfang verstorben ist. Nie werde ich ihn vergessen, insbesondere seine Begeisterung und seine Leidenschaft für den Sport und insbesondere für den Berglaufsport. Der Hochfelln Berglauf ist ein Rennen in der Geschichte der Leichtathletik, in der Geschichte des Berglaufs. Ich möchte seiner Familie und den Bergener mein Beileid aussprechen."

Gerade zu schwärmerisch würdigen Vertreter des Deutschen Leichtathletikverbandes die Verdienste von Anfang: "Mit Bibi Anfang haben wir ein Urgestein der Berglaufszene verloren. Die Berglauf-WM am Hochfelln im Jahr 2000 setzte Maßstäbe, aber Bibi hat über all die Jahre insbesondere für seine Athleten*innen gekämpft und die Kontakte national wie international gepflegt. Diese haben es ihm gedankt und seiner Veranstaltung regelmäßig die Ehre erwiesen. Kaum jemand hat in Deutschland den Berglauf so geprägt wie er. Der DLV und die Berglaufgemeinschaft trauert um Bibi Anfang", wie Dr. Matthias Reick DLV, bis April des Jahres Vizepräsident des DLV, feststellt und sich erinnert.

DLV Berglaufberater Kurt König, der 1983 als letzter Deutscher den Hochfelln-Berglauf gewann, würdigt Bibi Anfang in dem er feststellt: "Wenn man Hochfelln Berglauf sagt, dann nennt man im selben Atemzug Bibi Anfang. Bibi war einer der Wenigen, der den Berglauf in Deutschland in seiner ganz eigenen Weise gelebt, weiterentwickelt und gefördert hat. Er hat den Grundstock für die Etablierung der Berglaufs in Deutschland gelegt, seine Visionen verwirklicht und neue Maßstäbe gesetzt."

Und Wolfgang Münzel, ehemaliger Berater Berglauf im DLV und Council-Mitglied der WMRA kann Anfang als Funktionär und Läufer beurteilen. "Bibi war eine Seele von Mensch. Humorvoll und besessen von dem Gedanken zu seinem Berglauf immer die weltbesten Bergläufer und Bergläuferinnen einzuladen. Er hat wirklich alles für die Athleten und Athletinnen getan. Für den DLV war Bibi ein Glücksfall, denn er war immer bereit eine Deutsche Berglaufmeisterschaft auszurichten, ja sogar die Weltmeisterschaft 2000. Für Trainingsmaßnahmen unserer Nationalmannschaft stellte er großzügig Unterkünfte zur Verfügung. Er machte den deutschen Berglauf international bekannt und war geschätzt bei den Athleten*innen von allen Kontinenten. Sein Berglauf war über viele Jahre im Berglauf Grand Prix (heute World Cup) des WMRA. Die Gründung des Grand Prix war seine Idee, die er hartnäckig verfolgte und letztlich zum Erfolg führte. Besonders stolz war Bibi als vor einigen Jahren (Anmerkung:2008) bei seinem geliebten Berglauf alle Weltmeister und Weltmeisterinnen eines Jahres am Start waren. Es gibt ein Foto (s.o.) welches Bibi mit den vier Weltbesten zeigt. Bibi erkannte schon in jungen Jahren die Faszination des Berglaufs und setzte Maßstäbe was die Durchführung und Attraktivität eines internationalen Berglaufes anbelangt."

Geschockt von der Nachricht über seinen Tod war auch Andrea Mayr. Die mehrfache Berglauf-Weltmeisterin war in den letzten 15 Jahren Stammgast in Bergen. Sie trug sich gleich zehn Mal als Siegerin in die Ergebnisliste ein und hält seit 2008 mit 47:28,2 Minuten den Streckenrekord. "Mit Bibi verbinde ich natürlich unweigerlich seinen Hochfelln-Berglauf und die stets große Wertschätzung, die er uns Läufern gegenüber zeigte. Man spürte immer, wie wichtig wir ihm waren. Und die Tatsache, wie er sich in den letzten Jahren trotz großer Schmerzen in den Beinen immer wieder zum Gipfel des Hochfelln-Berglaufs raufquälte um uns einen toll organisierten Lauf zu gewähren und unseren Zieleinlauf zu würdigen, sucht seinesgleichen. Ich werde ihm zu Ehren weiter an seinem Lauf teilnehmen, wenn es mir irgendwie möglich ist. Ich bin mir sicher, dass auch er da sein wird", so Andrea Mayr.

Als Bibi Anfang 2012 als 1. Vorsitzender des SC Bergen zurücktrat und die Geschicke des SC Bergen und damit auch die des Hochfelln-Berglaufes in die Hände von Jürgen Schmid legte, war jedem Insider klar, dass er dennoch bei der Organisation, aus der zweiten Reihe heraus, weiter machen wird. So war auch in LaufReport zu lesen: "Ein Hochfelln-Berglauf ohne Bibi Anfang ist nicht vorstellbar." Nun aber muss und wird der Hochfelln-Berglauf auch ohne Bibi Anfang weiter bestehen bleiben und sollte es ein Leben nach dem Tod geben, wird Bibi von oben kritisch auf das Weiterleben seines Werks schauen.

Portrait zum 80. Geburtstag von Bibi Anfang im LaufReport HIER

Nachruf von Winfried Stinn

Fotos von Winfried

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