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Nach und nach verlässt uns die erste Volkslaufgeneration in die Ewigkeit. Mit ihr gehen die Erzählungen von tagelangen Wartezeiten auf Ergebnisse, von missglückten Computer gestützten Zeiterfassungen. Schnappschüsse auf Zelluloid waren alternativlos. Nun gibt´s Live-Bilder. Digitalisierung und Internet veränderten einiges im Sport. Dr.-Ing. Markus Heidl bedenkt Vorteile und Gefahren im Pro & Kontra.

Walter Wagner, 18.05.2022

Die Zukunft ist jetzt

von Markus Heidl 

Ich erinnere mich noch gut an die alte Zeit - ehrlich gesagt ist das auch noch gar nicht so lange her - da war es schwierig, überhaupt zeitnah an Ergebnisse von Meisterschaften, Straßenläufen oder Stadionfesten zu kommen. Teilweise gab es selbst Stunden später keine Ergebnisliste im Netz, Glück hatte, wer vor Ort jemanden kannte, der oder die eine Statusmeldung abgeben konnte. Manchmal half noch Trick 17, wenn man beispielsweise in der URL ein altes gegen ein neues Datum austauschen musste, um die aktuellen Zeiten und Rangfolgen zu sehen.

Wie gesagt, das ist noch gar nicht so lange her, auch wenn es sich schon so anfühlt. Etwas später auf unserer Zeitreise wurde es besser. Es gab live-Ergebnisse und man durfte gar auf live-Bilder hoffen; die modernsten Ausrichter hatten bereits eine Kamera im Stadion oder im Start-/Zielbereich. Doch allzu oft fehlte der Fokus oder die Internetverbindung. Man war bereits glücklich, wenn die Übertragung etwas länger als ein paar Sekunden flüssig lief.

Entsprechend kamen mir die letzten Meisterschaften - ich denke da beispielsweise an die deutschen Crosslaufmeisterschaften im Dezember oder ganz aktuell an die deutschen Meisterschaften über 10.000 m in Pliezhausen wie eine disruptive Innovation vor: durch gleich mehrere Kameras, zwischen denen gekonnt hin- und hergeschaltet wurde sowie einen absolut flüssigen Stream konnte man sämtliche Rennen live am Bildschirm mitverfolgen. Klasse! Was ein Schritt in die Zukunft! Und dann auch noch kostenlos und ohne Werbung frei verfügbar. Selbst bei den Kommentatoren wurde auf gut informierte, fachliche Kompetenz gesetzt, was viel ausmacht.

Doch wie hoch ist die Hürde für Nichtläufer*innen, einmal hereinzuschnuppern und dann sogar hängenzubleiben? Wenn Expertinnen kommentieren, hat das natürlich den großen Vorteil, dass sie wissen, wovon sie sprechen. Einher geht aber der Nachteil, dass manches als selbstverständlich betrachtet wird, was eventuell einer Erklärung bedurft hätte. Warum genau ist das kommende Rennen so spannend?

Beim Pro & Kontra über die Finals hatte ich mir die Frage gestellt, ob es eine Einblendung braucht, wie die Regeln sind, um beim Wettkampf (z. B. beim Bouldern) besser mitfiebern zu können. Nun, bei einem Lauf sind die Regeln den meisten wohl klar: es gewinnt die oder der, wer zuerst im Ziel ist. Gerade bei unterschiedlichen Altersklassen lohnt es sich aber evtl. aufzuzeigen, wie die Athletinnen und Athleten im Rennen liegen. Wo die Abstände knapp sind, wo überholt wird und sich die Platzierungen verschieben - in einem Rennen gibt es viele denkbar sehr spannende Konstellationen.

Einher geht, dass sich die Übertragungen zwar massiv verbessert haben, es natürlich aber noch weiteres Verbesserungspotential gibt. Sowohl in Sonsbeck als auch in Pliezhausen (insbesondere dort eben 25 an der Zahl) wurden viele Runden gelaufen. Die aktuellen Abstände beispielsweise hätte ich spannend gefunden. Beim Radsport beispielsweise ist der aktuelle Abstand zwischen den Gruppen Normalität. Ebenso müsste es genauso möglich sein auf einem Streckenplan, den live-Standort der wichtigsten Akteurinnen oder Akteure aufzuzeigen, sodass man die Zeitabstände besser einschätzen kann. Und es gibt sicher noch viele andere tolle Ideen, die das Wettkampferlebnis noch spannender machen.

Doch kommen, wenn die live-Übertragungen immer besser werden, immer weniger Menschen ins Stadion? Das wäre schade, doch ich glaube es nicht. Eher wollen mehr, die am Bildschirm erlebt haben, wie spannend Läufe und technische Disziplinen sein können, einmal mit eigenen Augen sehen, wie solche Leistungen möglich sind. Vor Ort dabei zu sein, ist ein echtes Erlebnis. Gerade bei uns Leichtathleten gibt es sehr wenige unnahbare, abgehobene Stars. Meist kann man sich nett unterhalten, ein gemeinsames Foto ist eigentlich nie ein Problem. Inspiration und Motivation inklusive.

Wenn man zukünftig also die Rennen weltweit live mitverfolgen kann, stehen die Athletinnen und Athleten immer mehr in dem Rampenlicht, das sie verdienen. Auch für Sponsoren wird die Leichtathletik dadurch definitiv attraktiver.

Beitrag von Markus Heidl
Foto © LaufReport

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Träume eines Läuferlebens von Markus Heidl
Verlag: Books on Demand - Erscheinungsdatum: 12.04.2021
306 Seiten, Paperback
Preis: 11,99€ inkl. MwSt. / portofrei
ISBN-13: 9783753424170
Im Internet unter www.bod.de/buchshop

Ein heißes Eisen fasst Dr.-Ing. Markus Heidl an. Der Boykott von Sportgroß- veranstaltungen wird zunehmend in immer schärferen Tönen gefordert, so dass es kaum mehr gelingt, die Nationen der Welt etwa bei Olympischen Spielen oder bei diversen Weltmeisterschaften zusammen zu bringen. Was für mehr gegenseitiges Verständnis und Frieden beitragen soll, kann so schnell zum Gegenteil eskalieren. Doch wann läuft wo ein Fass über und lässt keine andere Wahl?

Walter Wagner, 12.12.2021

Boykott

von Markus Heidl 

Die Meldung, dass die USA keine Vertreter*innen nach Peking entsende, kam recht unscheinbar daher. Der diplomatische Boykott der Olympischen Winterspiele 2022 wirft aber einmal mehr schlechtes Licht auf das IOC, das sich hinter Pauschalaussagen versteckt. Sportsgeist sieht anders aus. Fassen wir zusammen.

Menschenrechtsverletzungen - ein Grund zum Boykott: In China werden die muslimischen Uiguren in politische Umerziehungslager gesteckt und ihrer Bewegungs-, Meinungs- und Religionsfreiheit beraubt. Es gibt Berichte über Folter, Trennung von Kindern und ihren Eltern sowie Zwangssterilisierungen. 43 Staaten haben dagegen eine Erklärung bei der UN-Vollversammlung unterschrieben, sprechen gar von Genozid. Das IOC bleibt neutral.

Der Fall Peng Shuai - ein Grund zum Boykott: Die Tennisspielerin hatte berichtet, im Jahr 2018 vom ehemaligen chinesischen Vizepremier Zhang Gaoli sexuell missbraucht worden zu sein. Diese Meldungen wurden ebenso entfernt wie andere Berichte über Peng Shuai, die zudem für zwei Wochen spurlos verschwand. Über ihr Wohlergehen gab es keine gesicherten Informationen. Zensur und Einschüchterung sind für die WTA Grund genug, alle Tennis-Turniere sowohl in China als auch in Hongkong auszusetzen. Das IOC bleibt neutral.

Causa Zhang Zhan - ein Grund zum Boykott: die Bloggerin wurde inhaftiert, wird gefoltert und misshandelt. Die einzige Ursache ist deren friedliche und freie Meinungsäußerung. China verstößt gegen die internationalen Menschenrechtsnormen. Und damit nicht genug. Auch das gewaltsame Vorgehen des Regimes gegen die Demokratiebewegungen in Hongkong und Tibet wären ein Grund zum Boykott.

Natürlich wäre ein Gesamtboykott der Olympischen Spiele keine Lösung, es würden nur die Athletinnen und Athleten leiden. In der Vergangenheit zeigte sich durch den Boykott der Sommerspiele 1980 in Moskau keinerlei Auswirkungen, außer, dass die Gegenseite wiederum die darauffolgenden Spiele in Los Angeles boykottierte. Der politische Nutzen war gleich null, Einschränkungen gab es lediglich für die Sportlerinnen und Sportler. Und wer Snowboard oder Skeleton fährt, wird damit wohl keine Reichtümer erlangen und verdient als Lohn zumindest das Rampenlicht und die Olympischen Ehren. Für viele wird allein durch die Teilnahme ein Traum wahr.

Gleiche Probleme gibt es im Übrigen mit der Fußball-WM in Katar. Hier scheint die Fifa noch skrupelloser zu sein als das IOC, welches aber mit großen Schritten aufholt. Mit fairem Sportsgeist hat das nichts zu tun, der einzige Fokus liegt auf Profit. Und das ist keine Nachricht, die wir im Allgemeinen und im Sport im Besonderen senden sollten. Der Sport war schon immer ein verbindendes Element, bei dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen und sich miteinander austauschen, auch wenn sie sonst nichts miteinander zu tun hätten. Soziale Hürden werden abgebaut, Integration beispielsweise ist kinderleicht.

Deshalb lohnt es sich auch politisch, in Sport zu investieren. Seien es Sportplätze, Fördergelder oder auch Förderungen des Spitzensports. Welche Funktion aber hat der Sport, wenn es weder um Gesundheit noch um Fairness geht? Beim IOC werden die Ausflüchte jetzt darin gesucht, dass Sport nicht politisiert werden dürfe. Doch das eine bedingt das andere: Ohne Politik gibt es keinen Sport. Im Umkehrschluss müssen durch den Sport Werte vermittelt werden. Diese Werte sind in unserem Fall klar: Menschenrechte dürfen nicht verletzt werden. Gewalt ist keine Lösung. Neutralität ist in diesen Fällen keine Option.

Wo also steht das IOC? Ist es Pro oder Kontra?

Beitrag von Markus Heidl
Foto © Jens Priedemuth

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Träume eines Läuferlebens von Markus Heidl
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Laufen & Reisen ist gar eine Rubrik im LaufReport. Es gibt z.B. auch Fußball-Reisende. Wobei ich hier an die Anhänger denke, die ihrem Verein ständig bis in den letzten Winkel dieser Erde folgen. Klar, diese Herumfliegerei ist klimaschädlich, doch sie führt uns auch zusammen. Dr.-Ing. Marcus Heidl zieht Grenzen, und die werden vielen missfallen.

Walter Wagner, 3.9.2021

Auch der Marathon
muss sich wandeln

von Markus Heidl 

Wer es jetzt noch nicht verstanden hat, der will es nicht verstehen: die Klimakatastrophe naht, die Lage ist ernst. Fest steht außerdem, dass der Wandel des Klimas menschengemacht ist. Das belegt der sechste Klimabericht des IPCC, in dem über 14.000 von Fachleuten überprüfte Studien zusammengetragen wurden.

Dass die einzige Konstante im Universum die Veränderung ist, schrieb einst schon Heraklit und meinte damit nicht nur den Wandel durch die eigene Entwicklung, durch die wir zu neuen An- und Einsichten gelangen, sondern außerdem den Wandel der Umwelt. Dass dieser Wandel des Klimas nun so schnell und folgenschwer daherkommt passt in gewisser Weise sogar zu unserer schnelllebigen, modernen Welt.

Natürlich können wir die Fakten leugnen und uns Scheinargumenten hingeben, die viele derzeit hadern lassen. Stehen wir wirklich persönlich in der Verantwortung, wenn sogar der politische Wille Deutschlands nur die viel diskutierten 2 % der weltweiten Emissionen einsparen würde? Doch zum einen verbraucht jede und jeder einzelne von uns weit mehr Ressourcen als der Durchschnittsmensch. Weiterhin entstehen die durch unseren Konsum resultierenden Emissionen vor allem in anderen Ländern, wodurch wir sowohl direkt als auch indirekt großen Einfluss auf den weltweiten Ausstoß von Klimagasen haben. Und zum anderen hilft jedes eingesparte Gramm Treibhausgas, ein etwas besseres Zukunftsszenario zu erreichen.

Was hat das Ganze nun mit unserem Sport zu tun? Laufen hält bekanntlich jung und fit, gerade weil dabei kein Verbrennungsmotor von Nöten ist. Viel mehr als um die reine Ausübung des Laufsports an sich soll es an dieser Stelle um das mit unserem Sport verbundene Reisen gehen. Das Konstrukt Marathon als Massenveranstaltung muss aktuell nicht nur aufgrund der Verbreitung von Viren hinterfragt werden, sondern außerdem bezüglich der Klimaverträglichkeit.

Vor allem die sogenannten World Marathon Majors mit den Austragungsorten in Berlin, London, Boston, Chicago, New York und Tokio setzen für die Komplettierung aller sechs Läufe mindestens drei Langstreckenflüge (jeweils natürlich Hin- und Rückflug) voraus. In Anbetracht dessen, dass Flüge zu Marathons im Grunde vollkommen unnötig sind, stehen sie sinnbildlich für ein sinnloses Verprassen endlicher Ressourcen: schnelle Strecken gibt es daheim, gute Stimmung gibt es daheim und schöne Gegenden gibt es ebenso daheim!

Die besondere Problematik beim Fliegen ist die Höhe, in der das CO2 ausgestoßen wird. Auf Flughöhe emittiert sind die Treibhausgase bis zu zehn Mal schädlicher als auf Meeresniveau. In Anbetracht der aktuellen Lage und für eine lebenswerte Zukunft können wir uns die einhergehenden Auswirkungen nicht leisten, wenn es nur darum geht, eine internationale Sammlung von Marathons zu vervollständigen.

Dagegen abgewogen werden muss natürlich der Aspekt der Völkerverständigung. Reisen erweitert im wahrsten Sinne des Wortes unseren Horizont. Wer in ferne Länder reist, um andere Kulturen kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und die Schönheit der Natur kennenzulernen, um sie dadurch umso leidenschaftlicher zu schützen, hat sicher gute Argumente für die Flugreise. Eine weltweit gemeinsame Lösung muss für uns alle Priorität haben. Auch mit dem richtigen monetären Ausgleich für den Klimaschutz kann man trotz Flug Gutes bewirken. Fest steht allerdings, so leid es mir für alle Faulenzer tut: Nur am Strand liegen zählt nicht. Denn - man ahnt es bereits - schöne Strände gibt es ebenso daheim. Zumindest in einer Entfernung, die sich deutlich klimafreundlicher zurücklegen lässt als mit einem Langstreckenflug.

In diesem Sinne sind die World Marathon Majors ein Konstrukt der Vergangenheit, das Überarbeitung bedarf. Im jetzigen Modus setzt es die falschen Anreize. Wer für einen Marathon trainiert hat allein dadurch schon so viel von unserer wunderbaren Umwelt gesehen, dass bewusst sein muss, was sich zu schützen lohnt. Auch der Marathon muss sich also wandeln.

Beitrag von Markus Heidl
Foto © LaufReport

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Träume eines Läuferlebens von Markus Heidl
Verlag: Books on Demand - Erscheinungsdatum: 12.04.2021
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Halbzeit in Tokyo. Olympische Spiele so ganz anders? Ja und nein. Statt einander wertzuschätzen werden weiterhin Frauen diskriminiert. Es kommt noch immer zu rassistischen Beleidigungen. Falsch, der Fokus auf Nationen statt auf Leistungen und Persönlichkeiten. Es geht um mehr als um Medaillen und Statistik meint Dr.-Ing. Markus Heidl im 57. Pro & Kontra.

wawa, 30.7.2021

Fair Play,
was war das noch gleich?

von Markus Heidl 

Darf man stolz auf einen Zufall sein? Gerade jetzt, während den Olympischen Spielen, finde ich das eine berechtigte Frage. Das Phänomen kennt, denke ich, jede*r; durch die Berichterstattung wird es noch verstärkt: unabhängig vom Wettkampf schaut man vor allem auf die Beteiligung aus der eigenen Nation. In den USA beispielsweise ist diese Art der Berichterstattung noch viel extremer als bei uns in Deutschland.

Dabei ist es doch im Grunde Zufall, welcher Nation man sich zugehörig fühlt. Dass ich Deutscher bin, konnte ich mir weder aussuchen, noch beeinflussen. Dankbar bin ich dafür durchaus, weil ich mir meiner Privilegien bewusst bin. Aber warum sollte ich stolz auf meine Nationalität sein?

Wenn wir für "unser" Team D mitfiebern, geht es natürlich um Gemeinsamkeiten, denn persönlich kennt man die Athletinnen und Athleten nur in Ausnahmefällen, und auch dann hat man mit der Leistung in den meisten Fällen überhaupt nichts zu tun. Das verbindende Element ist aber vorhanden, da geht es uns wie auch sonst im Leben. Menschen, bei denen wir Gemeinsamkeiten sehen, wecken Sympathie, man findet Gesprächsthemen und teilt Ansichten.

An dieser Stelle ist, so finde ich, das Olympische Komitee mit einer klaren Aussage und entsprechendem Handeln in der Pflicht, sollen die Spiele doch vereinen. Die Olympischen Spiele standen für mich immer im Zeichen der Völkerverständigung. Ein großes Fest mit Sportlerinnen und Sportlern aus allen Herren Ländern, bei dem man vor allem feststellt, wie ähnlich man einander ist. Die Formel kann (im übertragenen Sinne) im Grunde so leicht sein: "Ich hab fünf Finger, du hast fünf Finger: lass uns Freunde sein!"

Lasst uns entsprechend gemeinsam wettkämpfen, einander wertschätzen und vor allem miteinander reden. Nur gemeinsam können wir die Welt retten. Die Olympischen Spiele sollten entsprechend gemeinsam gefeiert werden. Wir Zuschauer bewundern die Leistungen und das Können und finden Vorbilder für Fleiß, Durchhaltevermögen, Fokus und Konzentration. Die Nationalität spielt dabei keine Rolle, wenn wir ohne Vorurteile auf die Wettkämpfe schauen können.

Mit der jetzigen Politik des IOC werden die tollen Leistungen und Persönlichkeiten aber von Korruption, Werbung und Doping überschattet. Von solchen Spielen bin ich kein Freund, immer mehr geht mir dadurch die Freude an den Wettkämpfen verloren. Mir fehlt das Fair Play!

Moment, was war das noch gleich? Ach, richtig: "Fair Play ist ein Begriff, der ein bestimmtes sportliches Verhalten kennzeichnet, das über die bloße Einhaltung von Regeln hinausgeht. Es beschreibt eine Haltung des Sportlers, und zwar die Achtung des bzw. den Respekt vor dem sportlichen Gegner sowie die Wahrung seiner physischen und psychischen Unversehrtheit." - Wikipedia

Statt einander wertzuschätzen werden weiterhin Frauen diskriminiert, wenn Turnerinnen und (Beach)Volleyballspielerinnen Hosen verboten werden, wenn nicht die zwei Goldmedaillen der Bogenschützin An San gefeiert, sondern ihre Haarlänge diskutiert wird und wenn außerdem weiterhin die Periode tabuisiert wird. Doping und Korruption grassieren ebenso. Zu allem Überfluss werden dann noch Radfahrer als Kameltreiber beleidigt, was nicht nur höchst rassistisch ist, sondern auch als Beleidigung an sich rein gar nichts mit sportlicher Fairness zu tun hat.

Dennoch hoffe ich in meiner Naivität weiterhin. Meine Hoffnungen beruhen auf eigenständige Athlet*innen, die durch die sozialen Medien eine Stimme haben, die international und von sehr vielen Menschen gehört werden. Weil es dann international zur Behebung von Missständen kommen kann, weil wir dann gemeinsam Probleme lösen können. Weil es eben um mehr geht, als um eine Olympische Medaille, die wir in die nationale Statistik eintragen können.

Es bleibt dabei. Auf die Menschen kommt es an. Auf uns Menschen kommt es an!

Beitrag von Markus Heidl
Foto © Jens Priedemuth

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Ja, mit den Finals, den "kleinen Spielen", kann man sich anfreunden. Dass nicht alles im Fernsehen gezeigt wird, nun, dass ist für Laufbesessene nichts Neues. Wem steigt nicht der Kamm, wenn die Bildregie stur beim Werfer oder Springer verbleibt, egal ob der Versuch gelang, diesen zweimal wiederholt, um dann endlich vom sitzenden Athleten zurück aufs Laufoval zu schwenken? Und dann noch diese Werbeblocks. Trotzdem meint Markus Heidl: Weiter so!

wawa, 9.6.2021

Die Finals

- was ist eigentlich

selbstverständlich?

von Markus Heidl 

Was für eine grandiose Idee! Die Finals. Was im ersten Jahr mit fünf Sportarten begann, wurde mittlerweile auf 18 ausgeweitet. So muten die Deutschen Meisterschaften mit vielen verschiedenen Titeln wie eine Art Mini-Olympia an, was die Strahlkraft und Faszination vereint, wenn man die Gelegenheit bekommt, den Besten ihres Fachs zuzuschauen. Wie die Schwimmerinnen durch das Wasser gleiten, wie die Kletterer scheinbar unlösbare Routen meistern und dabei auch noch schnell sind. Mit welcher unglaublichen Eleganz Hürden überlaufen werden können und zu welcher Körperspannung der Mensch an Turngeräten fähig ist. Auch Klettern, BMX- und Kanufahren, Kampfsport, Triathlon oder beispielsweise Bogenschießen wurde gezeigt. Die Vielseitigkeit des Sports, gebündelt an einem Wochenende, live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Klasse!

Beim Zuschauen habe ich mir im Wesentlichen zwei Fragen gestellt: 1) Was können wir als selbstverständlich voraussetzen und 2) Wie könnten wir das Potential dieser tollen Idee noch weiter ausschöpfen?

Die erste Frage habe ich mir beim Bouldern gestellt, weil sich für mich nicht klar erschloss, was die Bewertungskriterien waren. Ging es nur ums Meistern der verschiedenen Routen? Zählte die Zeit mit in die Wertung? Vielleicht gab es zu Beginn der Übertragung eine kurze Erklärung, die ich aber verpasst habe. Ich kann mir vorstellen, dass ich dadurch nicht ganz so sehr gefesselt war, wie wenn ich es verstanden hätte. Das wiederum führte mich zu der Frage, wie verständlich eigentlich unsere geliebte Leichtathletik ist. Ist es klar, dass die Leistungen der Vorläufe nur zum Weiterkommen zählen und ansonsten im Finale nicht relevant sind? Ist es klar, dass beim Weitsprung nicht ab dort gemessen wird, wo abgesprungen wurde und beim Hochsprung eine Höhe ausgelassen werden kann? Oder braucht es bei einer solchen Übertragung eine Einblendung mit einer simplen Erläuterung, auf was es ankommt? Beim Bouldern hätte ich mir das gewünscht.

Wenn Experten kommentieren, hat das natürlich den großen Vorteil, dass sie wissen, wovon sie sprechen. Einher geht aber der Nachteil, dass manches als selbstverständlich betrachtet wird, was eventuell einer Erklärung bedurft hätte.

Genauso braucht es wahrscheinlich eine Einordnung der Leistung. 3:34,64 Minuten kann ich einordnen und bin umso beeindruckter. Im Schwimmbecken oder bei den Kanuten könnte ich nur raten, was eine gute Zeit über 1500 m wäre. Wenn denn diese Strecke überhaupt auf dem Programm steht. Gleichzeitig darf der Respekt vor allen Teilnehmer*innen nicht verloren gehen, was mich insbesondere am Samstag beispielsweise beim Speerwerfen oder auch beim Hindernislauf der Frauen gestört hat. Um das Niveau der Weltklasse zu erreichen, braucht es mehr als nur Trainingsfleiß. Immerhin sprechen wir von den besten der gesamten Bundesrepublik! Am Rande sei weiterhin bemerkt, dass Spitzenleistungen wie über 3000 m Hindernis der Männer komplett vernachlässigt wurden.

Als Läufer stört mich das natürlich, genauso, wie ich auch die Unterbrechungen während eines Rennens nicht mag. Allen Recht machen kann man es aber natürlich nie. Gefragt habe ich mich allerdings, wie viel mehr Potential noch in der Idee steckt (2).

Denn natürlich motivieren die Bilder im Fernsehen, die Disziplinen einmal selbst auszuprobieren. Vielleicht auch mit dem Ziel, einmal selbst so schnell, stark, geschickt oder athletisch zu werden wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Finals. Aber reicht das als Inspiration? Oder braucht es Mitmachangebote - direkt vor dem Bildschirm? Vor dem inneren Auge schwebt mir für die Finals - und vielleicht sogar schon bei Landesmeisterschaften? - eine Sportstätte ähnlich einem olympischen Dorf vor, in dem sich die Sportlerinnen und Sportler disziplinübergreifend kennenlernen, wo Mitmachangebote zum Ausprobieren einladen und inspirieren, wo einmal im Jahr die Werte des Sports gefeiert werden.

Doch leider habe ich auch noch etwas anderes mitgenommen, war doch die zwischengeschaltete Werbung im ZDF sehr irritierend. Als schlicht erschreckend ist die Auswahl der beworbenen Produkte zu bezeichnen. Krank werden kann man allein vom Zuschauen, Abhilfe schaffen die verschiedenen beworbenen Pillen und Salben. Zum Einschlafen, bei Harndrang, Verstopfung oder Schmerzen. Muss das sein? Trotz Rundfunkbeitrag, den wir zahlen?

Dennoch bleibt der positive Eindruck der Finals. Über Leichtathletik im Fernsehen freue ich mich immer, die Finals hatten zusätzlich noch mehr zu bieten. Weiter so! Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

Beitrag von Markus Heidl
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Der um ein Jahr verschobene Termin der Olympischen Spiele rückt näher. Corona-bedingt klemmt es aber noch immer in vielen Bereichen schon bei den Qualifikationen. Absehbar wird es keine Spiele wie gewohnt geben können, wenn überhaupt. Kraftanstrengungen wenigstens den Profisport beizubehalten finden ein geteiltes Echo. Die Chance, in der Pandemie den Sport aus den kapitalistischen Klauen zu befreien, wird vertan.

wawa, 9.4.2021

Ach, Herr Bach.
von Markus Heidl 

Auch Dr. Thomas Bach, jüngst am 10.03.21 auf einem virtuellen Kongress des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ohne Gegenkandidaten für weitere vier Jahre als Präsident des Olympischen Komitees bestätigt, hat es derzeit sicher nicht leicht. Denn weiterhin sind die Olympischen Sommerspiele in der Schwebe. Die COVID-19 Pandemie hängt wie ein Damoklesschwert insbesondere über Großveranstaltungen. Als Präsident steht Herr Bach in gewisser Weise als Person für die Entscheidungen um Olympia.

Nun wurden die Spiele im letzten Sommer vernünftigerweise verschoben. Vertagt in ein Folgejahr, für das man die Hoffnung hatte, dass alles besser sein würde. Nur haben wir mittlerweile nicht nur weiterhin ein weltweit verbreitetes Virus, sondern zudem mutierte Versionen davon, die weitaus ansteckender sind, während wir insbesondere weltweit betrachtet noch lange nicht genug Impfstoff zur Verfügung haben. Und weil, wie sich zuletzt bei den Europameisterschaften in Torun zeigte, selbst die ausgeklügelsten Hygienekonzepte nicht ausreichen. Dort hatte es im Anschluss allein im deutschen Team sieben positive Fälle gegeben.

In manchen Ländern wurde bereits diskutiert, ob Profisportler:innen den Impfstoff früher bekommen sollen, um Wettkämpfe und gerade auch die Spiele stattfinden lassen zu können. Doch mit welcher Begründung? Ärzt:innen und Pflegepersonal, Erzieher:innen und Lehrer:innen sowie viele weitere Angestellte in gesellschaftlich relevanten Positionen sind wichtiger und müssen genauso Priorität haben wie Risikopatient:innen. Denn klar ist: wir brauchen den Profisport nicht.

Natürlich leben die meisten Profis gewisse Werte wie Disziplin, Durchhaltevermögen und Fleiß vor. Sie bieten Inspiration und nehmen eine Vorbildfunktion ein. Natürlich machen die Olympischen Spiele Lust, selbst Sport zu treiben, den Idolen nachzueifern. Natürlich werden gerade auch bei den Spielen Sportarten gezeigt, die sonst kaum im Rampenlicht stehen. Und natürlich wären gerade auch solche TV-Übertragungen eine willkommene Abwechslung in Zeiten wie diesen.

Doch gerade die Olympischen Spiele hatten in der öffentlichen Wahrnehmung zuletzt ein immer schlechteres Image. Als Außenstehender hatte man leider viel zu oft das Gefühl, dass es immer mehr um die Werbegelder geht, immer weniger entsprechend um den Sport und die Werte. Hand in Hand gehen damit die sich gefühlt häufenden Doping- und Korruptionsfälle, die eher vertuscht als transparent aufgearbeitet wurden. Zumindest wirkte es so.

Dazu hat auch Thomas Bach beigetragen. Der deutsche Jurist und Sportfunktionär war selbst als Fechter (Florett) 1976 Olympiasieger mit der Mannschaft. Schon früh war er in der Sportpolitik engagiert und beispielsweise 1975-1979 Aktivensprecher des Deutschen Fechter-Bunds. 1991 wurde er ins IOC berufen, seit 2013 ist er als Nachfolger von Jacques Rogge Präsident des Olympischen Komitees. 2025 kann er laut Olympischer Charta nicht erneut kandidieren. Kritisiert wurde er in der Vergangenheit nicht nur für seinen Beratervertrag mit Siemens, auch wurde ihm der Preis "Verschlossene Auster" für die restriktive Informationspolitik des Olympischen Komitees verliehen. Die wenigen Informationen, die sich über ihn finden lassen, sind überschattet vom Gegenteil des Fair-Play, nämlich von Korruption und Interessenskonflikten: Thomas Bach gilt als Sympathisant von Wladimir Putin, wodurch Journalisten das inkonsequente Vorgehen gegen das russische Staatsdoping begründet sehen.

Neben dem beschämenden Umgang mit Betrug und Doping war Bach weiterhin nicht zur Eröffnungsfeier der Paralympics in Rio erschienen (das IPC war im Gegensatz zum IOC in der Lage, russische Athleten auszuschließen), verweigerte seine Zeugenaussage bei Korruptionsermittlungen, besitzt seit 1994 ohne Begründung einen Diplomatenpass und will ebenso wie Blatter von illegalen Geschäften (Stichwort Ticketverkäufe) unter sich nichts mitbekommen haben. Natürlich ist er juristisch nicht belastbar, dennoch sieht Fair Play anders aus. Gerade in einer Vorbildfunktion. Wäre es nicht doch Zeit für einen Wechsel?

Mit den jetzigen Vorzeichen werden die nächsten Olympischen Spiele - sofern sie denn stattfinden - mehr zu einem Konkurrenzkampf statt zu einer Völkerverständigung. Nun ist die Wahl des Präsidenten bereits in trockenen Tüchern, vielleicht wäre die Pandemie aber dennoch auch für das IOC die notwendige Chance für einen kompletten Neuanfang, die Möglichkeit für einen Wandel hin zu mehr Transparenz und sportlicher Fairness. Damit der Olympische Gedanke wieder eine Chance bekommt.

Beitrag von Markus Heidl
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Die unglaublichen Resultate, die japanische Athleten beim Biwa-See-Marathon Ende Februar erzielten, beschäftigen Dr.-Ing. Markus Heidl. Was ist dran am anderen Konzept, für Firmen und nicht für Vereine zu starten? Oder liegt es am anderen Training? Es geht im Beitrag nicht um die Vor- und Nachteile reiner Eliterennen, die wir aktuell bei uns erleben. Zum 54. Pro & Kontra

wawa, 11.3.2021

Ein Blick über den Tellerrand
von Markus Heidl 

Am 28. Februar fand der letzte Biwa-See-Marathon statt. Das könnte man als sehr schade bezeichnen, ist doch das traditionelle Eliterennen stets ein besonderes gewesen. Nach 76 Ausgaben wird das Rennen ab nächstem Jahr vom Osaka Marathon geschluckt. Besser jedoch hätte die Geschichte des Lake Biwa Marathon nicht enden können. Es war ein Ende mit Knall, ein doppeltes Ausrufezeichen, ein absoluter Hammer! Und damit ein wirklich würdiger Abschluss:

Bei perfekten Bedingungen wurde nicht nur ein neuer japanischer Rekord gelaufen, auch die Dichte des Feldes war überwältigend. Als erster überlief Kengo Suzuki die Ziellinie. Nach 36 Kilometern, als es gerade so schien, als entglitten alle Rekordversuche, zündete er die Rakete und lief die letzten 6 km im Schnitt von 2'51-2'53/km, für die letzten 5 km wurden 14:24 min gestoppt. Das Ergebnis: unglaubliche 2:04:56 Stunden - eine Zeit, die an das sagenumwobene Rückenwindrennen in Boston erinnert, als Ryan Hall ebenso die 2:05 h knackte. Es ging aber noch weiter: insgesamt liefen fünf Männer unter 2h07, 15 Männer unter 2h08, 28 Männer unter 2h09 und 42 Männer unter 2h10. Allesamt Japaner! Mit einer Zeit von 2:15:19 h landete Takashi Kono gerade einmal auf Rang 100. Und der mittlerweile weltweit bekannte Yuki Kawauchi lief am Biwa-See als Zehnter übrigens eine neue persönliche Bestzeit von 2:07:27 h. Stellt euch das einmal in Deutschland vor!

Vielstarter Yuki Kawauchi hier beim BMW Berlin Marathon und beim Bitburger 0,0% Silvesterlauf in Trier mit Gesa Krause und Micah Kogo (Foto oben)

Nun soll es in diesem Pro & Kontra nicht um die Vor- und Nachteile reiner Eliterennen gehen, die wir in unserer aktuellen Lage derzeit öfter erleben. Es soll vor allem um das völlig andere Konzept des japanischen Laufsports gehen. Dieses findet nämlich trotz des beachtenswerten Erfolges hierzulande kaum Beachtung. Aufgrund der immer wieder überzeugenden Ergebnisse müssen wir uns doch etwas abschauen können, denn mit den genetischen Vorteilen afrikanischer Läufer:innen können wir uns diesmal nicht herausreden. Auch könnte man wieder mit der Schuh-Thematik beginnen und wie viel uns die neue Technik (die Kombination aus Schaum und Carbon) schneller macht - diese kommt mittlerweile aber weltweit jedem zugute. Das japanische Modell vereint einiges mehr.

Hervorragend ist zunächst die Stellung der Läuferinnen und Läufer. Das Laufen ist zwar nicht Volkssport Nr. 1 und nicht mit dem deutschen Fußball zu vergleichen, dennoch aber ein ehrenhafter Sport. Weiterhin ist das Laufen dort sowohl in die Uni, als auch - und das ist für Profiläufer noch viel interessanter bzw. wichtiger - in die anschließende berufliche Karriere integriert. In Japan wird nicht für Vereine sondern für Firmen gestartet, auf deren Gehaltsliste die Athletinnen und Athleten stehen. Nach Ende der sportlichen Karriere geht es nahtlos als Arbeitnehmer:in weiter, sodass positive Attribute wie Leistungswillen, Disziplin, Durchhaltevermögen usw. Einzug in die Unternehmenskultur halten. Die finanzielle Absicherung der Gegenwart und Zukunft wiederum ermöglicht die volle Konzentration auf das (Marathon-) Training.

Und zusätzlich zu all diesen organisatorischen Grundvoraussetzungen ist da außerdem noch ein komplett anderes Trainingskonzept. Übertrieben könnte man es als Konzept der Langsamkeit bezeichnen, steht doch vor allem der Umfang im Fokus. Wird bei uns von wirklich hohen Umfängen gesprochen, reden wir von 200 km pro Woche. In Japan hingegen scheinen 200 Meilen pro Woche nicht unüblich: das entspricht 320 km/Woche. Natürlich im angepassten Tempo, häufig auch sehr langsam, bis gar hin zu langen Wanderungen. Es geht um die Willensstärke und schlicht die Zeit, die "auf den Füßen" verbracht wird. Selbst ein Spitzenläufer wie Yusuke Ogura, beim Biwa-See-Marathon Fünfter und mit einer Halbmarathon-Bestzeit von exakt 60 Minuten (!) ausgestattet, joggt nicht selten im 5'00/km-Schnitt daher, wie man auf der Plattform strava einsehen kann. Da sind wir, die wir 2:30 h-, 3:30 h- oder auch 4:30 h-Marathonläufer:innen sind, häufig im gleichen Tempo unterwegs. Vielleicht sollte uns das zu denken geben.

Im Spitzensport geht es vor allem um Glauben sowie darum, die richtigen Reize zu setzen. Mit Glauben ist an dieser Stelle der Glaube an die eigenen Fähigkeiten (Selbstbewusstsein) sowie in das eigene Training gemeint: wer nicht davon überzeugt ist, das Richtige zu trainieren, kann nicht erfolgreich sein. Gleichzeitig ist aber zu beobachten, dass immer mehr Läuferinnen und Läufer immer ähnlicher trainieren. Auf der einen Seite ist das gut. Zum einen kann man sich gegenseitig unterstützen, zum anderen aus den guten Ergebnissen der anderen Selbstbewusstsein ziehen. Dennoch heißt es noch lange nicht, dass ein Trainingskonzept, dass für A funktioniert, auch für B funktionieren muss. Schnelle lange Läufe beispielsweise sind derzeit "in", funktionieren allerdings sicher nicht für alle. Dann lohnt ein Blick über den Tellerrand hinaus. Wie wäre es stattdessen mit einer 60-km-Wanderung? Es gibt viele Wege nach Rom - oder in diesem Fall besser gesagt: nach Marathon.

Beitrag von Markus Heidl
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Geht´s ums Laufen, gibt´s eigentlich kein Kontra. Gründe warum wir laufen, werden in diesem Beitrag genannt. Und doch bleiben es Momentaufnahmen, denn sie ändern sich in einem langen Läuferleben. Erinnert werden die aufgezählten Gründe aber immer gern. Die harten und grenzwertigen Lauferlebnisse, die von Erfolg gekrönten und die Niederlagen. 53. Pro & Kontra-Beitrag von Dr.-Ing. Markus Heidl.

wawa, 16.1.2021

Tausendundein Gründe, warum wir laufen
von Markus Heidl 

Ich bin schon morgens um sechs Uhr gelaufen. Sonntags, im Regen. Auch habe ich schon Intervalle gemacht, obwohl ich zuerst überhaupt keine Lust hatte. Ich habe mir Laufsachen angezogen, trotzdem ich müde war und mich die Couch mit aller Macht rief. Immer wieder habe ich meine Laufschuhe geschnürt und diesen ersten Schritt gemacht, zu dem man sich überwinden muss. Ich habe geschwitzt, geflucht, die Zähne zusammengebissen und stets aufs Neue meinen Tag so umorganisiert, dass noch ein wenig Zeit zum Laufen blieb.

Aber warum eigentlich?

So gerne ich laufe und so viel Spaß es mir bisweilen macht, so fühle ich mich nicht immer gut dabei - Laufen kann hin und wieder auch eklig sein. Lange Zeit dachte ich, die Motivation in Form zu kommen rühre von großen Wettkämpfen. Wenn der Marathon im Herbst ruft, ist das ganze Training schon ab dem Sommer nur für diesen einen Tag konzipiert. Während so manchem Lauf stellt man sich den Zieleinlauf vor. Und wenn es mal wieder hart ist, macht man weiter, um es im Rennen selbst dann leichter zu haben.

Dann aber kam die Pandemie und nahm uns die Wettkämpfe. Sicher gab es infolgedessen den einen oder die andere, die in ein Motivationsloch fielen. Nach und nach fingen sie aber alle wieder an. Mal nach wenigen Tagen, mal nach einigen Wochen. Manche mit der Hoffnung auf zukünftige Rennen, andere einfach nur so. Dennoch scheint der Beweis erbracht, dass es nicht die Rennen sind, die uns wirklich motivieren.

Natürlich bleibt das Argument, dass man sich hinterher - nach (fast ausschließlich) jedem Lauf - immer besser fühlt als zuvor. Laufen hilft nun mal. Dennoch könnte man allein mit diesem Argument nicht begründen, warum Trainingspläne geschmiedet, Tempoprogramme abgespult, Sprints in den Asphalt gebrannt und lange Läufe durchgeboxt werden. Bis dahin würde Joggen reichen.

Nun ist gegen eine gepflegte Joggingrunde überhaupt nichts einzuwenden. Sehr gerne lasse ich mich im Wohlfühltempo treiben, bade im Wald und lasse die Gedanken schweifen. Um dabei aber mehr Spaß zu haben, denke ich, braucht es hin und wieder andere Reize. Und damit kommen wir dem Kern des Ganzen schon näher.

Ausgeschlossen werden soll aber zunächst keinesfalls, dass jede Quälerei beim Laufen besser ist, als gar nicht erst laufen zu können. Verletzte können ein Lied davon singen. Zwar beschwert man sich innerlich hin und wieder, wie anstrengend die Lauferei ist - wenn man aber durch eine Krankheit oder Verletzung nicht laufen kann, sehnt man sich geradezu selbst nach den gefühlt schlechten Läufen.

Besonders schön am Laufen ist auch die Gemeinschaft. Über jedes Vorurteil hinweg vereint der Sport. Allein durch diese eine Gemeinsamkeit haben Läuferinnen und Läufer stets ein Gesprächsthema. Überhaupt ist es vielleicht nur die Gemeinschaft, die organisierte Laufveranstaltungen ausmachen. Keine Jagd nach schnellen Zeiten, sondern schlicht und einfach der Austausch vor und nach einem Lauf. Ob mit oder ohne Kuchen, ob auf einer harten Holzbank oder in einer stickigen Turnhalle. Auch kann eine Freundschaft kaum enger sein, als wenn sie auf der Laufstrecke geschmiedet wurde. Wer gemeinsam gelitten, beim Umziehen gefroren und gemeinsam geträumt hat, den verbindet mehr als bloße Gemeinsamkeiten.

Aber knautschen wir deswegen? Keineswegs. Auch das oft besungene Bessere Ich kann nicht wirklich langfristig motivieren. Wen interessieren schon Bauchmuskeln, wenn die Schokolade lockt?

Ich persönlich trainiere für ein Gefühl, das ich nur erreiche, wenn ich in guter Form bin. Denn das, was das Laufen wirklich ausmacht, ist der Moment, wenn man Fliegen kann. Dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit, wenn alles stimmt. Diese Empfindung vor dem Start, wenn man weiß, dass alles möglich ist. Die schlichte, kindliche Freude am Rennen. Dieser Moment, im Hier und Jetzt, im perfekten Lauf.

Darum laufen wir.

Beitrag von Markus Heidl
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Nein, mit der Pandemie beschäftigt sich Dr.-Ing. Markus Heidl nicht direkt. Klima, Gesundheit und Tierwohl sind seine Themen. Ich baue aber die Brücke zu den besonders Gefährdeten in der Corona-Krise, den Millionen mit Vorerkrankungen. Ursächlich ist dafür häufig eine ungesunde Lebensweise. Wer verantwortlich mit sich selbst und der Umwelt umgeht, sich fit hält und sich pflegt, kommt besser durch.

wawa, 21.11.2020

Das andere Fleisch
von Markus Heidl 

Es gibt die einen, die sich nicht einmal vorstellen können, auf Fleisch zu verzichten. Und es gibt die anderen, die den Verzehr sämtlicher tierischer Produkte ausschließen. Die Fronten sind verhärtet, wenn aber beide Seiten zumindest ein wenig über den Tellerrand blicken, können wir uns zumindest darauf einigen, dass eine Reduktion unseres Fleischkonsums Sinn macht. Weniger Fleisch ist besser für die Gesundheit (Diabetes, Medikamente, rotes Fleisch ist laut WHO "wahrscheinlich krebserregend"), besser für das Klima (enorme Produktion von Treibhausgasen, auch durch die Futtermittelproduktion) und natürlich besser für die Tiere selbst (98 % Massentierhaltung in Deutschland).

Von der Prämisse ausgehend, dass weniger Fleisch gegessen werden will, kann man zum einen die wunderbare Vielfalt der vegetarischen und veganen Küche erkunden, die weit mehr Möglichkeiten bietet als das Denkmuster "Fleisch + Beilage + Gemüse = Hauptgericht"; zum anderen kann man mittlerweile sehr einfach die gewohnten Fleischprodukte durch "das andere Fleisch", also Fleischersatzprodukte ersetzen. Diese kommen dem Original geschmacklich und in puncto Konsistenz immer näher, sodass sie auch von Fleischliebhabern, die den aromatischen Geschmack vermissen, sich aber klar gegen einen oder mehrere der oben genannten Gründe positionieren, gekauft werden. Auch für Milch und Milchprodukte, Eier, Fisch und Wurst gibt es gute Alternativen.

Wie aber werden der ähnliche Geschmack und die vergleichbare Konsistenz erreicht? Klar ist, dass Ersatzprodukte hochverarbeitete Lebensmittel sind. Die veganen Pattys einer bekannten Marke beinhalten beispielsweise 21 Zutaten, fünf Zusatzstoffe und Aromen. Auch veggie-Wurst oder Sojaschnitzel sind teilweise zu fett, zuckerhaltig oder salzig, weshalb ein Blick auf die Zutatenliste stets ratsam ist. Genau wie in klassischer Wurst kann viel in der Masse versteckt werden.

Wie das Beispiel der Wurst bereits andeutet, schneiden Ersatzprodukte bezüglich Salz- und Fettgehalt in der Regel allerdings deutlich besser ab als verarbeitete Fleischprodukte. Auch Antibiotika oder Wachstums-Hormone sind nicht enthalten. Laut Albert Schweitzer Stiftung stellen viele Fleischalternativen eine qualitativ hochwertige Proteinquelle dar. Beim Energiegehalt schnitten die fleischlosen Alternativprodukte meist etwas günstiger ab als die Fleischprodukte, wobei generell mehr Kohlenhydrate enthalten sind, was manche Diät beeinflussen mag.

Im Verhältnis mit dem Original fällt zusätzlich auf, dass das Siegel ‚vegan' häufig automatisch dazu führt, den Preis ordentlich zu erhöhen. Einerseits könnte man argumentieren, dass mit den neumodischen Ersatzprodukten ordentlich Geschäft generiert werden soll. Andererseits stellt sich auch dann wieder die Frage, wie nur so günstig Fleischprodukte produziert werden können. Wenn veganer Aufschnitt doppelt oder sogar mehr als dreifach so teuer wie ein herkömmlicher Schinken ist, kommt die Frage auf, unter welchen Bedingungen die Schweine leben müssen. Die Massentierhaltung ist das abstruse Normal geworden, dem auch mit einem gerechten Preis für Fleisch entgegengewirkt werden muss. Tiere sind keine Dinge, sondern Lebewesen.

Falsch wäre dennoch der Umkehrschluss, ‚vegan' automatisch mit gesund zu assoziieren. Statistisch gesehen ernähren sich Veganer gesünder als Fleischesser, meist aufgrund der einfachen Tatsache, dass sie sich viel mehr mit ihrer Ernährung auseinandersetzen. Dennoch könnte man überspitzt gesagt den ganzen Tag Pommes mit Ketchup essen, was zwar vegan, aber sicher nicht gesund ist.

Ein generelles Problem unseres Fleischkonsums ist die Abstraktheit des Produkts: kaum ein Erzeugnis bringt man noch mit dem Tier in Verbindung, sei es Hack, Fleisch-, Leber- oder andere Wurst wie auch Salami, paniertes Schnitzel oder Chicken Nuggets, Joghurt und Käse bis hin zum Gulasch. Im Umkehrschluss braucht dafür aber auch kein Tier zu leiden und schließlich zu sterben.

Fleisch könnte, ginge man zu einem Metzger mit eigener Schlachtung, unverpackt verkauft werden. Im Supermarkt hingegen wird insgesamt sehr viel Plastikmüll erzeugt, seien es nun die Verpackungen aus der Fleischtheke oder der Ersatzprodukte. Dennoch werden weniger Ressourcen für die Produktion eines Ersatz-Schnitzels oder eines Soja-Würstchens gebraucht als für das entsprechende Fleischprodukt, womit wir wieder beim Klima-Aspekt angekommen wären. Ebenso zum Thema Klima gehört der Transportweg.

Wenn es nun um die heimische Tierhaltung geht, wird es erst so richtig problematisch, wird diese doch weiterhin schlicht und einfach falsch dargestellt, haben wir doch trotz 98 % Massentierhaltung das Bild von glücklich auf der sonnigen Weide stehenden, mit Bergen im Rücken grasenden Kühen im Kopf, was auch durch die Verpackungen suggeriert wird.

Gründe genug, um es vielleicht einmal zu probieren, mit dem anderen Fleisch oder gar einem veganen Tag pro Woche. Für unsere Gesundheit, für unser Klima und für die Tiere.

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Immerhin bleibt Individualsport auch im November gestattet, darf aber nur allein oder maximal zu zweit auf Sportanlangen ausgeführt werden, so verlautbart es die Hessische Landesregierung. Also scheint es außerhalb von Sportanlagen erlaubt zu sein, dass bis zu 10 Personen aus maximal 2 Haushalten zusammen laufen können. Kurzum, will man straffrei experimentieren gilt es die regionalen Vorgaben einzuhalten.

wawa, 31.10.2020

Rhythmus neu denken
von Markus Heidl 

Würdet ihr euch als starr bezeichnen? Als Läufer ist man doch eigentlich sehr flexibel, oder? Denn wenn der Tag voll ist, stehen wir früher auf und machen unseren Lauf frühmorgens, wenn wir in der Mittagspause laufen wollten und sich der Terminplan so ändert, dass das nicht möglich ist, laufen wir noch nach der Arbeit. Wenn es sein muss auch spät nachts - ein bisschen Zeit ist immer. Und die Laufschuhe sind innerhalb kürzester Zeit geschnürt.

Dennoch würde ich mich selbst rückblickend aber nicht als flexibel bezeichnen, gab es doch stets feste Termine für bestimmte Trainings. Jahrelang waren Dienstag, Donnerstag und Samstag die Leichtathletik-Trainingstage, der Dienstag blieb auch zu Zeiten des ambitionierten Marathontrainings bestehen: Dienstag hieß Tempotraining, ziemlich unabhängig von den sonstigen Laufeinheiten der Woche, ziemlich unabhängig auch von der Tagesform.

Auf der einen Seite ist das gut: im Vereinstraining hat man Trainingspartner, die einen mental unterstützen und enorm dabei helfen, schnell zu laufen. Manchmal muss man an und über seine Grenzen gehen, um sich weiterzuentwickeln. Und gerade im Marathontraining muss man lernen, auch mit müden Beinen schnell zu laufen.

Andererseits sind die Rahmenbedingungen sehr steif. Wenn wöchentlich die Termine festgelegt sind, ist der Spielraum sehr viel begrenzter. Natürlich gibt es Daumenregeln, wie beispielsweise, dass im Normalfall pro Woche nicht mehr als zwei Mal "hart" und zwei Mal "mittel" trainiert werden sollte. Auch gibt es einige Trainingsgruppen, die sich an einem wöchentlichen Rhythmus orientieren, so liest man beispielsweise immer wieder von einer in den sozialen Medien sehr präsenten Gruppe aus Kenia, in der der lange Lauf stets donnerstags absolviert wird. Ebenfalls könnten beispielsweise religiöse Vorstellungen dazu führen, immer an einem festen Wochentag zu pausieren.

Dennoch trainieren manche Profis anders. Meb Keflezighi beispielsweise hatte sich vollkommen vom sieben-Tage-Rhythmus einer normalen Woche gelöst und absolvierte seine Kerneinheiten an jedem dritten Tag. Der hierzulande vielleicht bekanntere Philipp Pflieger, der seit Anfang des Jahres unter den Fittichen von Trainerlegende Renato Canova steht, berichtet vom selben Rhythmus: unabhängig vom Wochentag folgen nach einer harten Einheit zwei lockere Tage (wobei auch dann natürlich einiges an Distanz zurückgelegt werden kann). Und manchmal wird die Zahl der ruhigen Tage auch erhöht, je nach Körpergefühl.

Auch diesen Ansatz könnte man noch weiter treiben: wer seinem Körpergefühl nicht vertraut, schaut auf seine Herzfrequenzvariabilität. Auch dabei geht es im Grunde aber darum, dann den nächsten Trainingsreiz zu setzen, wenn der Körper dafür bereit ist - nicht, wenn der Kalender den festen Tag des Tempotrainings (oder des langen Laufs etc.) zeigt.

Und vielleicht ist genau jetzt die richtige Zeit, sich einmal vom gewohnten Rhythmus zu lösen und etwas Neues auszuprobieren, denn für mindestens die nächsten vier Wochen ist unsere Normalität einmal mehr auf den Kopf gestellt. Losgelöst vom getakteten Alltag können wir den Shutdown nutzen, um uns selbst etwas besser kennenzulernen und unser Training an die Bedürfnisse der eigenen körperlichen Voraussetzungen anzupassen. Und wenn es nicht passt, können wir hoffentlich bald wieder zur Normalität zurückkehren.

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Da radelt der LaufReport-Kollege vom Training heim und was bringt er uns mit? Nicht nur sein 50. Pro & Kontra, wofür ich mich herzlich bedanke, sondern auch noch die Idee, die Nutzung von Kraftfahrzeugen total zu überdenken. Und irgendwie, und das sage ich als eingefleischter Autofahrer, klingt es durchaus vernünftig.

Walter Wagner, 10.10.2020

Das Auto muss weg
von Markus Heidl 

Neulich, da fuhren wir nach dem Training zu viert auf einer ganz normalen Straße. Nebeneinander, weil nichts los war - das Sportzentrum liegt etwas abseits neben einem Industriegebiet, da ist in den Abendstunden nicht viel Verkehr. Und dieses freie Fahren, das war ein tolles Gefühl! Sieht so die Zukunft aus?

Denn glücklicherweise gibt es bereits erste Diskussionen um die Vormachtstellung des Automobils. Derzeit ist Autofahren viel zu angenehm und günstig, die schlagendsten Argumente hat hierfür Prof. Knoflacher aus Wien, der dort nicht nur bereits zeigen konnte, wie viel attraktiver Städte werden, wenn dort nicht Auto gefahren wird - aus zugeparkten Straßen werden freie Plätze zum Spielen mit der ganzen Familie, aus großen, stinkenden Kreuzungen werden grüne Inseln, wo Restaurants große Außenbereiche haben und Menschen in Ruhe und ohne Abgase zusammenkommen können. Die autofreie Innenstadt ist also keine Utopie mehr, Prof. Knoflacher geht gar so weit, Autofahren als "asozial" zu bezeichnen.

Grundsätzlich nämlich ist ganz Deutschland (und Europa?) auf das Auto ausgelegt. Aber ist unsere Normalität überhaupt annehmbar? Warum müssen Kinder, wenn sie über die Straße laufen, nach Autos schauen - und nicht umgekehrt? Auch der Flächenverbrauch eines Autos ist absurd (hier erinnert das "Gehzeug" von Prof. Knoflacher an die aktuellen COVID-19 Abstände), unsere Städte sind so voll, dass autofreie Straßen und freie Parkplätze ganz ungewohnt sind. Direkte Vergleiche aus Wien zeigen, wie viel Lebensqualität wir hier verschenken. Statt mit unseren Autos einfach wegzufahren, um "in die Natur" zu flüchten, müssen wir unseren Lebensraum verteidigen. Besser wäre es doch, wenn man gar nicht erst wegfahren müsste, um es schön zu haben.

Insbesondere der Einzelhandel hatte darauf gedrängt, dass genügend Parkplätze für die Kunden vorhanden sind. Erst durch Sperrungen von Straßen für Autos zeigt sich jetzt immer wieder, wie viel lieber wir uns aber in der Innenstadt aufhalten, wenn keine Autos stören. Schlendern ist dann angenehm, was wiederum dem Einzelhandel gut tut. Überhaupt ist Einkaufen sehr gut zu Fuß, mit dem normalen Fahrrad oder mit den immer häufiger aufkommenden Lastenrädern möglich. Wer gar nicht erst daran denkt, für kleine Wege das Auto zu nutzen, bleibt allein durch den Alltag länger fit.

Natürlich muss es Ausnahmen geben. Geschäfte müssen beliefert und Menschen, die nicht mehr mobil sein können, versorgt werden. Hierfür wären Liefer- und Pflegedienste auf Elektrobasis denkbar, die im Regelfall sogar mit beschränkten Zufahrtszeiten auskommen.

Und wie kann das auf dem Land funktionieren? Natürlich heißt es sofort, dass es ohne öffentliche Verkehrsmittel keine Alternative zum Auto gibt. Gerade aber durch die höheren Geschwindigkeiten werden nur die Wege länger, die investierte Zeit bleibt gleich. Es werden weite Strecken gefahren, um dieselben Dinge einzukaufen, die es auch im kleinen Laden um die Ecke gibt. So zerstört das Auto die kleinen Strukturen und verändert die Wirtschaftsstruktur, die Stadtstruktur und die sozialen Beziehungen. Ziel sollte es sein, kleine Geschäfte zu fördern.

Auch der Arbeitsweg sollte mit dem Fahrrad angenehmer sein als mit dem Auto. Hier konnte die weltweite Pandemie mit dem dadurch akzeptierten "Home Office" aufzeigen, wie sehr wir durch das viele Autofahren dem Klima schaden. Eine Vision sind, um zügiges Radfahren zu fördern, Induktionsschleifen auf Fahrradwegen vor vielbefahrenen Straßen, die den Autoverkehr automatisch für die Durchfahrt stoppen. So müsste keine Unterführung oder Brücke gebaut werden und macht gleichzeitig das Autofahren unattraktiver. Und genau da müssen wir Stück für Stück hin, denn Autos zerstören die Natur, die Landschaft, unsere Städte wie auch die Wirtschaft - und entziehen zusätzlich nachhaltigen Verkehrsmitteln den Boden. So sehr ich aus Umweltsicht den Trend zu Elektroautos befürworte bleibt doch die Denkweise zu eingeschränkt. Das Denkmuster, sich durch die Kraft des Autos stark und überlegen zu fühlen, ist veraltet.

Wir Läufer wissen um die Kraft unserer Beine und die Ausdauerfähigkeit des menschlichen Körpers. Wir Läufer wissen, wie weit man zu Fuß kommen kann. Das Gehen sollte als Fortbewegungsart die oberste Priorität haben, denn Laufen ist gesund, ökologisch sowie sozial und ökonomisch verträglich. Für längere Wege kommt erst das Fahrrad, dann die öffentlichen Verkehrsmittel. Und das Auto, das muss weg.

Siehe dazu auch unter Leserbriefe   

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Konjunktur haben die Angebote des virtuellen Wettkampfs. Gut ist, dass das Laufen noch in der Realität verbleibt und ohne Bewegungsübelkeit. Die ist eine Begleiterscheinung in der virtuellen Realität. Öffnen die auferlegten Corona-Beschränkungen der Virtualität die Pforten? Werden wir bald mit Virtual-Reality-Headsets und Datenhandschuhen unsere Laufwettbewerbe auf omnidirektionalen Laufplatten austragen? Die von Dr.-Ing. Markus Heidl angemahnte hinkende Vergleichbarkeit ließe sich beheben.

Walter Wagner, 29.4.2020

Können virtuelle Rennen mehr sein als ein Kampf gegen sich selbst?
von Markus Heidl

Kanntet ihr die Website digitalepo.com? Dort wurden dem modernen Doper gänzlich neue Möglichkeiten geboten. Was wurden von Betrügern im Sportgeschäft schon für Anstrengungen unternommen, um andere davon zu überzeugen, dass sie besser sind, als sie es tatsächlich waren. Doch Dopingmittel kosten Geld, sind potentiell gefährlich und man läuft Gefahr, gesperrt zu werden.

Einfacher funktionieren die Betrügereien im digitalen Raum. Denn digitale Daten sind leicht zu manipulieren. Auf der bewussten Website, die mittlerweile abgeschaltet ist, konnte man ganz leicht seine aufgezeichneten Bewegungsdaten hochladen und eingeben, um wie viel Prozent man gerne schneller gewesen wäre. Zack, schon ist man Streckenbestzeit oder gar Weltrekord gelaufen. Nun, man muss es nicht ganz so offensichtlich machen. Hier soll es nur um die Möglichkeit gehen, ebenso könnte man die Herzfrequenz verringern oder Höhenmeter ergänzen. Den epischen Vorstellungen sind keine Grenzen gesetzt!

Nun handelt es sich im beschriebenen Fall um die vorsätzliche Variante, die wir als faire Sportler gerne ausschließen würden. Doch gerade wenn es um Segmente oder die aktuell stark aufkommenden virtuellen Rennen geht, kann solch digitales Doping auch unabsichtlich geschehen. Messfehler unserer GNSS-Uhren (global navigation satellite system) kommen häufiger vor!

Typischerweise sprechen wir, so rechnete mein Professor für Messtechnik im Studium vor, auf eine Distanz von 10 km von einer Abweichung von ±200 m. Das kann die Ergebnislisten virtueller Rennen gehörig durcheinander würfeln! Überhaupt hat es mich schon immer geärgert - und das hier nur am Rande - wenn im Ziel von Rennen davon gesprochen wurde, dass die Strecke zu kurz oder zu lang sei, nur weil mehrere Uhren entsprechend gemessen haben. Häufig ist das Wertschätzen der standardisierten, offiziell vermessenen Strecke völlig verloren gegangen!

Doch zurück zu den unbeabsichtigten Vorteilen: durch Abschattungen (durch Gebäude, Bäume, etc.), Signal-Reflexionen (an größeren Flächen) oder auch Glättung von Kurven kommt es zu systematischen Fehlern, die schwer zu unterdrücken sind. Eindeutiges Indiz dafür wäre es beispielsweise, wenn der aufgezeichnete Track zur Seite springt oder zackig wird. Zur Erreichung von hohen Genauigkeiten sind entsprechend Umgebungen mit freier Horizontsicht günstig. Umso anfälliger sind diese Flächen dann natürlich aber für Wind.

Und Rückenwind und Gefälle sind die nächsten Einflussfaktoren, die sich bei virtuellen Rennen für jeden unterschiedlich gestalten. Digitale Wettkämpfe sind einfach kein adäquater Ersatz für wirkliche 1:1 Duelle, bei denen für jeden die gleichen Bedingungen herrschen. Auch die Motivation ist eine andere: die Gemeinschaft fehlt, wenn man normalerweise all die anderen am Wettkampfort trifft, das Adrenalin fehlt, wenn man einsam im Wald statt dicht gedrängt an der Startlinie steht und natürlich knautscht es sich auch besser, wenn es mit anderen in den Zielspurt geht, als wenn man ganz allein noch einmal beschleunigen muss.

Nichtsdestotrotz und allen Vorbehalten zuwider, ist die grundsätzliche Idee des gemeinsamen Sporttreibens eine hervorragende Idee. In Zeiten wie diesen haben wir nun mal keine Wahl, als uns vernünftigerweise virtuell zu treffen. Doch gerade im Vergleich ist Vorsicht geboten, nicht dass man sich noch am Ende herunterziehen lässt, nur weil andere vermeintlich schneller sind. Schließlich gibt es immer eine/n Schnellere/n! Die digitale Welt ist und bleibt nur ein Zerrbild der Realität. Auch völlig unabsichtlich ist man dort teilweise schneller oder öfter auch langsamer, als man es wirklich war.

Lasst uns gemeinsam Sport treiben, und sei es nur virtuell. Nur das Wetteifern, das müssen wir fairerweise verschieben.

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Wie man es macht, ist es falsch. Eine Volksweisheit, die sich auch bei der Olympiaqualifikation unterschreiben ließe. Ob es was für Deutschland wäre, die Olympiatickets im Marathon bei einem direkten Vergleich am Tag X zu vergeben? Einiges spräche dafür, anderes für den bisherigen langwierigen Tanz, dem noch der Leistungsnachweis folgt. Wie auch immer, die Medaillenausbeute der letzten Jahrzehnte spricht nicht gegen ein geändertes Verfahren. Dr.-Ing. Markus Heidl hat sich so seine Gedanken dazu gemacht.

Walter Wagner, 4.3.2020

Marathon-Trials für Deutschland?

Skulptur von Gerhard Völkle
von Markus Heidl

Am Samstag wurden die US-amerikanischen Marathon-Trials ausgetragen. 42,195 km durch das hügelige und windige Atlanta, über mehrere Runden, sodass es für die Zuschauer viel zu sehen gab. Große Felder und spannende Rennen, von ambitionierten Hobbysportlern bis hin zur absoluten Elite, schließlich ging es um die Olympia-Tickets. Auch die Athleten waren begeistert und sprachen ob der Stimmung von einem "scream-tunnel", also einer Atmosphäre wie im Stadion. Jedes Straßenläufers Herz lassen solche Berichte höher schlagen. So stellt sich erneut die Frage: brauchen wir das auch?

Der Modus ist denkbar einfach. Jede und jeder, die bzw. der sich über den "B-Standard" (Halbmarathon unter 1h15 für Frauen bzw. 1h05 für Männer) qualifiziert, darf am Ausscheidungsrennen teilnehmen, die ersten drei laufen dann für die USA den Olympischen Marathon. Klare Regeln, die für eine tolle Show sorgen, weil spannende Rennen garantiert sind. In gewisser Weise spiegelt dieses Wettkampfformat auch den amerikanischen Traum wieder, weil jeder, der es an die Startlinie des Ausscheidungsrennens schafft, eine Chance auf Olympia hat.

Allein diese Chance inspiriert viele, es einfach einmal zu probieren. Gerade der Marathon ist unberechenbar, alles kann passieren. So auch wieder am Samstag, denn von den Favoriten hat es schließlich nur einer ins Team geschafft.

Bei den Frauen waren im Vorfeld Emily Sisson, Jordan Hasay, Des Linden, Molly Huddle und Sara Hall favorisiert. Von diesen "Big Five" lief nur Des als (tragische) Vierte unter die besten 25 und ein gutes Rennen (was sie eigentlich immer tut). Bei Olympia ist damit allerdings keine mit dabei, zumindest nicht über die Marathondistanz. Aliphine Tuliamuk hatte in ihrer bisherigen Karriere "nur" durch nationale Titel überzeugt, Molly Seidel lief ihren ersten Marathon überhaupt und Sally Kipyego lief ihr Comeback nach ihrer Babypause.

Und auch bei den Männern hätte man, bis auf Galen Rupp, der nach langer Verletzungszeit ein sehr starkes Rennen zeigte und jetzt mit Frank Shorter gleichzog, zwei Marathon Trials gewonnen zu haben, auf andere getippt. Scott Fauble beispielsweise zeigte zwar ein ordentliches Rennen, musste elf anderen Männern aber den Vortritt lassen. Jared Ward, in Rio zuletzt Sechster, kam nicht über einen 27. Platz hinaus. Wer hätte auf Jake Riley, der bisher noch keinen Sponsor hatte, und den bereits 43-jährigen Abdi Abdirahman getippt? Im Sport ist alles möglich.

Genau das zeichnet Wettkampfformate wie die Trials (oder auch Playoffs) aus: die vielen tollen Geschichten, das Drama, die Ungewissheit und die Überraschungen. Wenn dann noch eine zuschauerfreundliche Strecke für die Fans vor Ort und eine gute Fernsehübertragung hinzukommen, gibt es keine bessere Werbung für unseren Sport.

In Deutschland haben wir eher das Gegenteil. Nicht nur, dass sich unsere Elite auf viele verschiedene Rennen verteilt und herausragende Leistungen wie von Katharina Heinig in Japan oder von Amanal Petros und Hendrik Pfeiffer in Spanien fast untergehen, oft liegen sogar große City-Marathons an ein und demselben Tag und werden zeitgleich ausgetragen. Jeder außer den hartgesottenen Fans verliert dabei den Überblick, ein einziges Rennen im Trialformat bündelt die vielen Einzelschicksale und ist einfacher nicht zu gestalten. Jeder weiß im Anschluss, wer nominiert wird.

Nun könnte man einbringen, dass die aktuell besten (in Bezug auf ihre im Qualifikationszeitraum erbrachte Zielzeit) zu den Spielen fahren sollten, nicht sogenannte "one hit wonder". Diejenigen, die über die letzten Jahre stets konstant gute Leistungen gezeigt haben, haben es sich mehr verdient, für die Olympischen Spiele nominiert zu werden, als diejenigen, die nur ein herausragendes Rennen gezeigt haben. Andererseits muss man zeigen, dass man am Tag X liefern kann, ob nun bei den Trials oder bei Olympia. Und ganz böse Zungen könnten wiederum einwenden, dass es völlig egal ist, ob die für Deutschland laufenden Athletinnen und Athleten nun beim Olympiarennen auf Platz 10, 22 oder 53 laufen.

Auch betrachten müssen wir die finanzielle Situation der Athleten. Bereits durch den Start bei internationalen Meisterschaften fallen das Antrittsgeld und andere finanzielle Boni weg. Zumindest beim Qualifikationsrennen müsste man also sicherstellen, dass sich durch die Attraktivität der Veranstaltung Sponsoren finden lassen, die für ein Preisgeld sorgen, dass sich Profiathleten finanzieren können.

Weiterhin müssen wir uns fragen, ob wir uns Trials überhaupt erlauben können, denn die Qualifikationsleistung muss erbracht werden. Trials lassen zumindest die Möglichkeit offen, taktisch zu laufen. Was nun, wenn die ersten drei Plätze mit Zeiten, die fünf Minuten über der Norm liegen, erreicht werden? Dann haben sich die Athleten zwar national durchgesetzt, sind aber noch nicht qualifiziert. Das würde das komplette Ausscheidungsrennen ad absurdum führen. Gelaufen werden müsste entsprechend auf einer schnellen Strecke, je nachdem, wie die Vorleistungen waren, müssten auch Tempomacher eingesetzt werden.

Obwohl sich die Leistungsdichte im deutschen Marathonlauf deutlich erhöht hat, reicht sie wohl noch nicht für eine so tolle Show wie die Trials. Mit dem Vorzugsrecht für deutsche Meister sind wir aber schon den ersten Schritt auf diesem Weg gegangen. Für die Begeisterungsfähigkeit unseres Sports ist es sicher von Vorteil, auf diesem Weg weiter zu gehen.

Beitrag von Markus Heidl
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Das Internet hat die Medienlandschaft grundlegend verändert. Es wird gepostet, geliked, gefollowed ohne Einschränkung, Hasskommentare einmal ausgenommen. Die Möglichkeiten der digitalen Welt kennt kaum Grenzen. Propaganda und Einflussnahme eröffnet der welt-weite Wahnsinn neue Wege. Hemmungslos nutzt das Marketing den persönlichen Zugriff auf den User. Rasch entwickelt sich die Technik fort, die Menschheit hinkt mit Abstand hinterher. Doch man wird begreifen und eingreifen. Das digitale Schlaraffenland der Milliardäre wird nicht von Dauer sein.

Walter Wagner, 16.1.2020

Die Krux der vermeintlich gerechten Abstimmung

Jokus-Brunnen in Heppenheim von Markus Heidl

Das Jahresende ist neben den Silvesterläufen vor allem durch Zweierlei geprägt: Jahresrückblicke und Abstimmungen, so beispielsweise zum "beliebtesten Marathon" des Jahres. Nun ist das Endergebnis dieser Abstimmung zwar marketingtechnisch gut zu gebrauchen, muss doch der Marathon, der sich dieses Label ergattert, vieles richtig gemacht haben. Als absolut ist das Ranking aber nicht zu betrachten. Denn die Auswahl der Wähler ist nicht repräsentativ.

Für eine demokratische Wahl müsste überprüft werden, dass jeder nur einmal abstimmt. Dafür aber müsste man sich anmelden oder registrieren. Nun ist das in unserer Gesellschaft gemeinhin schon viel zu aufwendig - abgesehen von den Datenschutzbestimmungen, die eingehalten werden müssen - sodass sich die Zahl der Stimmen drastisch reduzieren würde. Weiterhin müsste für eine gerechte Wahl viel Aufwand betrieben werden, um die Hartnäckigen mit mehreren Emailadressen zu identifizieren und aus der Wahl auszuschließen.

So gibt es bei Abstimmungen im Internet meist pro Tag und IP-Adresse eine Stimme, die man abgeben kann. Dadurch geht es bei solchen Abstimmungen heutzutage nur darum, wer am häufigsten klickt: am besten jeden Tag, einmal vom Rechner und einmal vom Handy. Es gewinnt in unserem Beispiel nicht der beliebteste Marathon, sondern der mit der größten Reichweite, weil es keinen Überblick über die Beteiligung gibt und die Fleißigen, die jeden Tag erneut klicken, diejenigen, die nur einmal insgesamt abstimmen, unverhältnismäßig überstimmen.

Der beliebteste Marathon ist folglich aller Wahrscheinlichkeit nach der mit der größten medialen Reichweite. Wenn es nicht eine/n pfiffige/n Informatiker/in gibt, die die IP-Adresse ändern und so tausende von Stimmen erzeugen kann. In gleicher Weise gibt es weitere Internetabstimmungen, deren Resultat man nicht glauben kann.

Generell geht es heutzutage nur noch um Reichweite. Gesehen wird derjenige mit den meisten "Followern", nicht der oder diejenige mit dem wertvollsten Inhalt. Schöne - oder vor allem eindrucksvolle - Bilder sind mehr wert als Inhalt. Wer auf der jeweiligen Plattform engagiert ist, viel von sich preis gibt und ebenso freigiebig mit Lob ("likes" und Kommentaren) ist, wird gesehen und gehört. Entsprechend wächst die Reichweite. Die Aussage muss innerhalb von Sekunden erfasst werden können, länger ist die Verweildauer nicht mehr.

"Folgt mir auf meinem Weg ohne Ziel!" könnte der passende Slogan dazu sein. Denn selbst die besten und durch ihre Leistungen bekanntesten Läuferinnen und Läufer müssen heute Zeit investieren, um medial gesehen zu werden. Leistung alleine reicht nicht, man muss sich (auch) präsentieren. Streitfall ist in dieser Hinsicht der sich selbst sehr gut inszenierende Philipp Pflieger. Doch wie viel seiner Zeit fressen die vielen Posts? Wären er und alle, die sich ebenso verhalten müssen, schneller, wenn sie sich mehr aufs Laufen und die Regeneration kümmern würden als um die Vermarktung ihrer selbst?

In gewisser Weise obliegt hier auch den Sponsoren Verantwortung: wie oft wird gefordert, dass die zur Verfügung gestellten Produkte präsentiert werden? Wird Hilfe für die Aufnahmen zur Verfügung gestellt? Entsprechend kann der Fokus gesetzt werden.

Immerhin: beim Laufen lernt man zwei Dinge, die in unserer heutigen Zeit immer rarer werden. 1.) Läuft man in der Gruppe, lernt man zu kommunizieren, ohne ständig digital abgelenkt zu werden. Und 2.) läuft man alleine, lernt man mit den eigenen Gedanken umzugehen, mit sich selbst allein zu sein. Außer natürlich, man hat selbst beim Laufen das Smartphone (im Blickfeld/leicht erreichbar) dabei. Viele haben diese Tugenden längst verlernt.

Reichweite ist heutzutage Macht. Wie viel Macht es ist, liegt an uns selbst. Wie viel Macht über uns sind wir bereit, abzugeben?

Beitrag von Markus Heidl
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Der 46. ließ auf sich warten. So richtig wollte Markus kein Thema passen. Entschädigt wird der geneigte Leser nun mit einem aufrüttelnden Beitrag über den Konsumwahnsinn. Der nimmt auf nichts und niemanden Rücksicht. Zuneigung und Liebe, Zeit für Spiele und Gespräche – nie wird menschliche Wärme von Elektronik und teuren Geschenke zu ersetzen sein. Die Klauen sind ganzjährig ausgefahren und machen gerade in der Adventszeit fette Beute.

Walter Wagner, 12.12.2019

In den Klauen des Konsums

Auch im Juni wird er bejubelt von Markus Heidl

Englischhausaufgabe, 6. Klasse: beschreibe dein Zimmer. Erschreckend ist als Ergebnis zu hören, dass eine Alexa im eigenen Zimmer steht. Der Schock ist groß: warum dulden die Eltern eine Wanze im Kinderzimmer? Unterstützen diese sogar. Aber das ist ein eigenes Thema. Denn es geht noch weiter: besagte Alexa war ein Geschenk vom Nikolaus.

Wenn ich an den Nikolaus denke, denke ich an einen Stiefel gefüllt mit Nüssen, Mandarinen und Schokolade. Vielleicht - aber warum eigentlich? - dazu noch ein Buch. Wenn der Nikolaus bereits eine Alexa bringt, was kommt dann noch vom Christkind? Immerhin geht es gerade in der Weihnachtszeit auch ums Teilen und um Barmherzigkeit. Tatsächlich ist auch vom historischen Nikolaus überliefert, dass der Bischof sein gesamtes Vermögen den Armen vermachte. Doch der Konsum hat uns gefangen und lässt uns nicht mehr los.

Unter Konsum wird allgemein der Verzehr oder Verbrauch von Gütern verstanden, weiß Wikipedia. Konsum existiert, seit es die Menschheit gibt, denn Güter wurden schon immer verbraucht. Der Massenkonsum begann mit dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg, als aus Luxusgütern Massenware wurde und die Globalisierung begann. Und heute, mit dem Internet, ist es noch viel leichter geworden, zu konsumieren. Man muss dafür nicht einmal mehr aufstehen.

Dieser Massenkonsum holt uns heute ein. Auf der einen Seite merken wir das, auf der anderen Seite verschließen wir die Augen.

In Zeiten des Klimawandels leben wir die falschen Werte. Auch wir Läufer sind betroffen. Laufschuhe, die erst nach 2000 km aufgeben, werden schon nach 600 ersetzt. Die alte Uhr funktioniert noch, dennoch wollen wir eine neue. Und das Leibchen muss natürlich der aktuellen Kollektion entsprechen. Es gibt so viele Gadgets und Messwerte, die zwar blinken, die wir aber alle nicht brauchen.

Ist es die Werbung, die uns in den Kopf setzt, was toll ist? Teilweise sicherlich. Auf der anderen Seite wird jedes Jahr von allen Unternehmen das Ziel ausgegeben, jedes Jahr um mindestens fünf Prozent zu wachsen. Entsprechend wollen wir wiederum Jahr um Jahr ein höheres Gehalt. Um dann wieder mehr konsumieren zu können.

Willkommen in den Klauen des Konsums.

Dann gibt es da natürlich noch die Greenwashing-Kampagnen. Dabei geben sich Unternehmen selbst ein umweltfreundliches und verantwortungsvolles Gesicht. Eine hinreichende Grundlage gibt es dafür aber nicht. Gerne angeführt werden dabei der faire Handel oder die klimaneutrale Herstellung. Dabei ist es doch besser, das Konsumprodukt gar nicht erst herzustellen, um es im Anschluss nicht wieder wegwerfen zu müssen.

Denn die Frage ist doch, ob unsere Kinder überhaupt so teure Geschenke wollen. Was soll der Nikolaus wirklich bringen? Unsere Zeit ist so viel wertvoller. Und das ist beim Laufen ebenso wahr. Auch der neueste Schuh läuft ohne Training nicht schnell. Das war schon immer so.

Beitrag von Markus Heidl
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