Marathon - ob Debüt oder Wiederholung: das Ziel ist das Ziel !

Irgendwann war der Erste. Daran führt nun mal kein Weg vorbei. Die alten Marathonhasen erinnern sich kaum, aber ganz vergessen ist er nicht - vielleicht ein wenig verklärt. Das Unbekannte geht beim ersten Mal für immer verloren. Gut, Respekt vor der Strecke bleibt, nimmt manchmal bei mäßiger Trainiertheit sogar wieder zu. Die Ungewissheit beim Debüt und auf dem Weg dorthin ist aber einmalig und nicht wiederholbar. Der leicht arrogante Ratschlag eines gestandenen Marathoni ist deshalb nichts im Vergleich zu dem, was ein Debütant mitzuteilen vermag.

Zwei aus dem LaufReport Team hatten ihren Weg zum ersten Marathon festgehalten. Und wie das Leben so spielt, kaum einen Marathonläufer wird dies überraschen, sind Ronald Vetter und Birgit Schillinger längst Wiederholungstäter.

Ronald Vetter, ein Vertreter der Stadtmarathon-Zuschauer, die ad hoc entscheiden, "da bin ich nächstes Jahr dabei", ohne jegliche Lauferfahrung, berichtete in 11 Rapports seinen Aufstieg zum Marathonmann. Zu den Rapports klick HIER

Birgit Schillinger, das genaue Gegenteil mit ihrer jahrelangen Lauferfahrung, machte immer einen großen Bogen um die Marathonwelle. Doch dann wurde sie von der Marathonwelle mitgerissen. Und wie:

Zu ihren Debütantinnen Episoden:

Teil 1: Vorschnell?
Teil 2: Long Jogg
Teil 3: Lampenfieber
Teil 4: Marathon-Premiere

und gleich noch einen hinterher:

Teil 1: Laufen und tiefgehende Fragen
Teil 2: Vorbereitungslauf in Kandel
Teil 3: Ist 42 viel?

Schon mal Marathon gelaufen?

Die Reaktionen auf eine „vorschnelle“(?) Entscheidung

Die übliche Frage: Wie viel Lauferfahrung sollte man mindestens haben, um bei einem Marathon zu starten? Die übliche Antwort: So ein Jahr für Neulinge. Daher ist es heute Standard - kaum dass die ersten Joggingschuhe durchgelaufen sind - sich bei einem Citymarathon anzumelden. Man kann aber auch mal andersherum fragen: Wie viel Lauferfahrung darf ich maximal haben, wenn ich bei einem Marathon starten will?

Sind über 20 Laufjahre bis zur Marathon-Premiere zu viel? Kriege ich dann Startverbot? Wenn ich still und heimlich verkünde, dass ich Frankfurt laufen will, dann kommt als Reaktion: „Na, du hast ja auch schon länger keinen gemacht, oder?“ Meine Antwort: „Das ist mein erster!“ „Wie bitte, du rennst seit über 20 Jahren in der Laufszene durch die Gegend und hast noch keinen?“ Oder die ironische Reaktion meines laufreport-Chefs Walter Wagner: „Birgit, überstürz´ es nicht!“

Plötzlich bewundern dich viele: „Du bist ja in der Form deines Lebens!“ Nein, bin ich nicht, ganz im Gegenteil. Ich mache nur nun lange Läufe, ganz brav schön langsam, daher ist man so lange unterwegs, dass es sehr beeindruckend klingt.

Da kommen Zweifel auf: Soll ich vielleicht doch noch etwas warten? Bin halt nicht von der schnellen Truppe, weder beim Laufen noch beim Entscheidungen treffen. Auch wenn ich einen langen Anlauf brauche, heißt das noch nicht, dass die Entscheidung richtig ist. Aber jetzt ist es nun mal so. Ich habe mich angemeldet.

Nix besonderes, das machen zigtausende Volksläufer auch, die sich gerade auf einen Herbstmarathon vorbereiten. Die Mehrheit unserer Bevölkerung verwechselt Quantität mit Qualität. Bloß weil du mal drei Stunden durch den Wald joggst, erntest du Anerkennung – bei Nachbarn, sportlichen Freunden und noch mehr bei unsportlichen. Als ich mal als Seniorin für meine Verhältnisse gute 800m gelaufen bin, hat sich niemand dafür interessiert...

Birgit Schillinger

Der erste Long-Jogg

Warum Marathon? Weil ich dieses Jahr keine Lust auf Quälerei hatte. Ich will den ja locker laufen. (Glaubt mir wieder keiner?) Im Alter wird man gemütlich und bescheiden. Da laufe ich halt die zehn Kilometer nicht mehr so schnell, weil ich diese Saison mich nicht zum Intervalltraining aufraffen konnte. Das Lang-langsam liegt mir eigentlich gar nicht, daher ist der Marathon nun eine neue Herausforderung.

Über 20 Jahre Anlauf für einen Marathon heißt nicht, dass man nun besonders viel Ausdauer hat. Vier Mal pro Woche eine Stunde Laufen ist was anderes als einmal vier Stunden. Als Mathematikerin begeistert mich natürlich diese Logik: 4x1 ungleich 1x4!

Der erste Trainingslauf über 30km: Wir lachen viel, machen Witze, das geht auf die Bauchmuskulatur. Und auf die Blase... zum Glück war ich vorher pinkeln. Aber lustigerweise habe wir alle wohl eine normierte Blasenkapazität, denn etwa an der gleichen Stelle müssen wir plötzlich alle in die Büsche beziehungsweise an die Bäume – der Morgentee oder -kaffee ist durch.

Die ersten zwei Stunden vergehen schnell. Wir laufen ja ganz moderat im 6-Minuten-Tempo. Macht Spaß, in der Gruppe so lange zu laufen. Da kommen auch Themen zur Sprache, für die bei den kurzen, schnelleren Läufen der lange Atem oder der Gehirnsauerstoff fehlt.

Dann - ganz plötzlich - habe ich keine Lust mehr. Erst zwei Stunden vorbei. Joggen ist doof. Langweilig. Zeitverschwendung. Ach, wie gern wäre ich jetzt zu Hause. Hab´ noch soo viel zu erledigen. Da fällt mir ein, dass ich meinen Schreibtisch aufräumen müsste. Und ich muss unbedingt den Bonsai gießen, den Kindern die Fingernägel schneiden, mit ihnen mal wieder Memory spielen... Statt mich um diese wichtige Dinge zu kümmern, laufe ich unverantwortlicherweise hier durch den Wald. Wie bin ich doch egoistisch! So viele unerledigte Ballaststoffe schlagen mir schwer auf den Magen. Während ich gedanklich eine Erledigungsliste anlege – sind es nur noch eine halbe Stunde bis nach Hause. Na, das geht noch. Jetzt fühle ich mich wieder kämpferisch: nicht langsamer werden, locker bleiben. Als die drei Stunden rum sind, geht es uns allen bestens.

Und zu Hause? Man hat das Gefühl ewig lange weg gewesen zu sein, aber irgendwie ist daheim alles beim Alten. Der Bonsai ist nicht verdurstet, die Kinder nicht verhungert, sondern frühstücken gerade gemütlich mit Papi. Keiner hat mich vermisst. Danach tut mir die Dusche gut, aber sonst nichts weh. Die Vorstellung, mal so im Training die Strecke von Schwetzingen nach Ludwigshafen gejoggt zu sein, macht den Kindern die Länge deutlich. Und ich bin auch – ehrlich gesagt – stolz. Bin gut gelaunt. Der Samstag kann beginnen. Manchmal tut es (allen) auch gut, egoistisch zu sein.

Birgit Schillinger

Lampenfieber? - die letzte Woche

Regen, kalt, ungemütlich – jetzt ist Frankfurt-Wetter. Rechtzeitig zum Marathon verzieht sich der goldene Oktober. Das war die letzten Jahre auch so – da habe ich meine marathonlaufenden Freunde immer von ganzem Herzen bemitleidet. Die Armen – bei dem Wetter! Jetzt bin selber dran.

Aber einen Marathon sollte man als Gesamtpaket über mehrere Wochen sehen. Und die Vorbereitung war schon mal so, dass man sich gerne daran erinnert: Vier Mal unterhaltsame, lustige Drei-Stunden-Läufe bei herrlichem Herbstwetter gemacht. Fast nie – von oben – nass geworden. Keine Wehwehchen.

Nach meinem Outing als Marathon-Anfänger gab es viel Aufmunterung und Tipps. Da kommt mir ein Vergleich in den Sinn: Zehn-Kilometer-Volksläufe sind wie Putz- und Aufräum-Arbeiten im Haushalt. Denn 1. Man macht sie eigentlich ständig, 2. Sie können sehr anstrengend sein, 3. In kürzester Zeit ist die Wirkung verpufft, 4. Keiner beachtet´s. Von einem Marathon dagegen hat man schon im Vorfeld mehr – und vermutlich auch im Nachhinein.

„Hast du Lampenfieber?“ Jetzt nicht. Die letzte Woche vor dem Lauf ergebe ich mich: dem Schicksal und der Vergangenheit. Denn was ich bis jetzt nicht trainiert habe, kann ich nun auch nicht mehr nachholen. Bei dem Sauwetter kann man mit gutem Gewissen ein Training ausfallen lassen. Da kommt die Frage „Sollte ich heute nicht noch mehr trainieren?“ nicht mehr in Frage. Jetzt ist alles zu spät.

Lampenfieber kommt vermutlich am Tag davor. Am Start dann ist´s wieder weg. Da denke ich nur: Zieh´s durch – und im Ziel bist du um eine Erfahrung reicher, egal wie´s ausgeht!

Birgit Schillinger

DAS RENNEN - 22. Frankfurt Marathon (26.10.2003) 

Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt

Mensch, bist du ´ne Niete. Blick voraus: So viele Läufer vor dir. Du bist eine Null, denn so viele rennen schneller. Blick zurück: Da kommen ja auch noch viele. Spitze, du bist ja mittendrin! So eine Massenveranstaltung ist gewöhnungsbedürftig. Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Du bist eine Nummer von Siebentausend, nichts Besonderes. Und doch ist der Lauf für dich etwas Besonderes. Siebentausend schaffen das gleiche wie du. Aber wie viele Millionen schaffen es nicht!

Nach über 20 Jahren Lauferfahrung auf kürzeren Strecken wollte ich nun in Frankfurt einmal ausprobieren, wie sich ein Marathon anfühlt. Morgens im Internet Vorhersage Kälte und Regen, auf der Hinfahrt Nieselregen, beim Aussteigen eiskalter Wind. Also doch warm anziehen. Die Bewaffnung mit Mütze, Handschuhe und Weste sollte ich bei dem idealen Laufwetter schon bald bereuen. Das ist ein blöder Anfängerfehler, den ich als Marathonneuling auch prompt begangen habe. Da läuft man nun also in Massen an Massen vorbei: Ich schwitze, manche Zuschauer sehen sehr durchgefroren aus. Das Frieren bleibt mir erspart. Da steht am Straßenrand ein fettleibiger Zuschauer (Umfang etwa zwei Meter), der kann bestimmt keine 100 Meter am Stück gehen. Auch das Dickwerden bleibt uns Läufern erspart. Sind wir laufsüchtig? Oder haben sich die anderen nur den natürlichen Bewegungsdrang, den Kinder und Tiere noch verspüren, durch Rumsitzen und Essen abgewöhnt?

Gewöhnungsbedürftig ist auch, dass mein Vorname auf der Startnummer aufgedruckt ist. Als ich zum Start gehe, spricht mich einer an: „Viel Glück. Birgit!“ Ich schaue ganz komisch: „Woher kennen wir...?“ „Na, du hast doch deinen Namen da drauf!“ Auch auf der Strecke hört man öfter persönliche Zurufe. Das ist klasse. Liebe Anfeuerer, vielen Dank, wenn ihr nicht nur in die schrecklichen Tröten reingepustet habt, sondern Euch die Mühe gemacht habt, was Nettes zuzurufen! So viel Publikum am Straßenrand gibt es bei einem kleinen Volkslauf nicht, da ist so eine Cityveranstaltung schon was Tolles. Und immer wieder Musik. Am besten hat mir der Mann mit der Querflöte bei Km 21 gefallen.

Ich laufe ganz gleichmäßig, immer 27 Minuten pro fünf Kilometer. Mit den Zwischenzeiten auf dem Neugeboren-Baby-Bändel am Handgelenk sehe ich, dass ich schneller bin als der Plan für 3:50. Habe immer das Gefühl, nicht am Limit zu sein. Die Warnungen erfahrener Läufer im Kopf halte ich mich die erste Hälfte zurück. Als ich in der zweiten Hälfte das Tempo genau weiter laufe, fange ich an zu überholen. Was quatscht denn der neben mir? Redet der mit mir? Ah, der hat ein Kopfhöhrerhandy und telefoniert gerade mit seiner Frau! Dann schreit einer neben mir: „Quäl dich!“ „Nicht gehen!“ „Weiter, hopp!“ Wen brüllt dieser fiese Typ denn an? Der coacht sich selbst - schreiend! Dazu würde mir nun doch die Puste fehlen.

Ab Kilometer 30 kommen die guten Sprüche auf den selbst gebastelten Schildern: „Schmerz ist geil!“ Naja, zum Glück fühle ich mich noch nicht so schlecht. „Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt!“ Das gefällt mir, da werde ich gleich noch mal schneller. Und wenn du bei Km 35 gefühlsmäßig schneller wirst – also das Tempo hältst – dann fliegen dir die anderen entgegen. „Überholen ist geil“ denke ich mir. Ist das das Runner´s High? Wann kommt denn das Ziel? Müsste doch jetzt da sein. Plötzlich geht´s links ab, dann der Festhalleneingang: Eine Wand aus heißer Luft, Dunkelheit und blendenden Scheinwerfern empfängt die Zieleinläufer. Für die Zuschauer eine kuschelige Angelegenheit, für die Sportler ein Klimaschock.

Das war´s also. Ich freue mich über die 3:47:04. Bevor man sich besinnt, werden wir wieder hinaus geschoben an die kalte Luft zum Essen- und Trinkenfassen. Wenn tausend Menschen gleichzeitig zugreifen, geht´s schon eng zu. Mir hätte es besser gefallen, wenn der Zieleinlauf auf der Straße an der frischen Luft gewesen wäre – von weitem sichtbar (auch wenn mein Lauffreund dann immer meint, die schieben das Zielbanner vor dir weg, wenn du darauf zuläufst). Stattdessen nicht so dicht gedrängte Verpflegungsstände in der warmen Festhalle – so könnte man sich die Folien sparen.

Zähneklappernd zu den Duschen. Die Frauen haben im Gegensatz zu den Männern wenigstens warmes Wasser, aber genauso kalte (und dreckige) Füße von dem Boden. Noch eine Urkunde ausdrucken lassen (auf der unverständlicherweise als erste Halbmarathonzeit die Bruttozeit angegeben ist und als zweite Hälfte die Differenz von erster Bruttohälfte zur Nettogesamtzeit – wer hat sich das ausgedacht?) - das geht erfreulicherweise schnell. Länger dauert es dann später, aus dem Parkhaus wieder raus zu kommen und den Stau bis zur Autobahn zu überstehen. Die gute Laune unserer Laufgruppe überwiegt, schließlich war das Ganze doch gut organisiert. Kleinigkeiten wie der aufgedruckte Vorname, das Zwischenzeitenbändchen, freundliche Helfer überall machen so einen Tag zu einem besonderen Lauferlebnis.

Zuhause angekommen – das ist ja wie ein Kind gekriegt: So viel Daumendrücken, so viele Mails und Anrufe. Am nächsten Tag habe ich kaum Muskelkater. Das ist eine Enttäuschung, das Wehklagen und schiefe Gehen gehört doch dazu (damit wird der überstandene Marathon erst hör- und sichtbar). Habe ich was falsch gemacht?

Deutschland im Herbst: In den Geschäften Grabgestecke und seit Wochen schon Weihnachts-Süßzeug. Dazu das ungemütliche Wetter. Da könnte man doch glatt Depressionen kriegen. Aber was machen die Läufer? Sie laufen einen „geilen“ Herbstmarathon! Und ich war dabei.

Bericht: Birgit Schillinger

Foto: Constanze Wagner

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Jetzt wird´s aber Zeit: Der Mannheimer Marathon naht

Ist 42 viel?

Wie ein Kinderbuch beim Marathontraining helfen kann

Mein Sohn (vier Jahre) hat ein wunderbar philosophisches Bilderbuch mit dem Titel „Ist 7 viel?“ Sind sieben Legoklötze viel? Sind sieben Eisbällchen viel? Man muss halt alles relativ sehen. Kluge Fragen, wie sie nur Kinder stellen können, werden von zwei Seiten beleuchtet. Immer wieder kommt mir das Buch in den Sinn, wenn der Gedankenblitz „Projekt Marathon“ in greifbare Zahlen gepackt werden soll und muss. Ist vier viel? Sind vier 3-Stunden-Läufe genug, um den Marathon zu überstehen? Dann könnte man sich wohl beruhigt zurücklehnen und auf den Tag X warten.

Was aber, wenn man bis jetzt erst einen 3-Stunden-Lauf untergebracht hat? Wenn man sich unter den anderen Marathonis umhört: der eine hat schon drei, der andere sogar vier. Mensch, macht mich bloß nicht nervös! Es kam halt bei meinen letzten geplanten Trainingslangläufen immer was dazwischen (Gewitter, Krankheit, Termine), so dass diese kürzer als vorgesehen ausfielen. Kann ich was dafür? (Wieder ein Zitat aus dem Kinderbuch:  „Wer bestimmt, wann wir leben?“) Oder ist mein Wille einfach nicht stark genug, mir dennoch den Drei-Stunden-Freiraum durchzusetzen? Looser!

Zum Marathon gehört ja nicht nur der Biss am Wettkampftag selber, sondern vor allem die mentale Härte die Wochen zuvor. Das vergessen gerne diejenigen, die nur Held für einen Tag spielen wollen. Leute, die aus Jux und Wette heraus einen Marathon ohne vernünftiges Training laufen, danach den Rest ihres Lebens mit kaputten Knien im Finisher-T-Shirt rumhumpeln, sind dumme Angeber. Da wir nicht wie diese Spezies von Pseudo-Sportlern enden wollen, bleibt nur: Trainieren!

Hast du sie noch alle...? So einen Entschluss zum Marathon können Außenstehende nicht verstehen. Aber: „Woher kommen die Gedanken?“ Das Bilderbuch illustriert die Frage mit einem überquellenden Kopf sowie einem Schrank mit Tassen drin. Und was für originell-kreative Tassen das sind! Wer hat wohl die kreativsten Gedanken im Schrank: ein Läufer zum Zeitpunkt der Marathon-Anmeldung, ein Läufer während eines Long-Jogs oder ein Finisher im Ziel, der 42,195 Kilometer Zeit hatte, bei sich aufzuräumen?

Zwei-Stunden-Läufe habe ich nun einige. Ist zwei viel? Unser zweiter Testlauf über die Halbmarathon-Strecke war der Osterlauf in Rheinzabern. Eine tolle Veranstaltung: Die Südpfälzer haben hier fast 100 Straßenläufe mit Routine und Herzlichkeit über die Bühne gebracht. Sind zwei Minuten viel? Um zwei Minuten habe ich mich gegenüber dem Halbmarathon in Kandel verbessert. Ich freue mich, denn dieses Mal fiel mir der Lauf schon viel leichter: Bei Kilometer vier meinte ich zum keuchenden Nebenmann „Nur noch 17. Bald geschafft!“ – So ein Kommentar zeugt von Souveränität! Wenn wir das dann am 15. Mai auch noch so locker sagen können...

Fürs Marathontraining gibt es mittlerweile überall Anleitungen: die lang-langsamen Läufe, die Läufe im Marathon-Renntempo, dazu Ruhetage und Testwettkämpfe – das alles klingt so einfach nach Kochrezept. Und doch kommt es immer anders, man muss improvisieren und flexibel sein. Da fällt mir wieder eine Frage aus dem Bilderbuch ein: „Wissen wir wirklich alles?“ Am besten, wir lernen von den Kindern – und freuen uns auf jeden Tag, egal ob das Trainingssoll erfüllt ist oder nicht. Der 15. Mai kommt so oder so, und danach wissen wir etwas mehr.

Geschenktipp: Antje Damm: Ist 7 viel? 44 Fragen für viele Antworten.
Ab 4; 93 Seiten; 14,80 Euro; Moritz Frankfurt 2003.

Foto: Johann Till

Jetzt wird´s aber Zeit: Der Mannheimer Marathon naht

Teil 2: Der Lauf in Kandel zeigt`s: Es muss noch viel trainiert werden!

Marathon im März – das ist ideal, besonders für Triathleten. Da macht man die langen Läufe, wenn´s im Winter ungemütlich ist. Und später in der Frühlingssonne kann man das Rennrad wieder aufpumpen...

Aber die Mehrheit der Läufer haben einfach mehr Lust aufs Joggen, wenn es wieder heller und wärmer ist. Also wird der Marathon im Mai geplant. Der eine oder andere wird hier den Mannheimer Dämmermarathon mal ausprobieren wollen. Und da bietet sich ein Testlauf über die halbe Distanz an. Und zwar jetzt. Also ab nach  Kandel!

So sah man in der Südpfalz viele Mannheim-Marathon-Jacken. Auch in unserem Lauftreff kommen sie nun aus den Winterlöchern gekrochen und standen plötzlich in Kandel am Start. Auf der Startstraße hängen rechts an den Bäumen die Blockaufstellungen: Warum sind die Leute so blind, analphabetisch oder stur (ein Pisa-Lesetest unter den Startern käme zu katastrophalen Ergebnissen) und ordnen sich nicht richtig ein? So sind wir die ersten Kilometer nur am Überholen, obwohl wir richtig standen und brav eine Minute nach dem Schuss bis zur Startlinie brauchten.

Der erste Frühlingstag nach den Schneewochen macht Laune. Mein Laufpartner ist wie immer guter Stimmung. Wir streben gegen den Wind auf die Ortschaft Minfeld zu: „Nee, ein Minfeld, da laufe ich nicht durch“, meint mein Mitläufer. Da hängt ein Schild mit den Städtepartnerschaften. Was passt wohl zu Minfeld?„ Die haben wo möglich eine Partnerschaft mit Bombe(y) oder Grana(t)da!“, kramt mein Partner kreative Geografiekenntnisse hervor.

Die Ortschaften dösen im Sonntagvormittagsschlaf. Da höre ich, wie Nebenläufer sich begeistern: „Wow, tolle Musik!“, „Hier tanzt der Bär!“, „Aber etwas zu laut!“ Ich denke, die haben einen Walkman auf, den sie sich austauschen. Ich drehe und schaue mich um. Bis ich kapiere: Das war pure Ironie! Klar, Kandel ist kein City-Event. Da hat man seine Ruhe. Hier muss man den Marathon oder Halbmarathon durchbeißen ohne aufpeitschende Sambatrommler oder ähnliches.

Jeder hat sich für diesen Test so ein Zeitziel gesetzt, vom Marathon aus heruntergerechnet. Die Anfänger in unserer Laufgruppe haben´s da noch gut. Sie haben Potential, sie haben Illusionen – und sie können sich in den verbleibenden neun Wochen bestimmt noch steigern. Bei den älteren Laufhasen unter uns hält sich die Steigerungsrate in Grenzen.

Die exakten Kilometermarken ermöglichen uns, das Tempo zu kontrollieren. Wir laufen so schnell wie vorgesehen. Aber nicht vorgesehen war, dass es mir so schwer fällt. Au weja, das Tempo sollte sich doch gemütlich anfühlen. Der Befehl Großhirn an Oberschenkel „Locker bleiben“ nützt nix. Berge als Ausrede gibt es hier nicht, dafür etwas Wind. Ja, da haben wir doch den Schuldigen. Außerdem kommt er immer von vorne (dieses Gesetz kennen die Radfahrer auch).

Die lange Gerade empfinden einige als mental hart – Mir hat es gefallen, viele Bekannte auf der Wendestrecke zu sehen. Man kommt ja aus dem Grüßen kaum raus. Seelisch belastender fand ich die vielen überfahrenen Kröten auf der Straße. Nur so ein kleines Beispiel, welche Opfer unser Autoverkehr fordert.

Auf dem Rückweg hört man schon von weitem den Lautsprecher, sieht dann das Stadion. Wie gemein, da muss man noch mal am Zaun rum, dann noch eine Runde auf der Bahn. Der Entdeckung der Langsamkeit auf dem letzten Kilometer gibt unseren Marathonneulingen einen Vorgeschmack auf die bevorstehende Premiere. Im Ziel sind wir uns einig: „Es gibt noch viel zu tun!"

Fotos: Johann Till und Walter Wagner

Jetzt wird´s aber Zeit: Der Mannheimer Marathon naht

Teil I : Wie man beim Laufen über tiefgehende Fragen philosophieren kann

Laufen ist ja so schön einfach, „weil man es von der Haustür aus betreiben kann“. Und ein Marathon fast vor der Haustür – das ist eine besondere Motivation. Klar, zu anderen Veranstaltungen fährt man auch mit dem Auto ein Stück, aber wenn´s so nah ist, dann setzt dieses Heimspiel neue Kräfte frei. Kaum waren die Ausschreibungen vom Mannheimer Marathon raus, gingen sie in unserem Lauftreff weg wie die neuerdings warmen Brötchen aus dem Supermarkt-Backofen.

Nach Weihnachten und vor Silvester passte die Anmeldung genau in die Reihe guter Vorsätze, die „man“ sich so für ein neues Jahr vornimmt. Im Januar war´s allerdings noch zu kalt und zu früh, um ins Marathontraining einzusteigen. Im Februar war´s auch noch zu kalt und früh. Im März ist´s nun auch noch kalt, aber nicht mehr früh, sondern höchste Zeit. Für einige gibt es jetzt keine Ausrede mehr - mit den Kilometern muss hochgefahren werden. In unserem Lauftreff sind zahlreiche Marathon-Neulinge, die müssen nun an die ersten langen Läufe herangeführt werden.

Das gemeinsame lange Laufen hat noch einen Nebeneffekt. Man lernt viele verschiedene Sichtweisen des Lebens kennen: Alles ist nämlich relativ.

Beispiel Sonntag: Habe einen Lauffreund X (Name von der Redaktion geändert), der bisher meist höchstens zehn Kilometer im Training joggt, zum gemeinsamen Zwei-Stunden-Lauf eingeladen. Also X weiß, dass er heute Neuland betritt. Um die zwei Stunden schneller hinter sich zu bringen, stürmt er los. „Halt, mein Freund, wer wird denn gleich ...“ bremse ich das Tempo. Die Einstein´sche Zeitbeschleunigung gilt erst bei noch höheren Geschwindigkeiten. Schließlich bin ich ja schon „erfahren“ – wenn man das nach einem Marathon so bescheiden sagen darf. Wir verwickeln uns in hochgeistige Gespräche, die bald tiefer gehen, im wahrsten Sinne des Wortes: Denn nach der ersten Blasenmeldung von X (mittlerer Zeh links) referiere ich ziemlich lange über den Sinn von gut sitzenden Sportsocken. „Die Zeit heilt alle Wunden,“ trösten wir uns bald gegenseitig, denn meine gut sitzenden Sportsocken produzieren soeben eine Blase (mittlerer Zeh rechts).

Wir laufen eine große Runde. Das ist Erziehung zur mentalen Härte – kein Abkürzen möglich. Ab der Hälfte fragt X vorsichtig an: „Wie weit noch?“. Ich lenke ihn mit beiläufigen Bemerkungen ab, dass knapp ein Viertel des Marathons bis jetzt gelaufen ist. „So wenig?“ fragt X ungläubig. „So viel!“ meine ich vielleicht eine Spur zu sarkastisch. Relativitätstheorie at its best!

Mein ironischer Humor kommt nicht so gut an, ich probiere es nun pädagogisch wertvoller mit: „Ich habe mich bei meinem ersten Zwei-Stunden-Lauf auch sehr schwer getan.“ Jetzt zieht ein Spruch, den beim Frankfurter eine Frau auf einem Schild so bei Kilometer 35 hochhielt: „Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt.“

Wir werden nun langsamer. „Ach, ich will ja nur irgendwie durchkommen, die Zeit ist egal“, stöhnt jetzt X. „Nein, das ist die falsche Einstellung!“, meckere ich. „Wenn du dir vornimmst, über fünf Stunden zu brauchen, weil du nicht genug trainieren willst, dann quälst du dich mehr, als wenn du mit ordentlichem Training vier Stunden schaffst.“ Fünf ist mehr als vier. Keine Diskussion.

Irgendwie sind wir irgendwann dann wieder zu Hause angekommen. Die Zwei-Stunden-Runde kann ganz schön lang sein, besonders wenn sie 2:20 dauert. Es bleiben viele Fragen: Sind zwei Stunden relativ lange oder relativ kurz? Hat diese Relation was mit Einstein zu tun?

Laufen ist halt doch ein philosophischer Sport.

Debüt & Wiederholungstat von Birgit Schillinger

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