29.7.23 - Davos X-Trails

Mehr Teilnehmer und bekannte Gesichter bei den Davos X-Trails

von Wilfried Raatz 
Ideale Laufbedingungen bei den Davos X-Trails Morgen-Stimmung in Dürrboden
Nichts für reine Asphalt-Cowboys:
Berglauf & Trail-Run im LaufReport HIER

"Diese Veranstaltung war mit Abstand das beste seit Jahren", zog OK-Präsident Tarzisius Caviezel ein erstes Fazit bei der Siegerehrung im Sportzentrum in Davos. "Ich war den ganzen Tag unterwegs auf der Strecke und muss sagen, ich bin stolz auf die vielen freiwilligen Helfer. Wir bewegen uns auf einem Top-Niveau, auch wenn wir wissen, dass es immer wieder einiges zu optimieren gibt!" Und bezog dieses Prädikat auf die Mitarbeiter vor und hinter den Kulissen, bei den Verpflegungsstellen, bei der Streckensicherung und dem medizinischen Personal. Und war natürlich begeistert über die tolle Stimmung, nicht nur im Stadion, sondern auch an verschiedenen Punkten der Strecke.

Start zu den X-Trails mit den Topathleten (v.l.) Francois Leboeuf, Davide Cheraz (verdeckt), Benedikt Hoffmann, Stephan Wenk und Shaban Mustafa (verdeckt) vor historischer Stadion-Kulisse Hier startet die achtmalige Swissalpine-Siegerin Jasmin Nunige (links) mit ihrer adida TERREX-Teamkollegin Toni McCann, rechts Sabrina Prager

Nicht zuletzt spielte auch entgegen aller Prognosen das Wetter bei der zweiten Auflage der Davos X-Trails mit, alleine der "Cut" am Sertig Wasserfall beim Diamond Run wurde als Vorsichtsmaßnahme um dreißig Minuten verkürzt, was sich letztlich beim gegen 16.00 Uhr einsetzenden Regen als überaus sinnvoll erwies. Bei idealen Laufbedingungen geizten dann auch die zahlreichen Spitzenläufer nicht mit Klasseleistungen. So gewann mit Judith Wyder die frühere Weltklasse-Orientierungsläuferin und aktuell eine der Topasse der internationalen Trailszene das Bronze Race (10 km), die zweifache Duathlon-Weltmeisterin Melanie Maurer den Silver Run über etwas mehr als die Halbmarathondistanz, die südafrikanische Trailspezialistin Toni McCann mit fünfzehnminütigem Vorsprung den Gold Run über die Marathondistanz und der Deutsche Benedikt Hoffmann nach 2021 erneut die Königsdistanz über 67,6 km und 2644 Höhenmeter.

Das Dischmatal - wie es inzwischen Tausende Trailläufer schätzen Die erste Zwischenstation ist mit Dürrboden auf 2000 m Höhe erreicht

Für das Topresultat sorgte dabei unbestritten Benedikt Hoffmann, der den Diamond-Wettbewerb nach zunächst spannendem Zweikampf mit dem Vorjahressieger Stephan Wenk sowie dem Italiener Davide Cheraz nach 5:49:34 Stunden mit zwölf Minuten Vorsprung gewinnen konnte. Der in Stockach am Bodensee lebende 37jährige Berg- und Trailspezialist konnte sich nach den "ersten" 30 km mit wechselnder Führung absetzen und letztlich einem sicheren Sieg entgegenlaufen. "Ich bin absolut happy. Mir ging es unterwegs sehr gut, ich musste nichts riskieren und konnte dabei sogar meinen Vorsprung immer weiter auf Stephan ausbauen. Probleme hat mir allerdings eine große Blase unter der Ferse gemacht. Aber in jedem Lauf gibt es kleinere Krisen!" Der in dieser Saison bereits als Zehnter bei der Berglauf- und Train Running-WM in Innsbruck und als erneuter Sieger beim Zermatt-Marathon erfolgreiche Studienrat bekannte angesichts der schmerzenden Ferse im Siegerinterview: "Vielleicht werde ich drei Tage mit dem Training aussetzen, dann ist alles wieder ok!" Und machte die Organisatoren der Davos X-Trails letztlich mit einem Satz mehr als glücklich: "Für mich ist Davos eines der fünf großen Rennen!"

Hochkarätiges Führungstrio im Dischmatal mit Stephan Wenk vor Davide Cheraz und Benedikt Hoffmann Mit dem Niederländer Leendert van der Lugt holt sich ein ausgewiesener Trailkenner beim Diamond-Rennen Rang vier Unerkannt, aber als Davos-Champion 2015 durchaus ein Begriff in der Ultraszene: Evgeni Glyva aus der Ukraine

Obwohl Stephan Wenk über elf Minuten Rückstand auf seinen Dauerkonkurrenten hatte, zeigte er eine zufriedene Miene im Ziel, schließlich sind mit vier Hochgebirgsmarathons innerhalb von nur sechs(!) Wochen auch bei einem eisenharten Vielstarter, wie es der Züricher nun einmal ist, die Akkus leer. "Zwei, drei Wochen Urlaub mit der Familie sind im Hause Wenk angesagt, wenngleich diese auch hierbei gewiss mit einigen Laufkilometern verbunden sein dürften. Der Italiener Davide Cheraz sicherte sich drei Minuten hinter Stephan Rang drei. Dann dauerte es fast eine Stunde, bis mit dem niederländischen Trailläufer Leendert van der Lugt, der sich übrigens schon einmal als Achter beim Jungfrau-Marathon auszuzeichnen wusste, der Viertplatzierte ins Ziel lief.

Wenn der Peter mit dem Peter… Der frühere Swissalpine-Sieger Peter Camenzind (links) unterwegs mit seinem Namensvetter Peter Grob Benedikt Hoffmann gewinnt nach 2021 erneut die Ultradistanz in Davos (Foto Veranstalter)

Bei den Frauen setzte sich im Jahr nach dem überzeugenden Erfolg der aus dem Norddeutschen stammenden Heidi Annemarie Schwartz die Appenzellerin Nicole Signer in 8:21:14 Stunden durch - und gab ihren "Abschied" bekannt. "Ich war heute das zehnte Mal am Start. Und dabei zahlreiche Platzierungen erreicht. Dieser Sieg ist aber für mich der Höhepunkt und Schlusspunkt zugleich!" Und möchte mit diesem Entschluss die oft zitierte, aber selten praktizierte altbekannte Weisheit: "Wenn es am schönsten ist, dann…" umsetzen.

Im Starterfeld zeigte sich mit dem Ukrainer Evgeni Glyva der Swissalpine-Sieger des Jahres 2015, der als Elfter natürlich längst nicht mehr im Fokus stand wie einst. Gleiches gilt gewiss auch für den M70-Sieger Peter Camenzind, der in den frühen Jahren des Swiss Alpine gleich zweimal auf dem Siegerpodest stand.

Die Top 3 des Diamond Run mit v.l. Stephan Wenk, Benedikt Hoffmann und Davide Cheraz Top 3 der Ultra-Läuferinnen mit v.l. Sophie Andrey (2.), Nicole Signer (1.) und Basilia Förster (3.)

Im Gold Run duellierten sich die im Vorjahr beim Diamond-Wettbewerb hinter Stephan Wenk nächstplatzierten Francois Leboeuf und Shaban Mustafa. Nach 3:18:00 Stunden gewann der Bulgare mit sicherem Vorsprung vor dem Schweiz-Kanadier (3:21:19). Auch wenn der Bulgare bei seinen inzwischen zahllosen Starts wie beim LGT-Marathon oder dem Zermatt-Marathon schon längst einige Worte in Englisch oder gar in Deutsch zum Besten geben müsste, ein Gespräch mit dem 45jährigen kommt mangels Verständigung nach wie vor nicht zustande. Bester deutscher Starter war übrigens Josef Ecker vom Team2gether auf Rang sechs (4:04:10), nachdem er bereits im Juni beim Leutasch Trail über 69 km im Rahmen des Zugspitz Ultratrails als Vierter auf sich aufmerksam machen konnte.

43km: Schnellstarter Dorian Marchal (4. im Gesamteinlauf) vor dem späteren Gold Run-Gewinner Shaban Mustafa Tri2gether-Läufer Josef Ecker wird als bester Deutscher Gold Run-Sechster

Bei den Frauen stürmte die Südafrikanerin Toni McCann zu einem Start-Ziel-Sieg in 3:44:31 Stunden und distanzierte die namhafte Konkurrenz mit Ivana Iozzia (4:02:32) und der achtfachen Swissalpine-Siegerin Jasmin Nunige. Die im Organisatorenteam als Botschafterin mitarbeitende Davoserin hatte sich erst drei Tage zuvor für einen Start entschieden, nach dem Scalettapass allerdings regelkonform vom ursprünglichen Diamond Run auf den Gold Run gewechselt. "Der Kopf und die Beine wollten heute nicht!" bekannte das 50jährige Lauf- und Skilanglaufass.

Entspanntes Siegerlächeln bereits nach zehn Kilometer: Toni McCann beim Start-Sieg (hier noch von Ivana Iozzia verfolgt) Mit leichten Zweifeln zur Streckenwahl als "late entry" unterwegs: Jasmin Nunige Umgeswitcht: Stefan wird nach dem Scalettapass vom Diamond- auf den Gold Run wechseln

Und freute sich über den starken Auftritt von Toni, die mit ihr bereits im Vorjahr die Davoser Landschaft im gemeinsamen Training kennen gelernt hatte und im adidas TERREX-Team läuft. Die nahe Chamonix lebende Südafrikanerin, in diesem Sommer zuletzt erfolgreich als Siegerin des Transvulcania auf La Palma aufgefallen, vermisste auf dem freilich anspruchsvollen Kurs noch mehr technische Abschnitte - versprach aber, nach Davos wiederzukommen. "Natürlich bin ich mit dem Rennen sehr zufrieden, denn im Mai hatte ich mir im Training noch das Schlüsselbein gebrochen. Sozusagen war dies heute mein Einstieg..." Und gab allerdings OK-Präsident Tarzisius Caviziel ein Wunsch mit in die Planungen auf 2024: "Bitte mehr Felsen und Geröllabschnitte!" Als bestplatzierte Deutsche wurde Sabrina Prager nach 4:38:00 Neunte.

David als Pacemaker für Karin Hofer (Fünfte beim Gold Run) Starker Auftritt von Sabrina Prager aus Deutschland als Neunte beim Gold Run Sieger-Duo Toni und Ivana im Ziel des über 43 km führenden Gold Run

Bleibt noch ein Blick auf die kürzeren Distanzen. Der Schwede David Nilsson gewann den Silver Run (23,6 km/ +631 m/-379 m) vor Arnold Aemisegger und dem Skilanglauf-Olympiasieger Dario Cologna, der nach seiner überaus erfolgreichen Skikarriere ein bemerkenswertes Ziel vor Augen hat, nämlich einen Herbst-Marathon zu laufen. Und bekannte nach einer hartnäckigen Nachfrage zudem: "Ja, es wird der Berlin-Marathon sein!" David Nilsson ist übrigens in der Laufszene kein Unbekannter, schließlich startete er bereits bei Olympischen Spielen und Welt- und Europameisterschaften in den Marathon- und Halbmarathonwettbewerben und hat bemerkenswerte "Flachzeiten" von 2:10:09 (Valencia 2020), 1:01:40 (Gdynia 2020) und 28:13 (Dresden 2020) vorzuweisen.

Schnappschuss vom Silver Run in Klosters mit v.l. Melanie Maurer, Camilla Magliano und Franziska Althaus Mit 578 Teilnehmern gab es beim über 23 km führenden Silver Run die stärkste Resonanz

In einem hochkarätigen Feld setzte sich bei den Frauen die zweifache Duathlon-Weltmeisterin Melanie Maurer nach 1:45:06 Stunden vor der Britin Naomi Lang (1:46:11) und der Italienerin Camilla Magliano (1:47:19) durch. Achtungserfolge durften die beiden deutschen Läuferinnen Franziska Althaus und Simone Raatz als Vierte und Sechste verbuchen.

Der schwedische Olympia- und WM-Starter David Nilsson freut sich über sein 23km Halbmarathonsieg von Klosters nach Davos Interview mit der zweimaligen Duathlon-Weltmeisterin Melanie Maurer nach ihrem Silver Run-Sieg Emotionen im Sportzentrum bei Tobias und Handan

Judith Wyder war gewiss die herausragende Starterin über die knapp 10 km lange Bronze-Distanz. Während der Woche war sie zusammen mit ihrem Ehemann Gabriel Lombriser und Theres und Francois Leboeuf als Trainerteam für Swiss Athletics im Nachwuchscamp in Davos im Einsatz, mit 30 (!) am Berg- und Traillaufen interessierten Jugendlichen sollte gewiss angesichts dieser prominenten Trainer weitere Begeisterung für das Laufen in der Natur geweckt werden können. Für Judith war dies freilich nur einer schneller Trainingslauf in der Vorbereitung auf ihren nächsten Hochkaräter, den legendären Klassiker Sierre-Zinal am 13. August.

Heinrich, Tobias und Peter bei der Rennanalyse Genussvoll: Die beiden aus Schwerin stammenden Mario und Birgit beim süffigen Zielgetränk

Das 10 km-Männerrennen gewann Jake Shelley in 32:38 Minuten, auf Rang vier platzierte sich der deutsche Marcel Krieghoff (35:13), der übrigens 2019 bei der Berglauf-EM im Nationaldress gestartet war.

Herausforderung gemeistert: Die frühere Ruder-Olympiasiegerin Helma Lehmann nach einem Schicksalsschlag mit dem Rollator im Ziel des Bronze Run Im "Marschgepäck" von Ehepaar Lehmann dabei: zwei Becher mit dem Aufdrucken ihrer Vornamen "Helma" und "Dieter" Strahlende Siegerin des Bronze Run: Judith Wyder
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Genug von Platzierungen und schnellen Läufern. Eine der bemerkenswertesten Leistungen zeigte die 70jährige Helma Lehmann aus Berlin, die mit einem Rollator in Begleitung ihres Ehemanns Wolf-Dieter und zwei Freunden die 9,3 km lange Strecke mit 163 Höhenmetern absolvierte. Die Olympiasiegerin im Achter von 1976 ist seit Corona und einem zweimonatigem Koma-Zustand auf dieses Hilfsmittel angewiesen, schaffte aber mit einer großen Energieleistung ein weiteres Mal eine Streckendistanz in Davos. Die Lehmanns sind übrigens schon seit zwanzig Jahren auf den unterschiedlichen Strecken in Davos unterwegs und können unter den gegebenen Vorzeichen auch solche Glücksmomente wie in Davos genießen. Im "Marschgepäck" waren übrigens umweltgerecht zwei Becher mit dem Aufdrucken ihrer Vornamen "Helma" und "Dieter"

Bericht und Fotos von Wilfried Raatz

Ergebnisse & Info: www.davos-xtrails.ch

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