12.7.20 - Berlin 5k Invitational

Alina Reh verpasst deutschen 5-km-Rekord nur knapp

von Wilfried Raatz 

Geplant waren zwei Rekordrennen. Doch einmal mehr bestätigte es sich, dass selbst bei einer optimalen Organisationsarbeit die Athleten auch auf die Minute topfit sein müssen. Denn sowohl Alina Reh als auch Amanal Petros haben den anvisierten deutschen Rekord im 5 km-Straßenlauf bei dem kleinen, aber überaus feinen "Berlin 5k Invitational" verpasst, standen freilich am Rande des ideal gelegenem Wendepunktkurses am Zeuthener See im Südosten Berlins im Mittelpunkt.

Ferienidylle mit rekordverdächtiger Strecke: Der Zeuthener See im Südosten Berlins Startaufstellung gemäß der Abstands- und Hygieneverordnung
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Zu Zeiten der Corona-Pandemie sind trotz weithin sichtbaren Lockerungen der Abstands- und Hygieneanweisungen Laufveranstaltungen rar gesät, vielmehr machen die Absagen der großen über mittelgroßen bis hin zu den kleinen Events die Schlagzeilen. Nachdem die LG Telis Finanz Regensburg mit tollen Resultaten den Eventreigen im Stadionoval eröffnen konnte, ist man in der deutschen Hauptstadt nach dem 10 km-Lauf mit dem "Berlin 5k Invitational" auf der Straße vorbildlich unterwegs. Und die Ergebnisse sprechen für sich, wie schon in Regensburg zeigen einige der deutschen Laufasse eine bemerkenswerte Verfassung. "Es ist wichtig, dass es derartige Wettkämpfe gibt", spricht der eigens aus Salzburg angereiste Peter Herzog wohl allen Athleten aus dem Herzen.

 

Auch Christoph Kopp, der umtriebige Event-Macher und Manager vieler Topathleten, formuliert nur zu deutlich, was Hunderte, nein Tausende von Läufern landauf landab spüren: "Alle sind hungrig auf Rennen!"

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Christoph Kopp, der veranstaltende LAC Olympia 88 und der genehmigende Berliner Leichtathletik-Verband, haben allerdings einen erheblichen Aufwand betrieben, um den "geheimen Lauf" nach den derzeitigen Möglichkeiten mit einer Vielzahl von Hygiene- und Abstandsregelungen zu organisieren. Helmut Winter, einer der weltweit in Sachen Laufsport herumreisenden versiertesten Vermessungstechniker, hatte nahe seines Wohnorts eine ideale und vor allem flache Wendepunktstrecke (O-Ton Christoph Kopp: "Der Höhenunterschied beträgt 40 Zentimeter") ausgeguckt, vermessen - und entsprechend den Regelungen auch für die ausgeklügelte Startaufstellung markiert.

Der Hotelparkplatz des idyllisch gelegenen Teikyo-Hotels diente als Stätte der Startnummern-Ausgabe, die nach dem Renn-Zeitplan deutlich differenziert mit Mund- und Nasenschutz ablief. Die Strecke am verkehrsarmen Schmöckwitzer Damm zwischen Schmöckwitz und Rauchfangswerder inmitten eines dichten Waldgebietes nur 300 m entfernt, praktisch gemalt für Heldentaten.

Im Gespräch: FAZ-Journalist Michael Reinsch und der 5k-Chef Christoph Kopp Herrliche Wendepunktstrecke auf dem Schmöckwitzer Damm am Zeuthener See

Eine davon hatte das Drehbuch der 23jährigen, zur erweiterten Weltspitze zählenden Alina Reh zugeschrieben. Doch die seit geraumer Zeit mit dem einstigen Geherass und Langstrecken-Bundestrainer André Höhne trainierende Ulmerin verpasste mit 15:22 Minuten die seit zwanzig Jahren von Irina Mikitenko bei 15:16 fixierten Deutschen Rekordmarke knapp. Immerhin ist dies eine europäische Jahresbestzeit und die zweitschnellste Zeit des Jahres in der Welt. Nur um zwei Sekunden verpasste die junge Läuferin von der Schwäbischen Alb die Jahresweltbestzeit, die die Äthiopierin Tsigie Gebreselama mit 15:20 im März in Addis Abeba aufgestellt hat.

"Ich hatte eigentlich eine Zeit unter 15 Minuten angepeilt und dachte, es flutscht", sagte sie, die den ersten Kilometer in einem gemischten Rennen mit Männern in 2:53 absolvierte. Noch bei der 3-km-Marke war sie mit 8:55 Minuten immer noch gut im Rennen im Hinblick auf eine Zeit von unter 15 Minuten. Doch dann ging ihr die Kraft aus, und für den letzten Kilometerabschnitt benötigte sie 3:17 Minuten. "Ich habe was riskiert, aber es ging nicht ganz auf", sagte Alina Reh, die nach eigener Einschätzung die Trainingsumfänge um 30 Prozent auf rund 160 Kilometern pro Woche gesteigert hat - und das Rekordrennen direkt aus dem Training im nahen Kienbaum heraus absolvierte. "Natürlich bin ich nicht ausgeruht, möchte aber gerade in dieser Phase einiges austesten!" und blickte eher ratlos auf ihre stylischen roten Rennschuhe des persönlichen Ausrüsters.

 

Vor wenigen Tagen war sie an gleicher Stelle über die doppelte Distanz 31:26 gelaufen, eine Weltklassezeit. "Das Ergebnis enttäuscht mich sehr, denn im Training war ich bereits schneller gelaufen!" Von dieser Warte aus waren die angepeilten 15 Minuten keineswegs eine Utopie.

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Start der Elite mit v.l. Florian Orth (2), René Menzel (5), Peter Herzog (3) Haftom Weldaj (verdeckt/6), Amanal Petros (1) und Philipp Reinhardt (4) Tagessieg und Landesrekord für Peter Herzog Mit der Nr. 1 unterwegs, im Ziel aber nur Vierter: Amanal Petros

In zwei Wochen steht das nächste Rennen auf dem Programm: "In Regensburg will ich dann über 5.000 Meter endlich unter 15 Minuten laufen", sagte Alina Reh, die zukünftig zur Bundeswehr-Sportfördergruppe gehört und im September die entsprechende Grundausbildung absolvieren wird. Dadurch kommt ein ansonsten vielleicht möglicher Start bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften im polnischen Gdynia am 17. Oktober ohnehin nicht in Betracht. "Für mich ist die Saison dann im September beendet."

Eine höchst engagierte Leistung zeigte auch Caterina Granz, die nur zehn Sekunden hinter Aline in 15:32 Minuten das Ziel erreichte und dabei ihre zweitschnellste Zeit ihrer Karriere erreichte.

 

Die Bestzeit resultiert allerdings aus einer Zwischenzeit beim über 5,6 km führenden Silvesterlauf in Peuerbach (Österreich). "Ich habe nicht unbedingt mit dieser schnellen Zeit gerechnet, zumal ich mich erst kurzfristig für einen Start entschieden habe", so die 26jährige der LG Nord Berlin.

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Sehr zu Freude von Trainer Dieter Hogen sicherte sich in einem weiteren von insgesamt vier Läufen über die 5-km-Distanz dessen Schützling Christina Gerdes (SCC Events Pro-Team Berlin) die drittschnellste Frauenzeit mit 16:31 Minuten.

René Menzel wird als Dritter in 14:16 überraschend bester Deutscher Triathlet Fabian Reuter gelingt mit 14:38 ein mächtiger Leistungssprung mit Sieg im "B-Lauf" Schnappschuss ohne obligatorisches Händeschütteln zwischen Peter Herzog und Haftom Weldaj

Dahinter schlug die Minute für die beiden Läuferinnen des ASC Darmstadt, die rein altersmäßig kaum weiter auseinander liegen dürften als es bei der 17 Jahre alten Jule Behrens und der 44 Jahre alten Simone Raatz der Fall ist. Jule Behrens gilt als eines der jungen deutschen Lauftalente, die im Herbst 2019 die U20-Berglaufmeisterschaft im thüringischen Breitungen und unmittelbar vor dem Corona-Lockdown die U18-Crossmeisterschaften in Sindelfingen in beeindruckender Manier gewinnen konnte. Mit mutigem Starttempo (3:10 und 3:15) ging die Tochter der als W45-Masters-Läuferin und -Triathletin erfolgreichen Alexandra Rechel furios das Rennen an, musste gegen Ende aber auch ihrem Tempodiktat Tribut zollen - steigerte aber mit tollen 16:47 Minuten ihren Hausrekord um gleich 48 Sekunden. Wie es allerdings läuferisch in diesem Jahr bei Jule weiter gehen wird, das hängt von der allmählich auch beginnenden Triathlon-Saison ab, hier ist die junge Darmstädterin im Nationalkader integriert. "Falls die Berglauf-WM auf Lanzarote stattfinden sollte, dann ist dies für mich natürlich auch ein Thema. Ich weiß allerdings nicht, ob und wo man sich hierfür qualifizieren muss!"

Nicht einmal zwanzig Sekunden später war auch Simone Raatz im Ziel und jubelte über 17:05 Minuten - mit dieser Zeit konnte sie ihre aus dem Jahr 1993 (!!) resultierende Bestmarke mit nunmehr 44 Jahren um acht Sekunden steigern. "Die Strecke ist der Hammer, auf einem derartigen Kurs bin ich noch nie gelaufen. Für mich hat heute alles gepasst!" Und blickt voraus: "Damit sollte eine 35er Zeit über 10 km möglich sein…!" Für Simone, die nicht nur zehn deutsche Meistertitel als Mastersläuferin bislang errungen hat, steht zumindest Ende Oktober auf Madeira noch ein später Saison-Höhepunkt an, nämlich der 10 km-Straßenlauf bei den Masters-Europameisterschaften.

Bei den Männern gab es eine Überraschung: Nicht der mit Rekord-Ambitionen startende Amanal Petros, sondern der Österreicher Peter Herzog triumphierte in schnellen 13:54 Minuten und stellte damit einen nationalen Rekord auf. "Ich freue mich sehr über diese Zeit. Nach vielen Wochen Training endlich wieder ein richtiges Rennen…", sagte der von Johannes Langer in Salzburg trainierende Peter Herzog, der hofft, im Herbst noch einen Marathon laufen zu können. Zweiter wurde der aus Eritrea stammende in Hannover lebende Haftom Weldaj in 14:12 vor René Menzel (Hannover Athletics), der mit der deutschen Jahresbestzeit von 14:16 Minuten Dritter wurde.

Alina Reh mit "voller Pulle" auf Rekordjagd (21), daneben im Mixed-Wettbewerb Nicolai Riechers (24) und Tom Thurley (27) Catherina Granz läuft am Zeuthener See ein superstarkes Rennen Osnabrücker Clubduell zwischen Jan Knudsen (30) und Nicolai Riechers

Und Amanal Petros? Der Wattenscheider musste sich mit Rang vier in 14:17 Minuten zufriedengeben, der eigentlich die deutsche Bestzeit von Jens-Peter Herold brechen wollte, der 1990 14:09 Minuten gelaufen war.

"Ich wollte eigentlich den deutschen Rekord von 14:09 Minuten brechen, aber die letzten beiden Kilometer wurden sehr hart", sagte Amanal Petros, der nach einem aufgrund der Coronavirus-Pandemie abgebrochenen Trainingslager in Kenia im Februar in ein Motivations-Loch fiel. "Ich war so gut in Form wie noch nie und habe in Kenia auch zwei Wochen mit Mo Farah trainiert", erzählte Amanal Petros, der dann mehrere Monate lang kaum trainierte.

"Erst vor 40 Tagen habe ich wieder angefangen. Ohne Wettkämpfe ist es sehr schwierig, sich zu motivieren. Ich brauche ein Ziel und auch einen gewissen Druck, um die normalen Tagesabläufe einzuhalten. Deswegen ist es sehr wichtig, dass Wettkämpfe so wie dieser heute stattfinden." Interessierter Gast war übrigens der 5 km-Rekordhalter Jens-Peter Herold, der ehrenhalber das Startsignal zum Männerrennen geben durfte und miterlebte, wie Amanal Petros an diesem Vorhaben scheiterte. Der 1500 m-Olympiadritte von Seoul 1988 lebt übrigens im nahen Neuruppin.

Start der Frauen und Männer im "C-Lauf" mit v.l. die U18-Crossmeisterin Jule Behrens (52), Christina Gerdes (51), Paul Voß (99), Simone Raatz (54) und Rico Berger (verdeckt) Steigert nach 27 Jahren ihre 5 km-Bestzeit auf 17:05 Minuten: W40-Mastersläuferin Simone Raatz
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Im weiteren Feld des A-Laufes tauchten mit Florian Orth und Philipp Reinhardt zwei weitere namhafte Athleten auf, die allerdings auf dem pfeilschnellen Parcours nichts ausrichten konnte. "Flo" war noch in der Nacht von einer Fortbildungsmaßnahme aus Tübingen angereist und fand trotz flotter Betreuung seiner Ehefrau Maren (auf Inlinern) nicht den richtigen Schritt (Siebter in 14:40) wie auch Philipp, der "dank Corona" sein Medizinstudium massiv vorantreiben konnte, sodass ihm für ein gezieltes Lauftraining wenig Zeit blieb (Achter in 14:47).

Einen Freudensprung ins Ziel machte im B-Lauf der Männer der Griesheimer Triathlet Fabian Reuter, der sich als Zeitlaufsieger um 25 Sekunden auf 14:38 Minuten steigern konnte und die bis dato stärkeren Tom Thurley (14:44) und Silas Bergmann (14:45) auf die nächsten Plätze verweisen konnte.

Ob allerdings dieses Veranstaltungsmuster eine Steilvorlage und Mutmacher für andere Lauf-Veranstalter sein kann, das darf bezweifelt werden. Mit erheblichem Aufwand wurden Startfelder von maximal 12 Läufern pro Zeitlauf auf einem markierten Terrain aufgestellt, die dann allerdings "wettkampfgerecht" unterwegs waren. Ein derartiges Klasserennen hätte freilich viele Zuschauer verdient, aber auf die entsprechende Werbung hatte man wohlweislich auflagengemäß verzichtet. Eine derartige Praxis für Stadtläufe in einer Größenordnung von 300 oder 500 Teilnehmern ist sicherlich nicht machbar, eine Einlasskontrolle für Zuschauer ist in einer Fußgängerzone oder Anwohnerstraßen ebenso unmöglich. "Ich habe die Befürchtung, dass wir auch im kommenden Jahr nicht zur Normalität zurückkehren können", äußerte sich Trainer Dieter Hogen, der mit dem SCC Events Pro Team, ein Laufprojekt betreut, dem sich unter anderem auch die Laufzwillinge Anna und Lisa Hahner angeschlossen haben. "Da sind wir Trainer als Motivatoren gefragt!"

Bericht und Fotos von Wilfried Raatz

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