Laufen, Schauen, Denken

Sonntags Tagebuch

  Mehr als Marathon - Wege zum Ultralauf - Werner Sonntag bringt nicht nur die Erfahrungen aus Jahrzehnte langem Laufen ein, in denen er 192 Marathons und 147 Ultramarathons bestritten hat. Er hat sich ein halbes Jahrhundert als kritischer Beobachter und Journalist intensiv auch viel mit Laufen befasst. Was ist Ultramarathon? Weshalb Ultramarathon? Bin ich ein Ultraläufer? Dazwischen beantwortet er die Fragen: Weshalb ist es schwerer, 100 Kilometer statt Marathon zu laufen? Weshalb ist es leichter, 100 Kilometer statt Marathon zu laufen? Gelesen & besprochen im LaufReport HIER

Eintragung vom 18. Juli 17

Nicht, daß ich etwas vermißte! Aber gewundert habe ich mich schon – ich habe keine Knieschmerzen mehr. In meiner aktiven Zeit kam das alle paar Jahre vor. Mehrfach konsultierte ich einen (laufenden) Orthopäden, sprach mit erfahrenen Laufschuhverkäufern, ließ das Aufsetzen meiner Füße auf dem Laufband analysieren, gab Einlagen in Auftrag und verwarf sie wieder.

Am intensivsten traten die Knieschmerzen 1981 beim Deutschlandlauf nach etwa 600 Kilometern auf. Da bei diesem Lauf die Ernährung im Fokus stand, war für die Mediziner, soweit sie sich vollwertig ernährten, die Diagnose klar: Es lag angeblich an meiner Ernährung. Ich war einer der beiden Läufer, die sich herkömmlich ernährt hatten. Die anderen vier dagegen waren eingeschworene Vollwertköstler. Da paßte es hervorragend, daß die Kniebeschwerden bei mir auftraten.

Die wirkliche Ursache fand ich nach dem Lauf: Es waren die Schuhe. Nur war während des Laufs keiner darauf gekommen. Drei Jahre zuvor hatte ich nach meinem ersten New York City-Marathon ein Paar Laufschuhe mit einem mir bis dahin unbekannten hohen Dämpfungsfaktor erworben. Ich lief darin wie mit Engelsflügeln. Solche Schuhe hatte ich bis dahin nicht kennengelernt. Nike – so schien mir – war offenbar seiner Zeit voraus. Zu denken hätte mir geben müssen, daß die Schuhe im Preis heruntergesetzt waren. Ich war so naiv anzunehmen, daß der Schuhladen uns Marathon-Teilnehmern damit entgegenkommen wollte. Eine solche Kostbarkeit – Nike hatte in Europa noch nicht Fuß gefaßt – schonte ich aufs äußerste. Nachdem ich sie eingelaufen hatte, trug ich sie allein bei Marathon-Läufen. Der Deutschlandlauf jedoch schien mir eine solche, Herausforderung zu sein, daß ich sie unbedingt in die Laufausrüstung aufnahm. Ich war der einzige, der mit amerikanischen Laufschuhen antrat, und bildete mir Kennerschaft ein.

 

Sehr viel später enthüllte sich mir der Pferdefuß. Die Schuhe waren sichtbar niedergetreten. Das waren sie offenbar auch schon nach einer Woche Deutschlandlauf; nur waren noch keine Indizien dafür erkennbar. Der herabgesetzte Preis war kein Entgegenkommen für New-York-Marathon-Teilnehmer, sondern ein Ramschpreis. Der Laufladen wollte diesen Nike los werden, weil sich wahrscheinlich herausgestellt hatte, daß die viel zu weiche Dämpfung, die mich bestochen hatte, eine orthopädische Fehlkalkulation war. Als dies sogar auf Photos erkennbar war, schenkte ich sie Carl-Jürgen Diem für seine Sammlung mißgestalteter Laufschuhe.

Seit ich vor bald zehn Jahren meinen letzten Marathon gelaufen bin, habe ich nur noch zwei Paar Laufschuhe gekauft. Mit der einen Marke hatte ein neuer Hersteller die Laufszene betreten – ich wollte mir ein Urteil bilden. Es ist positiv ausgefallen. Für einen Marathon ist der Schuh zwar zu schwer, aber für das Traillaufen hingegen ist er hervorragend. Dreimal habe ich den Schuh inzwischen besohlen lassen. Das zweite Paar war ein Minimal-Schuh. Auch da wollte ich eigene Erfahrungen gewinnen. Das jedoch ist nur eingeschränkt möglich gewesen. Altersläufer sollten sich bei der Übernahme revolutionärer Schuhkonzepte zurückhalten. Von einer Beurteilung durch Altersläufer ist daher abzuraten.

Seit ich nicht mehr laufe, sondern nur noch gehe, nutzen sich meine Laufschuhe nach meinem Eindruck kaum noch ab. Da ich mich zum Mißfallen meiner Frau höchst selten von Laufschuhen trenne, kann ich ein ganzes Schuhregal von Laufschuhen zum Gehen benützen. Und siehe da, die Schuhe werden beim Gehen so wenig strapaziert, daß keine orthopädischen Beeinträchtigungen auftreten. Ich habe keine Knieschmerzen mehr.

Photo: Sonntag

Eintragung vom 11. Juli 17

Demnächst ist es fünfzig Jahre her, daß der älteste noch bestehende Marathon mit Volkslauf-Charakter erstmals veranstaltet worden ist. Das soll ein andermal ein Thema sein. An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, welche Probleme uns der Marathon seinerzeit in der ärztlichen Sprechstunde bereitet hat. Probleme? Ja, wohl bei den meisten Ärzten. Heute sind wir soweit, daß die Ärzteschaft insgesamt vor zu wenig Bewegung warnt. Einstmals hat sie vor zuviel Bewegung gewarnt.

Nehmen wir ein Beispiel – meines. Vor dreißig Jahren schickte mich mein damaliger Hausarzt zu einer internistischen Untersuchung. Herzrhythmus-Störungen hatten ihn dazu veranlaßt. Der Internist, dem mein Hausarzt Patienten zuführte, war mitnichten ein laufender Arzt, sondern im Gegenteil ein laufkritischer. Seinem Übergewicht konnte man das ansehen.

Über den Bericht an meinen Hausarzt habe ich mich sehr gewundert. Die medizinischen Befunde mochten ja stimmen, aber die sonstigen Informationen bewegten sich im Ungefähren. Dabei hatte ich ihm präzise erzählt, was ich so treibe.

Ich zitiere aus dem mir vorliegenden Bericht vom 22. September 1987: „Als Journalist der Zeitschrift ,Langlauf‘ (Anmerkung: Den Titel hat der Doktor frei erfunden) ist er selber (Anmerkung: Also ich) dem Laufen fast süchtig verfallen, er laufe wöchentlich mind. 75 km, auch Ultralanglauf über 100 km mit gelegentlichen Laufzeiten von 24 Std. keine Seltenheit, jetzt will er den Spartathlon-Lauf mit über 200 km mitmachen. (Anmerkung: Völliger Unsinn, die 100 km in Rodenbach bin ich 1987 in 9:49:07 Stunden gelaufen, einen 24-Stunden-Lauf mit 177 km. Die Länge des Spartathlons habe ich, versteht sich, präzise mit 246 km angegeben.)

Es war bei Ihnen (Anmerkung: Meinem Hausarzt) bereits beim EKG eine polytope ventriculäre Extrasystolie aufgefallen sowie ST-Streckensenkungen bei steigender Belastung.“ Nach dem Befund die Diagnosen: „Massive komplexe Herzrhythmusstörung mit polytopen VES (Anmerkung: Ventriculären Extrasystolen), ja, sogar 12 VES in direkter Folge. Wahrscheinlich doch durch eine KHK bedingt, kein Hinweis für andersartige Ursache der Rhythmusstörung, begeisterter Langstreckenläufer.

Unter Kenntnis dieses Befundes kann man den Pat. eigentlich nicht mehr Langstrecken laufen lassen. Wann hier ein tödliches Kammerflattern bzw. -flimmern eintritt, ist nicht vorhersehbar. Wahrscheinlich wird er sich aber nicht zurückhalten lassen, man kann ihn halt nur zu warnen versuchen. Vielleicht ist hier auch noch eine Vorstellung bei einem Cardiologen höherer Kompetenz sinnvoll, dessen Urteil einen natürlich auch rein akademisch interessieren würde.“

Einen „Cardiologen höherer Kompetenz“ (wie ich annehme) habe ich danach aufgesucht – einen laufenden Kardiologen, versteht sich. Das tödliche Kammerflattern hat sich Zeit gelassen. Ich stehe im 92. Lebensjahr.

Eintragung vom 4. Juli 17

Ob man das nicht als soziale Verarmung bezeichnen könnte? Neulich habe ich mit einem Altersläufer telefoniert, der nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen oder gar wie ich überhaupt nicht mehr laufen kann. Er hat mir sein Problem geschildert, das auch ich habe.

Klicken wir Jahre zurück! Auch wenn wir an dem betreffenden Wettkampf nicht teilgenommen hatten, stießen wir auf den Ergebnislisten mit Sicherheit auf Namen, die uns vertraut waren. Wir waren wirklich eine Familie. Wir waren, auch wenn wir nicht mehr aktiv waren, eingebunden. Doch heute? Mein Gesprächspartner klagte, er könne mit den Namen auf den Listen nichts mehr anfangen. Die Namen seien ihm fremd. Er sprach mir aus der Seele. Mir geht es genauso. Jahrelang haben wir Leistungsfortschritte und Alterungsprozesse an Ergebnislisten beobachten können. Heute? XY Müller sagt uns nichts, bis zum nächsten Nachschauen haben wir die Namen der Spitzenpositionen vergessen.

Was ist zu tun? Gewiß, man kann Namen im Gedächtnis speichern und dabei sogar sein Gedächtnis trainieren. Das setzt jedoch ein gewisses Interesse voraus. Journalisten zum Beispiel haben kein persönliches Interesse an Läufern mit Spitzen-Placierungen; aber sie haben ein Interesse daran, Namen im Gedächtnis parat zu haben, um davon in späteren Beiträgen Gebrauch machen zu können. Dieses Interesse geht den meisten von uns ab. Wir haben aus eigenem Erleben ein persönliches Interesse an Namen gehabt, die uns einst häufig auch eine persönliche Begegnung bedeuteten. Das eigene Erleben von Läufen ist weggefallen; zu den Namen haben wir keine persönliche Beziehung.

Sicher, man kann einen dicken Schlußstrich ziehen und die Läuferkarriere der Erinnerung überlassen. Es soll solche Läufer geben, die keine mehr sein wollen. Doch abgesehen von meinen persönlichen Bezügen zur Laufszene, kann ich mich mit dem Auslöschen meiner läuferischen Vergangenheit nicht anfreunden. Bleibt der andere Weg: Sich Namen einprägen, obwohl sie einem nichts sagen. Ernst van Aaken war der klassische Beobachter, der zum Beispiel meine Laufzeiten präziser kannte als ich selbst.

Ich denke, ich werde es wohl so halten wie bisher: Listen vielleicht lesen, schon um Vergleiche ziehen zu können, aber Namen nicht speichern.

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