Die Spalter

Das Gegenteil von Solidarität

von Marcus Imbsweiler (10.02.2021)  

Von der vielbeschworenen Solidarität während der ersten Pandemiewelle ist wenig übrig, meint unser Autor. Im Gegenteil, die aktuelle Politik beschleunigt die soziale Spaltung. Indizien hierfür lassen sich bei der täglichen Laufrunde finden.

Beobachtungen am Rande der Laufstrecke: ein Bürohaus, hellerleuchtet und belebt; der Parkplatz vor einem Großunternehmen gut gefüllt; ein Dutzend Arbeiter auf einer Baustelle, ohne Masken eng beieinander; eine KiTa, in der die Notbetreuung brummt. Man selbst joggt natürlich alleine. Hält Abstand. Versucht sich nicht zu ärgern, wenn sich Fußgänger von einem wegdrehen. In weiten Teilen der Arbeits- und Lebenswelt dagegen herrscht Normalität. Das sind nicht mehr die üblichen Widersprüche im Rahmen einer Pandemie, das sind die Vorboten einer gesellschaftlichen Spaltung.

Zu dramatisch formuliert? Für nicht wenige, den Autor dieses Textes eingeschlossen, ist es dramatisch. Da geht es um die Existenz.

Die Kultur wird wegen Infektionsgefahr komplett heruntergefahren - Superspreader wie Tönnies und Würth machen nach kurzer Quarantäne weiter. Bei Einzelhändlern, Frisören und Gastronomen grassieren Jobangst und finanzielle Not - "Börse eilt von Rekord zu Rekord" (RNZ, 9.2.). Kinder dürfen nicht gemeinsam spielen - im Profifußball herrscht hochprofitable Rudelbildung.

All dies ist politisch gewollt. Es ist nicht bloß hilflos, planlos und kurzsichtig, es treibt einen Keil in unsere Gesellschaft, und das schon seit Monaten: zwischen Krisengewinnern und Verlierern, zwischen entbehrlichen und systemrelevanten Berufsgruppen, zwischen Soforthilfebegünstigten und solchen, die leer ausgehen, zwischen schlecht bezahlten Highrisk-Pflegekräften und gut abgefederten Verwaltungsjobs, zwischen rundumbetreuten Familien und Familien im Homeschooling-Wahnsinn sowie demnächst zwischen Geimpften und Nichtgeimpften.

Das, liebe Politik, ist das Gegenteil von Solidarität. Das ist Spaltung. Und verantwortlich hierfür ist keine einzelne Partei, sondern eine Große Koalition von Links bis Rechts. Eine Koalition mit Tunnelblick: Solange wir die Mehrheit der Bevölkerung einigermaßen heil durch die Krise kriegen, nehmen wir Kollateralschäden in Kauf. Langzeitfolgen? Soll sich die nächste Generation mit beschäftigen.

Hinzu kommt aus Läufersicht, dass viele der Verbote nicht nur unwirksam sind, sondern die natürliche Abwehr von Krankheiten auch noch unterlaufen. Bewegung, Sport, vernünftige Ernährung, Stressabbau, Achtsamkeit - all das, was wir Läufer*innen Tag für Tag einüben - ist zwar kein allwirksamer, aber ein wesentlicher und vor allem nachhaltiger Infektionsschutz. Uns Alten kann es einigermaßen egal sein, wir gehen trotzdem raus. Aber unseren Kindern wird der natürliche Bewegungsdrang gerade systematisch abtrainiert.

Und noch eine letzte persönliche Bemerkung von einem, der sich in den Bereichen Literatur und Musik bewegt. Dass die Kultur als erstes dicht gemacht wurde (und als letztes wieder aufmachen wird), liegt natürlich nicht daran, dass auch nur ein Politiker sie als Infektionstreiber verdächtigen würde. Sondern weil sie aufgrund schlechter Organisation ein weiches Ziel ist und für die meisten ohnehin nur als Freizeitvergnügen gilt. Dachte ich zumindest. Inzwischen glaube ich, dass es noch einen Grund gibt: weil aus dem Bereich Kunst die unbequemen Fragen kommen. Das Theaterstück, das die Corona-Politik angreifen könnte; der Essayband, der sich um die Folgen kümmert; der Vortrag, der den Profiteuren der Krise nachgeht. Natürlich will kein Politiker Kunst verbieten, das nicht. Aber dass aus dieser einen, widerborstigen Ecke mal kein Gegenwind kommt, das erleichtert die Arbeit beim Durchregieren doch erheblich.

Marcus Imbsweiler im Internet: Kann man von Büchern leben? Oder leben Bücher von ihren Autoren? Antworten hierauf finden sich - vielleicht - auf den folgenden Seiten. In jedem Fall aber ein paar Hinweise zu meinen aktuellen Texten, Lesungen, Projekten. Viel Spaß dabei! http://www.marcus-imbsweiler.de

Beitrag von Marcus Imbsweiler

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