Laufen, Schauen, Denken

Sonntags Tagebuch

  Mehr als Marathon - Wege zum Ultralauf - Werner Sonntag bringt nicht nur die Erfahrungen aus Jahrzehnte langem Laufen ein, in denen er 192 Marathons und 147 Ultramarathons bestritten hat. Er hat sich ein halbes Jahrhundert als kritischer Beobachter und Journalist intensiv auch viel mit Laufen befasst. Was ist Ultramarathon? Weshalb Ultramarathon? Bin ich ein Ultraläufer? Dazwischen beantwortet er die Fragen: Weshalb ist es schwerer, 100 Kilometer statt Marathon zu laufen? Weshalb ist es leichter, 100 Kilometer statt Marathon zu laufen? Gelesen & besprochen im LaufReport HIER

Eintragung vom 25. April 17

Die Nummer 261 ist am 17. April in Boston in 4:44:31 über die Ziellinie gelaufen. Inzwischen wissen wohl alle zumindest ambitionierten Läufer: Mit der Startnummer 261 ist die Amerikanerin Kathrine Switzer 1967 in Boston als erste Frau mit Startnummer Marathon gelaufen. Zum Fünfzig-Jahr-Jubiläum dieses Tages hat die nun Siebzigjährige ihre Leistung wieder mit der Startnummer 261 wiederholt. Jock Semple, der stellvertretende Renndirektor des Boston-Marathons, der ihr 1967 die Startnummer hatte abreißen wollen, einige Jahre danach der Läuferin jedoch einen Kuß gegeben hatte, hat diesen Tag leider nicht mehr erleben können.

Kathrine Switzer ist längst nicht mehr die einzige mit der Nummer 261 auf der Sportkleidung. Vor über zehn Jahren hat sie zusammen mit einer Österreicherin den Club 261 Fearless gegründet, eine Non-Profit-Organisation, die Läuferinnen und Walkerinnen offensteht. Eine der Bedingungen ist einzigartig: Aufgenommen werden allein Nichtraucherinnen. Wer einen Club leiten will, muß eine Ausbildung als 261-Trainerin aufweisen.

Etwa 100 Mitglieder des Clubs 261 Fearless (furchtlos, zuweilen auch mit mutig übersetzt) sind wie Kathrine Switzer den Boston-Marathon gelaufen. Der Club verfolgt jedoch keine sportlichen Ziele. Die Teilnahme am 121. Boston-Marathon war eine Demonstration, eine Solidaritätsbekundung. Die beiden letzten Läuferinnen, die gehend das Ziel erreichten, gehören dem 261 Fearless Club an. Erklärtes Ziel dieses Frauen-Clubs ist es, die Freude am Laufen zu fördern.

Solche Gruppen bilden sich auch in Deutschland. Seit dem letzten Herbst gibt es einen Club 261 Fearless in Berlin-Reinickendorf (Christiane Voigt); Kathrine Switzer sebst hat ihn aus der Taufe gehoben. In Dresden hat die Therapeutin Christine Behrens, nachdem sie in „Running“ über den Club gelesen hatte, einen Trainer-Kurs absolviert und eine Zertifizierung als Trainerin erhalten. Seit Oktober laufen die furchtlosen Frauen auch in Dresden. Christine Behrens vertritt die Ansicht: „ Zudem möchte ich auch aufzeigen, daß Laufen nicht nur Schneller-werden bedeutet. Es ist eine Lebenseinstellung, bei der es ums Miteinander geht und nicht darum, andere zu besiegen und sich mit anderen zu vergleichen.“

Eine weitere Initiative entfaltet sich in Hamburg, und in Frankfurt am Main will eine Amerikanerin einen Club 261 Fearless gründen. Ein früher europäischer Konzentrationspunkt mit mehreren Gruppen hat sich in Österreich gebildet. Das ist „Running Zuschi“ zu verdanken, der Unternehmensberaterin und Sportjournalistin Edith Zuschmann in Klagenfurt, die im Jahr 2005 Kathrine Switzer bei einem Frauenlauf in Klagenfurt betreut hatte und danach an der Gründung des Clubs 261 beteiligt war. Edith Zuschmann ist ebenfalls den Boston-Marathon am 17. April gelaufen.

Edith Zuschmanns Website bedient auch die Interessen deutscher und schweizerischer Läuferinnen. Tanja Bucher leitet den Club 261 in Fricktal. Wer sich für das Trainingsprogramm interessiert, wählt die Seite http://www.261fearless.org/join-261r/261r-train-the-trainer-program (englischsprachig). 261-Fearless-Clubs bestehen außer in den USA und den genannten Ländern auch in Kanada, Brasilien, Großbritannien, Malta, demnächst Albanien. „261 war gerade einmal eine Zahl, fünfzig Jahre später ist es eine Bewegung“, formulierte die Journalistin Switzer.

Eintragung vom 18. April 17

Wenn von Läufern und Hunden die Rede ist, kann man davon ausgehen, daß Probleme diskutiert werden, die von Hunden, besser: von deren Haltern bereitet werden. Gewiß doch, auch ich könnte erzählen, wie ich dreimal von Hunden gebissen worden bin. Doch das ändert nichts, ebensowenig wenn ich über unblutige, aber unangenehme Begegnungen mit Hunden klagen würde. Hundehalter lesen das hier ohnehin nicht. Hunde von Läufern hingegen, zumal wenn sie in Wettkämpfen mitlaufen, verursachen nach meiner Überzeugung keine Probleme.

Gehen wir das Thema Laufen und Hunde einmal anders an, und zwar, wie ich hoffe, konstruktiv. Ein solcher Beitrag hatte mir gefehlt, als ich selbst mit Hunden gelaufen bin. Ich habe nie Tiere gehalten, außer als Kind Goldfische im Aquarium. Aber ich bin im Urlaub mit einem Hund gelaufen. Ende der sechziger und in den siebziger Jahren verbrachten wir den Urlaub bei einem Schulleiter im Land Salzburg, der auch die Jagd betrieb. Nicht daß ich eine Affinität zu Jägern gehabt hätte. Nicht erst seit Horst Stern habe ich eher eine Distanz zur Jagd. Zur Familie unser Urlaubswirte gehörte ein Cocker Spaniel Namens Elko. „Der Cocker Spaniel ist ein temperamentvoller, fröhlicher, anhänglicher und sensibler, aber zuweilen etwas eigensinniger Haushund“, sagt Wikipedia über diese Rasse.  

In der Tat, Elko akzeptierte uns – ebenso wie andere Urlaubsgäste – ohne weiteres als Hausgäste und freundete sich mit uns an. Da Cocker Spaniels regelmäßige und ausgiebige Beschäftigung brauchen und ich im Urlaub das Lauftraining fortsetzte – zu einer Zeit, als in den Alpen kaum jemand lief, weil der Trail noch nicht erfunden war –, lag es nahe, daß wir beide, Elko und ich, es mit dem gemeinsamen Laufen versuchten. Wenn ich nicht irre, hatte das der Hundehalter vorgeschlagen. Außer Elko an die Leine zu nehmen, hatte ich jedoch keine Verhaltensregeln erhalten. Wozu auch, mochte sich der Halter gedacht haben, war Elko doch ein gutmütiger Hund.

So liefen wir also los. Doch Elko blieb alsbald stehen; er mußte den Wegesrand mit der Nase erkunden. Ich zog an der Leine, Elko tat ein paar Schritte, blieb stehen und schnüffelte. So ging das vielleicht einen Kilometer lang. Doch ich blieb hartnäckig und zog stärker, Elkos Widerstand wurde schwächer. Aber wenn ich nicht aufpaßte, blieb er stehen und führte seiner feinen Nase die Gerüche zu.

Es war warm. Ich dachte mir nichts dabei. Allenfalls daß ich annahm, ein Jagdhund und Hund eines Jägers sei robust genug, mich eine Stunde im Dauerlauf zu begleiten. Elko hielt auch wirklich durch. Doch als wir dann wieder daheim waren, ließ er sich auf eine Stufe der Holztreppe fallen. Ich hatte noch nie ein Tier sich so ungehemmt hinlegen sehen. Plumps. Da erst erkannte ich, daß ich Elkos Leistungsvermögen offenbar zu stark herausgefordert hatte.

 

Erst sehr viel später sah ich ein, daß ich gegen die Natur des Tieres gehandelt hatte. Ich hatte mehrere Fehler begangen. Schon als ich die Strecke wählte, hätte ich auf die Natur des Hundes und nicht so sehr auf meine eigenen Bedürfnisse achten sollen: Mehr weichen Waldboden, weniger Asphalt! Doch damals war die Zeit, da wir primär eine glatte Strecke bevorzugten, waren doch auch die Wettkampfstrecken so geartet. Ich erinnere mich, daß vor einem Berglauf auf der Schwäbischen Alb Sträucher, die in den Weg ragten, vor dem Lauf schlicht abgemäht worden waren.

 

Vor allem aber hätte ich auf die Wißbegier des Jagdhundes Rücksicht nehmen müssen. Ich bin dann später mit zwei Huskys gelaufen. Hier war die Situation so, daß mich die beiden Hunde zogen. Grundsätzlich jedoch nehmen Hunde ihre Umwelt vor allem mit dem Geruchssinn wahr. Insbesondere ist dies wohl bei Jagdhunden der Fall. Ich hätte mich von der Absicht zu laufen verabschieden müssen, als ich mit Elko das Haus verließ. Ich hätte ihm Gelegenheit geben müssen sich allmählich anzupassen. Voraussetzung wäre gewesen, daß zunächst einmal ich mich an die Natur der Hunderasse hätte anpassen müssen.

Zehn Kilometer auf einen Sitz – das war zuviel, vor allem bei dem warmen Wetter. An eine Wasserquelle habe ich auch nicht gedacht. Der Hundehalter hatte als Jäger keine Ahnung vom Laufen; ich hatte keine Ahnung von Hundebedürfnissen. Daher der Rat: Wir, Hund und Mensch, müssen uns einander anpassen. Das erfordert seine Zeit und einiges Training, das mit Sicherheit zu Lasten des Läufers geht.

Mit Elko habe ich nicht trainieren können. Im folgenden Jahr habe ich ihn nicht wiedergesehen. Monate nach unseren Laufversuchen sprang er über die Hecke der Grundstückseinfriedung und zwar genau vor eines der wenigen Autos, die hier lang fuhren. Das Temperament des Hundes hat tödliche Folgen gehabt. Die angebliche Intelligenz des Menschen konnte seiner Natur nicht helfen.

Photos und Bildtexte von LaufReport

Eintragung vom 11. April 17

LaufReport könnte ein Preisausschreiben veranstalten – mit Fragen wie dieser: Wer läuft wo am 17. April 2017 Marathon mit der Startnummer 261? Diese Frage zu beantworten, ist logische Überlegung notwendig. Der 17. April ist der Ostermontag. Ein Marathon zu Ostern? Bestimmt nicht in Deutschland. Ein Marathon am Montag? Da gibt es wohl nur einen, den Boston-Marathon am Patriots‘ Day, einem Feiertag im US-Staat Massachusetts. Er erinnert an den 19. April 1775, den Tag der für die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung entscheidenden Schlachten von Concord und Lexington. Auf diesen Feiertag, der jeweils am dritten Montag im April begangen wird, hat man 1897 in voller Absicht den Boston-Marathon gelegt, spielten doch die Minutemen, die laufenden Soldaten der amerikanischen Patrioten, die eine Meile in 8 bis 12 Minuten (etwa 5 – 8 Minuten für einen Kilometer) zurücklegten, die kriegsentscheidende Rolle.

Der Boston-Marathon gehört zu der Welle der Marathons, die nach dem Marathon der ersten Olympischen Spiele 1896 eingesetzt hatte. Von ihnen existiert nur noch der eine, der in Boston. Er ist damit der älteste Marathon, der seither mit Ausnahme eines Kriegsjahrs ununterbrochen jährlich veranstaltet worden ist.

Am 17. April ist ein Jubiläum zu begehen: Vor fünfzig Jahren lief hier die erste Frau regulär, nämlich mit Startnummer, Marathon. Karl Lennartz hat im dritten Band seiner Trilogie über die Geschichte des Marathonlaufs detailliert den Marathonlauf der Frauen und dessen Wurzeln behandelt. In Boston lief Roberta Gibb 1966 erstmals den Marathon, und zwar in 3:21:40 Stunden. Da ihre Anmeldung jedoch hatte abgewiesen werden müssen, hatte sie sich nach dem Männerfeld in den Büschen positioniert und startete illegal. Bis zum Ziel überholte sie 290 der 415 teilnehmenden Männer. Diesen heimlichen Start wiederholte sie im folgenden Jahr und erreichte 3:27:17 Stunden.

Aufsehen erregte jedoch eine andere Frau, Kathrine Switzer. Die Story ist bekannt: Sie hatte 1967 als K. V. Switzer gemeldet und erhielt eine Startnummer. Da es ziemlich kühl war und alle Läufer sich gegen den Schneeregen schützten, fiel sie im Trainingsanzug und mit Mütze als Frau nicht auf. Begleitet wurde sie von ihrem Freund und späteren ersten Ehemann Tom Miller und ihrem Trainer, Arnie Briggs. Nach einigen Kilometern kam es zu jenem Zwischenfall, der diesen Lauf zu einer Zäsur des Regelwerks, ja, zu einem sportgeschichtlichen Datum werden ließ. Dem Läuferfeld in Hopkinton war der Pressebus mit dem Renndirektor, Will Cloney, und seinem Stellvertreter, Jock Semple, gefolgt, der nun seinen Weg über die Laufstrecke nahm. Nach einer halben Meile, so schildert Jock Semple in seinem Buch „Just call me Jock“ (1982), rief einer der Journalisten, da sei eine Frau. Doch als der Bus stoppte, stellte sich heraus, es war ein Läufer mit langen Haaren. Nach einer Weile, etwa zwei Meilen nach dem Start, abermals ein Ruf. Jock Semple schaute im Programm nach, da stand hinter der Startnummer 261 der Name K. V. Switzer. Die Presseleute hatten ihren Spaß. „Hey Jock, dieser Freund K. schaut aber gut aus!“ „Wie mag ihre Mutter sie gerufen haben? Karl?“ Im Jahr zuvor hatte Jock Semple sehr wohl Roberta Gibb auf der Laufstrecke gesehen; aber sie trug keine Startnummer. Hier lag der Fall anders. Der Bus hielt, der Renndirektor sprang heraus und versuchte, K. Switzer einzuholen. Da ihm das nicht gelang, rannte Jock Semple, der im Boston-Marathon 1930 immerhin den siebenten Platz erzielt hatte, der Läuferin nach und versuchte, ihr die Startnummer abzureißen. Das aber duldete ihr Begleiter nicht, ein stämmiger ehemaliger Football-Spieler und Hammerwerfer. Er stieß den Angreifer beiseite. „K. Switzer“ konnte ihren Lauf fortsetzen und in 4:20 Stunden beenden. Die Journalisten hatten ihre Geschichte, zumal da ein Fotoreporter von dem Vorfall eine ganze Bildserie schießen konnte.

 

Kathrine Switzer wurde zwar aus dem amerikanischen Amateur-Athletik-Verband ausgeschlossen, aber die Nachricht von dem Marathonlauf einer Frau mit offizieller Zeitnahme verbreitete sich. Die Meinungen darüber waren geteilt. Ernst van Aaken hatte ein ähnliches zwiespältiges Echo auf seine Initiativen, den Langlauf für Frauen zu öffnen, erlebt. Kathrine Switzers Bostoner Lauf und die Diskussion darüber haben auf jeden Fall die Entwicklung um Jahre beschleunigt. Es fanden sich Veranstalter, die Frauen den Marathon-Start freistellten. Der erste Schwarzwald-Marathon 1968, der Frauen den Start ermöglichte, hat einen Markstein gesetzt, auch wenn dies in den USA kein Gesprächsthema war. Im Jahr 1972 öffnete sich der Boston-Marathon ganz offiziell den Läuferinnen. Kathrine Switzer war wie 1971, nun mit offizieller Billigung, ebenfalls am Start. Als Jock Semple ihr begegnete, gab er ihr demonstrativ einen Kuß, und Kathrine Switzer schrieb ihm später einen langen Brief.

Der denkwürdige Tag, der den Durchbruch zum Frauen-Marathon brachte, jährt sich nun am Ostermontag zum fünfzigsten Mal. Das großartige Ereignis dabei: Kathrine Switzer, die am 5. Januar siebzig Jahre alt geworden ist, wird in Boston starten. Ihre Startnummer lautet: 261, die Nummer, die sie vor fünfzig Jahren getragen hatte.

Auf mehrfache Weise ist Kathrine Switzer mit Deutschland verbunden. Ihre Familie ist 1727 aus dem Schwarzwald gekommen. Sie selbst ist in Amberg in der Oberpfalz geboren. Ihre Mutter war 1946 noch während der Schwangerschaft mit dem Schiff nach Europa gereist, um ihrem Mann, der als Major der US-Streitkräfte in Amberg ein Lager für displaced persons leitete, nahe zu sein. Aus den USA in das zerstörte Deutschland zu kommen, dazu gehörte einiger Pioniergeist, den Kathrine offenbar geerbt hat. 1949 kehrte die Familie in die Vereinigten Staaten zurück.

Mit zwölf Jahren, so lesen wir bei Wikipedia, begann sie, jeden Tag eine Meile zu laufen, um als Hockey-Spielerin Kondition zu bekommen. Als Journalistik-Studentin an der Syracuse-University trainierte sie mit dem männlichen Leichtathletik-Team. Das Crosslauf-Team leitete Arnie Briggs, der fünfzehnmal am Boston-Marathon teilgenommen hatte. Das führte dann zu der Idee, daß Kathrine Switzer 1967 in Hopkinton bei Boston starten wollte. Beim Boston-Marathon 1975 erreichte sie ihre persönliche Bestzeit mit 2:51:37 Stunden.

Beruflich engagierte sich Kathrine Switzer bei der Kosmetikfirma Avon und schuf eine internationale Frauenlaufserie. Dazu, daß der Frauenmarathon 1984 in das olympische Programm aufgenommen worden ist, hat sie wesentlich, wenn nicht entscheidend beigetragen. Im Jahr 2011 lief sie den Berlin-Marathon.

Auch wenn sie in Boston nicht die erste Frau war, die dort den Marathon lief, hat sie durch ihr Leben, ihre journalistischen Beiträge, ihre Bücher und ihr Management den Frauenlauf wie kaum eine andere gefördert. Als Zwanzigjährige ist sie dank dem Eingreifen von Jock Semple zu einer Person der Zeitgeschichte, der Laufzeitgeschichte, geworden. Darüber sollte jedoch nicht übersehen werden, daß sie danach selbst Laufgeschichte geschrieben hat.

Bildserie um die Nummer 261 im Jahr 1967 in der Presse-Info im LaufReport HIER

Photo: “Just call me Jock” von Werner Sonntag

Eintragung vom 4. April 17

Diese Eintragung wird er nicht lesen. Denn dem Internet hat er sich verschlossen. Gratulieren werde ich mit einer Glückwunschkarte. Am 6. April hat er seinen 85. Geburtstag – Günter Herburger.

 

Eine Würdigung Herburgers ist von jeher problematisch gewesen. Und sei es nur, weil sich hier wieder einmal der scheinbare Gegensatz von Literatur und Sport auftut. Literaturkritiker konnten – jedenfalls seinerzeit – die Entdeckung des Laufens durch einen eigenwilligen Schriftsteller nicht so recht nachvollziehen.

Günter Herburger hat seine Lauf-Feuilletons in drei Bänden gesammelt, die 1988, 1994 und 2004 erschienen sind. Und die Läufer? „Auch einen Siebzigjährigen, der sich am Abend vorher provozierend vorgestellt hatte, er kenne kein einziges Buch von mir, was die Regel war und mich unbelastet anonym ließ, sah ich nur noch von hinten“ (Aus „Bad Füssing“ in „Schlaf und Strecke“). Die drei Laufbücher habe ich jetzt wieder zum großen Teil gelesen. Meine Definition lautet: Literatur ist, wenn man sie auch nach zwanzig, dreißig Jahren mit Gewinn lesen kann.

Nicht, daß ich sie den damals Siebzigjährigen ans Herz legen möchte. Aber ich habe die Hoffnung, daß die Vielzahl der Menschen, die seither zum Laufen gefunden haben, aufgeschlossen genug sind, auch Bücher zu lesen, die vor ihrer aktiven Zeit erschienen sind. Ich gestehe, diesen Vorschlag würde ich nicht auf Herburgers Thuja-Trilogie (1977 – 1991) beziehen. Aber wer seine Lauf-Lektüre nicht auf Laufanleitungen beschränkt, sollte Herburgers Laufbücher kennen, zumal da sich der Autor nicht in technischen und sich immer wieder ändernden Details ergeht, sondern Assoziationen und Reflexionen mit den Läufen verbindet, an denen er teilgenommen hat.

Nun hat Günter Herburger die Altersklasse erreicht, in der endgültig vom Laufen Abschied zu nehmen ist, es sei denn man macht es wie ich und blickt als Beobachter über den Zaun. Das würde ich Günter Herburger, den Veranstaltern und uns allen zu seinem 85. Geburtstag wünschen. Es ist ja keineswegs so, daß sich der Schriftsteller Herburger aufs Altenteil zurückgezogen hätte. Vor einem Jahr ist „Wildnis, singende“ erschienen, angeblich aus der Gattung des Heimatromans, der sich Herburger neu zugewandt hat.  

 

Meine Kenntnis beziehe ich aus einer längeren Leseprobe, die uns der 2011 gegründete Hanani-Verlag darbietet, und zwar im Internet. Dem Netz entnehme ich auch, was Rezensenten namhafter Blätter über diese Neuerscheinung geschrieben haben (Rezensionsnotizen entnommen dem „Perlentaucher.de“): „Roman Bucheli (Anm.: „Neue Zürcher Zeitung“) ist hellauf begeistert. Günter Herburger ist für ihn ein Meister des fantastischen Erzählens. Motive von großer poetischer Kraft und eine surreale Welt voll menschelnder Tiere und tierhafter Menschen verzaubern den Rezensenten.“ In der Rezensionsnotiz zur „Zeit“ lese ich: „Man muß sich erst an den merkwürdigen Stil Günter Herburgers gewöhnen, bevor man seinen Roman ,Wildnis, singend‘ genießen kann, warnt Rezensent Stephan Wackwitz. Aber es ist die Mühe definitiv wert, versichert er. …Für ihn ist Herburger eine frische Brise in der deutschen Literatur, die endlich Abwechslung von dem ewigen Realismus verspricht.“

Das sind Worte, die mich überraschen. Denn es gab eine Zeit, in der es um Herburger still war. Ich sehe nun, das hat nichts zu bedeuten, ebensowenig wie die Zahl der Leser. Literatur läßt sich nicht messen.

Photos: Sonntag (2), Hanani-Verlag (1)

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