13.6.10 - 9. International SkyRace Valmalenco-Valposchiavo

Sich vom «Unerwarteten» überraschen zu lassen

von Constanze & Walter Wagner

Meinen Kritikern zum Trotz, werde ich mich hier outen. Ich beeinflusse das Wetter, bestimme die Benzinpreise, ja selbst die Weltwirtschaft kann sich meinem Einfluss nicht gänzlich entziehen. Beim Mittelrhein-Marathon riet mir mein Pressemotorradfahrer ab, Sommerreifen vor dem Poschiavo Wochenende aufzuziehen. Er war gerade in den Alpen und berichtete von noch vorhandenen Schneemassen. Aber noch länger Winterreifen fahren? Also doch Reifenwechsel. Und schon schmolz der Schnee. So rettete ich das Sky Race vom Valmalenco ins Valposchiavo. Leider habe ich auch negative Fähigkeiten. So bald meine Tankfüllung sich dem Ende neigt, ziehen die Spritpreise rasant an. Habe ich getankt, fallen sie wieder. Jetzt musste ich sogar beobachten, dass aufgrund meiner anstehenden Reise quer durch die Schweiz, der Euro ins Bodenlose stürzte.

20 km nach dem Start in Lanzada wird der höchst gelegene Punkt des Rennens, der Passo Campagneda erreicht Der Deutsche Helmut Schießl erreicht den Pass als Erster Dort steht das Empfangskomittee bereit um den Schnellsten am Pass gebührend zu empfangen

Unterm Strich bereue ich die Reise nicht im Geringsten. Obwohl die Fahrt nach der Bieler Nacht vom Jura-Rand ins entlegene Poschiavo in der italienischen Schweiz keineswegs kurz und mit zwei Alpenpässen beschwerlich ist. Strapaziös ist auch der Lauf, für Teilnehmer sowieso, aber auch für diejenigen Zuschauer, die vom Passo Campagneda hinunter Richtung Valmalenco blicken wollen, um den Ersten heranstürmen zu sehen. "So gern würde ich während des Rennens mal da hoch", gesteht mir die Zimmerwirtin von der Albergo Croce Bianca, die aber Getränke auf der Piazza Comunale mitten in Poschiavo ausschenken wird, wenn die Sportler den Torbogen am höchsten Punkt der Strecke erreichen.

Wer eine Veranstaltung der kurzen Wege sucht, der ist bei diesem Berglauf falsch. Die Entfernungen sind dermaßen groß, dass den eingeladenen Eliteläuferinnen und -läufern gleich zwei Quartiere zugeteilt werden. Eins am Ziel und ein weiteres für die Nacht vor dem Lauf am Start. Dies wäre nicht zwingend erforderlich, aber in Lanzada will man schließlich auch was von den "Bergziegen" präsentieren, die in sagenhaften zweieinhalb Stunden die 31 Kilometer ins Nachbartal rennen.

Der Italiener Jil Pintarelli folgt als Zweiter am Pass und bleibt dies auch bis ins Ziel Der spätere 4. Fulvio Dapit (ITA / Nr. 22) und 9. Gion-Andrea Bundi (SUI) werden mit Applaus von den extra auf den Pass gewanderten Zuschauern empfangen Der Pole Daniel Wosik wird 3.

Skyrunner kommen in einigen Regionen dieser Erde in den Genuss bewundert - zumindest sehr geschätzt - zu werden. Während in Deutschland der Begriff und auch die "International Skyrunning Federation" weitgehend unbekannt sind. Deutschland ist weder Mitglied noch Bewerberland. Die Organisation richtet sowohl kontinentale wie auch Weltmeisterschaften und alle vier Jahre Skygames aus. Ein striktes Regelwerk gibt die Anforderungen an die Strecken vor, aber auch Sicherheitsvorschriften und Vorgaben zum Schutze der Umwelt.

In diesem Jahr war das SkyRace Internazionale Valmalenco - Valposchiavo in keine internationale Sky-Serie eingebunden. Erst wieder 2011 werden bei den Kontinentalmeisterschaften auf dem Schmugglerpfad Titel vergeben. Ein Grund dafür, dass in diesem Jahr nicht ganz die Teilnehmerzahl des Vorjahres erreicht wurde. Mehrere verletzungsbedingte Absagen von Spitzenathleten mussten verkraftet werden. Dazu kamen die im kommenden Monat anstehenden alle vier Jahre stattfindenden Skyrunning World Championships. Am Ende lag man mit 330 Finishern gar nicht schlecht, geht man von maximal 500 Startern aus. Bei der 10. Auflage im kommenden Jahr kann man sich schon jetzt auf ein rauschendes Sportfest einstellen. Doch das gibt es eigentlich in jedem Jahr.

Nach Überquerung des Passes geht es nur noch bergab Der Schotte Kenny Richmond verbessert sich gegenüber 2009 von Platz 22 auf Platz 15

Für Lanzada und Poschiavo ist das SkyRace ein Großereignis, bei dem man dabei sein muss. Helfer sind entlang der ganzen Strecke postiert und im Zielort scheint es genug Aufgaben für alle zu geben. Die Piazza Comunale ist so klein, dass sich die Zuschauer dicht drängen müssen. Doch alle können etwas sehen, denn die Ziellinie befindet sich erhöht auf einer Rampe. Für eine ganz besondere Stadionatmosphäre sorgt das Ensemble um den Platz mit der spätgotischen Stiftskirche San Vittore mit romanischem Turm, der barocken Kapelle Santa Maria Presentata, dem Rathaus mit Wehrturm, sowie den mit Steinen gedeckten Häusern aus vergangenen Jahrhunderten.

Allerlei Sehenswertes, das man bei fast stillstehender Zeit entdecken kann. Neben Architektonischem und der Kunst, wartet die Region mit einer üppigen Pflanzenwelt auf. Weshalb sich Schnee dennoch in der Höhe besser hält als auf der kälteren Nordseite der Alpen liegt am nur seltenen Nordföhn, während der häufige Südföhn im Norden als warmer Fallwind die weiße Pracht rasch dahin schmelzen lässt und für Herz- und Kreislaufprobleme sowie Kopfschmerzen sorgt. Schneeverwehungen mit bis zu fünf Metern Höhe und Lawinengefahr gab es noch vor einer Woche kurz nach der Stelle, an der die Läufer die Grenze von Italien in die Schweiz passieren. Zum Glück entschärften die endlich warmen Tage die Lage.

3. wird die Vorjahreszweite Michaela Mertova aus Tschechien Die Italienerin Emanuela Brizio rollt das Frauenfeld von hinten auf und wird 2. Streckenrekordhalterin Angela Mudge aus Schottland auf dem Weg zu ihrem 3. Sieg

Nachdem im letzten Jahr aufgrund eines plötzlich aufziehenden Gewitters die Läufer bereits auf italienscher Seite auf eine Ausweichroute mit Ziel in Lanzada umgeleitet wurden, wäre die Enttäuschung riesig gewesen, hätte man erneut eine Ersatzstrecke wählen müssen. Zwar machten es Wettervorhersage, starke Regenfälle und Gewitter in der Nacht spannend, doch war das 9. SkyRace auf der Originalstrecke wenig betroffen. Glitschige Wege gab es, aber keine weiteren Niederschläge auf der Strecke. Lediglich unten im Valposchiavo fielen ein paar Tropfen, die sich aber rechtzeitig wieder verzogen bevor die Sportler eintrafen.

2006 berichtete LaufReport mitlaufend über diesen Lauf. Heinz-Peter Römer freute sich erstmals nicht einziger Deutscher am Start zu sein. Nach vier Reportagen voll angemessenem Lob, fand sich in diesem Jahr nun endlich eine zweistellige Teilnehmerzahl deutscher Landsleute an der Startlinie im Valmalenco ein. Quantitativ dominiert wird das Startfeld von Italienern und Schweizern, doch bekommt durch einzelne Vertreter verschiedenster Länder die Angelegenheit einen sehr internationalen Charakter.

Laufen und Helfen, die Bewohner aus Poschiavo sind dabei. Angela Manghini (13) aus Poschiavo läuft auf Platz 6. Die ehemalige Profi-Skilangläuferin Natasha Leonardi (14) wechselte zur Abwechslung mal von der Helferseite auf die Läuferseite und wird 4. Einmalig - das Schneeschippen beim SkyRace Valmalenco-Valposchiavo - die Helfer machen den Läufern den Weg frei

Schon im Hotel kam es zum Aufeinandertreffen mit Frank Richter aus Hannover, der sich von den LaufReport-Berichten verlocken ließ, allerdings mit nur drei Jahren Lauftraining und völlig unerfahren im Berglauf mir doch ein etwas mulmiges Gefühl bereitete. Mit 1:25 h über Halbmarathon brachte der Regierungsoberamtsrat bei der Niedersächsischen Staatskanzlei immerhin eine gute Vorleistung mit. Auch der erfahrene Markus Pingpank, zu dessen Trainingsgruppe Frank Richter gehört, ermutigte ihn zur Teilnahme. Ein Sprung ins eiskalte Wasser quasi und seine Erlebnisse sind bestens geeignet, so manchen Spleen zurechtzurücken.

Doch sein Fazit des Wochenendes sei hier vorweg genommen: Ein fantastisches Landschaftserlebnis. Das Studium der Streckenrekorde, 2:32:03 h vom Italienischen Mehrfachweltmeister Marco De Gasperi (2007) und 3:10:18 h von Angela Mudge aus Schottland aus dem Jahre 2006, machten ihm bewusst, dass die Strecke nicht leicht sein kann. Er rechnete damit um dreieinhalb Stunden zu brauchen. Die Fahrt vom Ziel zum Start ist kurvenreich und endlos. Immerhin ist der Passo Campagneda eingebettet zwischen dem Berninamassiv, mit dem einzigen Viertausender der Ostalpen, dem 4.048 m hohen Piz Bernina und dem 3323 m hohen Pizzo Scalino. Poschiavo ist 1014 m über dem Meeresspiegel, während Lanzada 982 m ü. NN liegt. Die Täler sind zudem eng. Wer daraus ableitet, dass man weit außen herum muss, liegt nicht falsch.

Von den 11 Deutschen Teilnehmern am Start laufen diese drei neben Helmut Schießl unter die besten 30 des international stark besetzten Feldes. Von links: 11. Matthias Dippacher, 27. Michael Veit, 22. Stepahn Tassani-Prell

Unweit der Startlinie ist auf einem Campingplatz des Ortsteils Pardasc das Organisatorische bestens untergebracht. Auf der Startstraße, viel Asphalt wird es heute nicht geben, mehr als 15% sind sowieso nicht zulässig, wird eifrig eingelaufen. Unbelastete Debütanten werden sich wundern, wie früh das Thema Flugphase in diesem Rennen ein - wenn auch vorübergehendes - Ende findet. LaufReport Leser Frank hatte mir beim gemeinsamen Abendessen zugehört. Noch im Startort geht es links in den Wald und dann gleich auf Wegen, die das Überholen nur schwer ermöglichen.

Also gleich nach dem Startschuss so weit es die anderen zulassen, nach vorn, dachte sich der Berglaufnovize. Keine falsche Taktik, denn auch Helmut Schießl befolgt sie, der Sieger von 2006, Zweite 2007 und Dritte 2009. Nach heftigem Regen in der Nacht in Poschiavo und sogar Gewitter auf italienischer Seite, begann der Renntag trocken und am Start waren es 20 Grad. Das mitführen einer Wind-und-Wetter-Schutzjacke sowie das Tragen von Trailschuhen ist bei der ISF obligatorisch und führt bei Nichtbeachtung zur Disqualifikation.

Die Grenze von Italien in die Schweiz wird nach 1 Kilometer Abstieg passiert Wird es mal zu steil, hilft am Berg ein Seil

Bis Platz 20 bei den Männern und Platz 10 bei den Frauen gibt es Geldpreise, abgestuft von 1500 Euro bis 100 Euro. Die drei Erstplatzierten erhalten noch eine Uhr für rund 500 Euro dazu, eine Flasche Wein und der Sieger die Begehrte Schmuggler-Trophäe. Dafür kann man sich mal ein Stück quälen. Doch kaum ein Flachländer wird es in die Top Ten schaffen bzw. Top Five der Frauen um mehr als 100 Euro zu kassieren. Frank war irgendwie vorgewarnt, aber mutig. Nach zwei Kilometern am Steilhang zeigte er dann aber doch schon Wirkung. Nach fünf Kilometern verharrte er doch am ersten Versorgungsstand, den er eigentlich auslassen wollte.

40 Minuten war Frank Richter nun auf den Beinen und noch 15 Kilometer vom Kulminationspunkt entfernt. 700 Höhenmeter auf der Guthabenseite und über 1000 m unterhalb der Passhöhe. Helmut Schießl lag hier mit ein paar Sekunden Vorsprung vorne und musste weiter Druck machen. Denn um sich der Bergab-Spezialisten zu entledigen, hilft ihm nur ein Zeitpolster, welches sich bis zum Ziel nicht gänzlich aufbraucht. Bei den Frauen war Angela Mudge konkurrenzlos. Anna Pichrtova hat sich einen Beckenbruch zugezogen und konnte den Vorjahressieg nicht verteidigen. Hoffentlich schafft die Tschechin den Weg zurück zum Laufsport.

Die Schneegrenze ist erreicht, nun rutscht man wieder ganz überraschend

Man kann es beim SkyRace auch ruhiger angehen. Der Zielschluss lässt sieben Stunden zu. Es gibt aber unterwegs einzuhaltende Zeitlimits und 15 Minuten für einen Kilometer ist im Gebirge gar nicht viel. Viel Laktat in den Beinen, ein streikender Pulsmesser, frühe Anflüge von Krämpfen, unserem Debütanten zehrte dies auch an der Moral. Aufgeben? Den Gedanken radierte er gleich wieder aus. Noch ein Kilometer im Gänsemarsch und am Rande seiner Belastbarkeit rettete sich der Norddeutsche nach nur sechs Kilometern in einen bergab führenden Abschnitt.

An einer hoch aufragenden Felswand - auf der anderen Seite ins Tal abfallend - klebt ein Saumpfad, der nun alle Aufmerksamkeit abverlangt und von destruktiven Gedanken abbringt. Wieder ein Stück steil bergan. Laufen ist kein Thema, irgendwie vorankommen. Nur noch einen Kilometer zum dritten Verpflegungspunkt auf der Alp Musella. Der taucht auf, aber 200 Meter höher auf 2020 m. Von dort sind es rechnerisch nur noch 600 Höhenmeter auf verbleibenden 9 Kilometern zum Pass, aber der Weg führt bergab. Vier Kilometer die nächste Ristorio zum Aufladen verlorener Kalorien und "viel trinken". Leider ist die Höhenangabe wieder unter 2000 m gefallen.

Der letzte Rest Schnee in der Felslandschaft Mit Hilfe einer Holzbrücke geht es über einen reißenden Bach

Stausee adieu und weiter in eine Art Kessel. Man fragt sich: Wo soll es hier weitergehen? - Nach oben. Nach 17 km auf 2100 m ü. NN bleiben nur noch drei Kilometer um die erforderliche Höhe zu erlangen. Kein Auge mehr für im Auftauen befindliche zartblaue Teiche am Wegesrand. Durch ein Schneefeld geht es nun zur Sache, ans Filetstück. Im Schlussanstieg ein Hilfsseil, doch viel helfen die Expanderstreifen dem Ungeübten nicht, die sich erst Meter um Meter dehnen, bevor sie Zug haben. Das Wetter ist noch stabil, selbst Zuschauer in kurzen Hosen werden die Läufer bald sehen.

Helmut Schießl führt. Ganz tief, die Hände fast am Boden und auch das Gesicht nur knapp vom Schnee entfernt, kämpft er um jede Sekunde. Er geht nach 2:02:21 h als Erster durch den Torbogen. 20 Kilometer und 2.627 m ü. NN sind erreicht. Der Italiener Jill Pintarelli kommt nach 2:06 h oben an. Der Pole Daniel Worsik hat in 2:09:05 h den in Campagneda noch Dritten, Gion-Andrea Bundi aus der Schweiz, hinter sich gelassen. Auch Fulvio Dapit aus Italien liegt in 2:10:33 h am Pass bereits vor dem Eidgenossen. Nach 2:17:06 h ist die Top Ten durch. 3:28:49 h sind vergangen als Frank Richter in der vermuteten Zielzeit die Passhöhe erreicht, wie vor ihm 254 andere.

Bruno Tarca läuft in 3:56:40 auf den 103. Platz, Lorenzo Pasinelli hinter ihm braucht für die letzten 8 Kilometer etwas länger und wird in 4:06:02 130. Daniele Benedetti aus Livigno vor der 16. Frau Brunella Parolini, aus Lanzada, dem Startort

Auf Gesamtrang 22 lag Angela Mudge im Rennen, als sie das schmucke Tor und den üppige ausgestatteten Versorgungsstand erreichte. Nach 2:26:41 h ging es auch für sie fast nur noch bergab. In 2:31:52 h folgte Michaela Mertova aus Prag als Zweite vor Emanuala Brizio (2:33:02 h). Nach 2:38:50 h war die Lokalmatadorin Natasha Leonardi auf Rang vier übern Berg.

Geschick und etwas Mut waren nun gefragt, wobei es zunächst noch über das geschlossene Schneefeld ging und Stürze ohne Folgen blieben. Knapp 10 Kilometer blieben um die auf 20 Kilometern erkämpfte Höhe wieder zu verlieren. Mehr als der Anstieg, schreckt Nichtalpenländer das Abwärtslaufen ab. Den Spezialisten ist es wieder nicht technisch genug, andere Ambitionierte straucheln mit leerem Akku gar zu leicht und Stürze bleiben nicht aus, auch im Übergang zur schneefreien Zone mit Schneematsch.

Der letzte hochalpine Kilometer hinab nach Alp Cancian

Auf Höhe der Alp Cancian (2132 m ü. NN) kann auf dem vierten Bergab-Kilometer aufgeatmet werden. Bis hierher wird mit dem KFZ gefahren und der Schmugglerweg wechselt auf befahrbaren Schotter. Brunnen am Wegesrand finden reichlich Zuspruch, doch bald beginnt der Laufweg wieder abzuweichen. Der direktere Weg ist abgesteckt, wie auf der ganzen Strecke vorbildlich. Selbst hier oben gibt es dafür fixinstallierte Fähnchenhalter und immer wieder Posten. Der wenige Verkehr wird zur Vorsicht angehalten. Bis ins Tal gibt es immer wieder steile Abschnitte mit rutschigen Natursteinen. Auf größere Sturzgefahr weisen Warnschilder hin. Freundlich bleiben die Helfer bis zum letzten Teilnehmer, ja geradezu steigt die Begeisterung fortwährend an. Gut, das Wetter spielt hervorragend mit, doch hat man hier auch die richtige Kleidung für alle Bedingungen.

Fast, als wolle man Gelegenheit zur Regeneration geben, führt der 30. Kilometer die geschundene Muskulatur über eine Gemach geneigte Bergwiese zum triumphalen Einlauf in das pittoreske Städtchen. Hier wird an der Spitze nicht selten nochmals zugelangt, wenn sich die Chance auf einen weiteren 100 Euro Schein auftut. Helmut Schießl freilich konnte den Einlauf durch die mittelalterlichen Gassen in vollen Zügen genießen und die Abwärtsserie durchbrechen. 2:43:57 h seine Siegerzeit. Er macht keinen Hehl daraus, dass das Fehlen einiger der weltbesten Skyrunners ihm die Sache erleichterte. Jill Pintarelli verliert sogar bergab weitere Sekunden und folgt in 2:47:57 h.

Alp Cancian ca. 2.100 m hoch ist erreicht Nun geht es noch ca. 8 Kilometer zwar steil aber nicht mehr alpin bergab

Der letzte, der sein Preisgeld mit einer Uhr aufstocken konnte war Daniel Wosik in 2:50:03 h. Er hielt mit Erfolg gleich drei Italiener auf Distanz. Fulvio Dapit blieb Vierter in 2:52:32 h. Freute sich Frank Richter über den günstigen früh gebuchten Flug nach Zürich für 19 Euro, gab es von Polen nach Bergamo ein Sonderangebot für 10 Euro. Frank Richter zahlte 82 Euro für ein Bahnticket und gönnte sich die stilvolle Anreise mit dem UNESCO Weltkulturerbe auf Schienen, dem Bernina Express der Rhätischen Bahn.

Mit 3:18:50 h siegte Angela Mudge bei ihrer fünften Teilnahme zum dritten Mal. Emanuela Brizio konnte bergab an Michael Mertova vorbeiziehen und sich das zweite Preisgeld in 3:20:55 h vor der Tschechin in 3:23:30 h sichern. Mit Helen Stuart, 21. Platz bei den Frauen und erstmals dabei gewesen, wenn auch mit Berglauf-Erfahrung, denn sie war schon fürs Nationalteam bei der Berglauf-EM in der Türkei gestartet, und Kenny Richmond, der 15. wurde, im letzten Jahr 22. war und auch schon bei der Tour de Tirol den dritten Platz feiern konnte, war Schottland auffallend zahlreich verteten.

Thorsten Klein aus Deutschland kommt nach 4:35:58 in Poschiavo an Der Deutsche Frank Richter läuft bei seinem ersten Berglauf 4:48:45, ist beeindruckt und auch begeistert Elisabeth Losser aus Zürich ist das erste Mal dabei. Sie liebt die Berge und das Rennen Valmalenco-Valposchiavo findet sie toll, gestand sie uns am Versorgungspunkt bei km 25

Der Wunsch einer eigenen Teilnahme endete für Natasha Leonardi auf dem vierten Rang nach 3:38:12 h. Eine der prominentesten Teilnehmerinnen beim SkyRace. Die 39-Jährige fuhr 22 Jahre lang im Schweizer Nationalteam auf Langlaufski. War bereits mit 16 Jahren schon im Weltcupzirkus dabei. Ihr größter Erfolg, eine olympische Bronzemedaille. In Salt Lake City 2002 wurde ihre Staffel hinter der deutschen Goldstaffel Dritte.

Schon als Kind ist sie auch gelaufen. Nahm sogar am Berglauf-Klassiker Sierre-Zinal teil, zunächst beim Touristenlauf, später, mit 18 Jahren, wurde sie einmal Zweite. Lange Zeit war sie eine der Schnellsten in der ewigen Bestenliste von Zinal. Dann machten ihr orthopädische Beschwerden an der hinteren Beinmuskulatur das Laufen unmöglich. Seit 1989 bekam sie dies nicht in den Griff und verzichtete auf Laufwettkämpfe. Joggte nur ein wenig. Es blieben ihr der Skilanglauf und das geliebte Mountainbike fahren. Sie ist Guide bei Mountainbike-Reisen.

Maria Cortina auf Saumpfaden hinab ins Valposchiavo Ristoro (Versorgung) wird angekündigt Gianpaolo Guindani stärkt sich für die letzten 7 Kilometer

Beim Sky Race ist sie von Anfang an mit in der Organisation als Helferin dabei, kommt zwar aus dem Tessin, hat aber 1994 ihren Wohnsitz nach Poschiavo verlegt. Mit dem Streckenleiter Teil 1 Reto Cortesi ist sie verheiratet. Streckenleiter Teil 2 ist Lorenzo Lanfranchi, ein Bergsteiger, der bei den beiden ersten Austragungen selbst mitgelaufen ist. Es war immer der Traum von Natasha Leonardi, einmal das SkyRace mitzulaufen, doch befürchtete sie, dass dabei die alten Beschwerden wieder auftreten würden. Die Begeisterung und die Leidenschaft der Helfer (allein 250 auf der Schweizer Seite) und der Zuschauer stachelte Natasha Leonardi von Jahr zu Jahr mehr an.

Nun gab es kein Halten mehr. Konditionell war sie vorbereitet, durch ihre anderen Sportarten und es ging auch bergab, entgegen allen Befürchtungen. Bis 2007 war sie noch Skilanglauf-Profi, wollte sich auch für die Olympischen Spiele in Vancouver qualifizieren. Doch schaffte sie nach einem Schulterbruch, an dem sie zwei Jahre laborierte, nicht mehr, sich die erforderliche Leistungsfähigkeit anzutrainieren. Noch immer macht sie aber bei Skilanglaufrennen mit und hat u.a. zweimal den Engadiner Skimarathon gewonnen. Im Winter ist sie noch als Ski-Langlauflehrerin tätig, sowohl in der Schweiz, als auch in Italien, in Schweden und in Finnland. Reisen liebt sie und den Sport, den sie braucht.

Beim Skyrace Valmalenco-Valposchiavo braucht man sich über die Streckenlänge kein Kopfzerbrechen zu machen Poschiavo im malerischen Valposchiavo gelegen, kommt erst auf den letzten Kilometern in Sicht

Nun lief sie also endlich das SkyRace und erlebte die tolle Stimmung von der anderen Seite. Mit Skilanglauftouren bis in den Mai und Mountainbiketouren machte sie sich fit. Sie begann vorsichtig. Ihre Stärke ist aber das Bergauflaufen. Am Moro-Stausee lag sie noch vor der späteren Zweiten, aber im Flachen kam diese immer wieder auf. Alle kannten sie und feuerten sie kräftig an. Das war ein Genuss und alles hat sie gut verkraftet. Zu ihrem Mann und Streckenleiter sagte sie später: "Heute hast Du eine Helferin verloren."

Einzige Deutsche im Ziel war Barbara Tassani-Prell, die in 4:35:41 h 19. wurde. Weitere deutsche Top-Platzierungen bei den Männern gab es durch die Kemptener Trainingspartner des Siegers mit Matthias Dippacher, Elfter in 3:01:59 h und Michael Veit (27. in 3:22:01. Davor noch Stephan Tassani-Prell, der bereits den Zermatt Marathon gewinnen konnte, der mit 3:17:48 als 22. knapp am umjubelten Siegerehrungsauftritt vorbei schrappte.

Das Ziel auf der Piazza Comunale in Poschiavo Giampiero Della Patron, nach 6:42:10 angekommen, freut sich auf ein Foto zusammen mit dem Sieger Helmut Schießl, der bereits nach 2:43:56 im Ziel war

Michael Veit ist ein nicht untypischer Fall unter Skyrunnern. Dem 42-jährigen Maschinenbau-Ingenieur geht es darum, etwas in den Bergen zu unternehmen. Klettern, MTB oder eben Laufen sind seine Hobbys. Doch ein Stadtlauf interessiert ihn nicht. Eine Woche vor dem Lauf vom Valmalenco ins Valposchiavo war er in Lecco am Comersee bei einem ähnlichen SkyRace über 25 km und 1800 Höhenmeter am Start. Das hat er in den Oberschenkeln noch gespürt. Beim letzten Transalpin-Etappenlauf belegte er mit Thomas Geisenberger Platz 2. Technisch darf es sein, da stellte der Lauf heute keine unlösbaren Problemen und "er ist landschaftlich wunderschön", so Veit.

Am Montag war Frank Richter wieder fit wie ein Turnschuh und ein richtiger Bergläufer. Mit 4:48:47 h hatte er die Sache etwas unterschätzt, aber beim nächsten Mal bringt er Kenntnisse mit. Nicht nur der Lauf wird eine bleibende Erinnerung sein, auch die Freundlichkeit dieser "Alpenländer" und das umfangreiche Leistungspaket für 40 Euro ließen ihn auch nachdenklich werden. Zur aufwendigen Organisation waren darin das "Pranzo Atleti" enthalten, ein Nudelessen, dazu Wurst und Käse sowie Obst, Wein so viel man wollte und Espresso mit Kuchen. Auf der Piazza konnten sich die Gäste mit einer regionalen Polenta-Spezialität nach so viel Passivsport stärken. Doch gab es für jeden Finisher auch noch eine hochwertige Wetterschutzjacke mit Kapuze, die viele bei ihren nächsten SkyRaces mit sich führen und auf Regen hoffen lassen werden.

"Kühlsyteme" Marke Eigenbau für schmerzende Knie können direkt an der Strecke während des Rennen aufgefrischt werden Pokale, wertvolle Sach- und Geldpreise für die Sieger, für alle anderen Teilnehmer gab es dieses Jahr eine ultraleichte Wetterschutzjacke Helmut Schießl und Matthias Dippacher begutachten den "teuren" Siegerwein

Vor der Organisation um Dario Marchesi und Gianmario Nana mit den Vereinen Sportiva Palü Poschiavo und Sportiva Lanzada kann man nur den Hut ziehen. Alle freuen sich schon auf das 10-Jahrjubiläum im nächsten Jahr mit der Europameisterschaft der ISF. Wer nun Geschmack gefunden hat, an diesem Lauf, der weithin Unerreichtes bietet, sollte nicht gar zu lange zögern und sich für die 10. Auflage einen Startplatz sichern. Diese enorme Aufgabe - auch finanziell - zu stemmen, könnte nämlich auch mal ein überraschendes Ende finden. Schließen wir mit Frank Richter: Fehlerfreie Organisation eines tollen Erlebnispakets, wo der Mann mit dem Hammer schon mal bei Kilometer 6 zuschlägt.

Public Viewing: Eine der Sehenswürdigkeiten in Poschiavo, das Oratorio di Sant`Anna mit dem reich verzierten Beinhaus, in dem lange Verstorbene der Pfarrei einen luftigen Platz gefunden haben

Keine Sorge, das echte Public Viewing von Poschiavo hat mit dem Lauf nichts zu tun. Oder hat nicht vielleicht doch deren Ausflug im letzten Jahr… Die im Gebeinhaus aufgereihten Totenschädel waren nämlich wegen der Renovierung verbracht worden. Prompt kam es zum Rennabbruch. Jetzt genießen sie wieder ihre Totenruhe unweit der lebhaften Piazza und sorgen für einen reibungslosen SkyRace Ablauf.

Im Valposchiavo beeinflusse ich das Wetter offenbar nicht wesentlich. Müsste vielleicht mal mit Winterreifen hinfahren? Das mit der Euroschwäche habe ich grandios gelöst und gar keine teuren Franken eingetauscht. Da selbst die Preise häufig auf den Belegen auch in Euro aufgeführt und man mitunter sogar in Euro raus gibt. Beim Tanken ist das so eine Sache, ist billiger, aber nimmt man beim Bezahlen noch eine Schrippe oder trinkt eine Tasse Kaffee, ist es gleich wieder teurer.

Und die Weltwirtschaft? Die habe ich diesmal auch wieder beeinflusst, bin brav langsam gefahren und habe keine 610 Franken für ein ganz klein wenig zu flott bezahlt.

Salve Poschiavo!

Bericht und Fotos von Walter & Constanze Wagner

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