Schlett EXTREM

Teil 17: The Naked German

The Nature Island Challenge - ein neuer, innovativer Multisportwettkampf auf Dominica, der wildesten aller Karibikinseln. 6 Viererteams aus Deutschland, USA, Barbados und Trinidad & Tobago duellierten sich im Trailrunning auf brutalstem Terrain im Regenwald, bei verschiedenen Geschicklichkeitsübungen, sowie diversen Kultur- und Fotowettbewerben. Der Autor als Hahn im Korb hatte die delikate Aufgabe, sich mit drei Amazonen durch den Dominicanischen Busch zu schlagen. Wie soll ich das bloß überleben? Oder realistischer, wie sollten Elke, Alena und Elizabeth fünf Tage lang mit so einem Verrückten klar kommen? Für einen Extremsportler eine äußerst sensible Aufgabe, denn ich wollte die drei Mädels bei ihrem ersten internationalen Großeinsatz nicht gleich versauen, zumal wir uns vorher noch nie gesehen bzw. zusammen trainiert hatten…

Der Hahn und sein Korb Die zukünftigen Extremsportler Dominicas Der Autor im Dschungelkampf

Fort Young - Hauptquartier der Truppe. Eine über 300 Jahre alte Festung mit bewegter Geschichte, die Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zum Hotel umfunktioniert wurde. Die Teams wurden in verschwenderisch großen Zimmern mit Balkon direkt an der Meeresfront einquartiert. Vom steinigen Ufer führte ein hölzerner Pier direkt aus dem 3-Sterne-Etablissement hinaus in die herrlich tiefblaue Bucht. Die "nackte" Versuchung zu einer täglichen Schwimmeinheit. In solch einer Location auf den Sprung ins kühle Nass zu verzichten wäre eine sportliche Todsünde! Nur: unser Arbeitstag startete am frühen Morgen in der Dunkelheit und endete abends, als die Karibiksonne bereits am Horizont verschwunden war. In solchen Fällen war ich schon immer pragmatisch. Also, um 4:45 Uhr Alarm, vom Zimmer zum Pier war es nur ein Katzensprung, kurzer Check mit der Taschenlampe ob nicht irgendein Treibgut im Meer schwimmt oder sich ein Seeigel an die Ausstiegsleiter verirrt hat. Der Bademantel wurde abgestreift und dann ging's mit Anlauf im Hechtsprung aus drei Metern Höhe in die dunklen und salzigen Fluten. Natürlich nackt - was soll hier eine bescheuerte Badehose? Das gleiche Ritual nachts vor der Bettruhe. Herrlich! Erfrischend! Lebendig!

Auch ein Dschungelkämpfer braucht mal eine Auszeit Wasserfälle. Schlamm, Moder, Löcher, Stolperfallen, glitschige Baumwurzeln und steilste Kletterpassagen sind allgegenwärtig Wer die Grüne Hölle überlebt, darf auch mal in den heißen Quellen relaxen

Das brachte uns auf die Idee für das erste Motiv beim Fotowettbewerb. Es gab zwei Regeln: es sollte spektakulär sein und musste mit Handykamera eingefangen werden. Elke legte die Taschenlampe am Pier aus und im fahlen Lichtschein legte ich den besten Nacktsprung meines Lebens hin. Schon die erste Aufnahme saß, der Nacktarsch war im Kasten und der erste Wettbewerb gewonnen. Bingo!

Die Deutschen Dschungelkämpfer haben dem Filmteam viel zu erzählen
Vom bekleideten Schlett waren auch die Einheimischen begeistert Der Autor auf dem Hindernissparcour

Trotz der frühen Morgenstunden und obwohl sich die Wachmänner des Hotels diskret verhielten, blieb das seltsame Treiben nicht verborgen. Einige Teams waren bereits wach und verfolgten erstaunt das tägliche Ritual. Und schon war mein neuer Spitzname geboren: "Der nackte Deutsche". Ein derartiger "Titel" spornte natürlich an, gab zusätzliche Motivation und beflügelte die Fantasie. Er war quasi die Grundlage für unseren nächsten Coup. Täglich mussten im Wechsel je zwei Teammitglieder eine Strecke zwischen 15-20 km auf dem Waitukubuli National Trail zusammen laufen.

Hier geht es lang .... THE NAKED GERMAN Ganze Schulklassen verfolgten das Geschehen der verrückten Ausländer

Der Waitukubuli durchquert auf einer Distanz von 185 km in 14 Segmenten die gesamte Insel von Süd nach Nord und ist der längste Trail in der Karibik. Der Pfad führt durch tiefsten Bergdschungel, knietiefen Morast, endlose Wurzelwege, quert Flüsse und Wasserfälle. Schlamm, Moder, Löcher, Stolperfallen, glitschige Baumwurzeln und steilste Kletterpassagen sind allgegenwärtig. Die Luftfeuchtigkeit liegt über 90% - fast schon eine gesättigte Lösung. Entsprechend hoch ist der Schweißverlust. Eine bizarre, exotische Landschaft, immer grün, immer feucht, immer schwül. Und so ziemlich das brutalste Gelände, in das man einen Läufer aussetzen kann.

Der Medizinmann erteilt den Wettkampfsegen Alena und Elke: "One with Nature" Alena in fast unberührter Natur unterwegs

Elizabeth, eine aparte, ruhige, sympathische Schwedin, 31 Jahre jung, wurde zu meiner Mitläuferin erkoren. Sie war zwar eine gute und im Gelände sichere Läuferin, aber noch nie im tropischen Bergregenwald unterwegs. Und jetzt sollte sich das arme Mädchen mit einem Wahnsinnigen, der in den knapp 3 ½ Jahrzehnten seiner Karriere Tausende von Kilometern in diesem Gelände unterwegs war, im Dschungelkampf bewähren. Dazu noch das Motiv der heutigen Foto-Challenge mit dem Thema "One with Nature" fotografisch in Szene setzen. Einssein mit der Natur und Sport - was passt da besser, als ein Trailläufer in freier Natur, so nackt wie ihn der Herrgott erschaffen hat und im Dämmerlicht des Urwalds. Das Team war sich sehr schnell einig: das probieren wir! Endlich, nach der Hälfte des 20 km langen Rennens war an einem steilen, von Urwaldriesen, Farnen und Gestrüpp eingerahmten Hang der passende Moment gekommen. Das vor uns liegende Team bog gerade um die Ecke, das nächste hatten wir um ca. 5 Minuten abgehängt.

Stefan und Elizabeth auf der Zielgeraden Obama war auch schon hier (Rumpunsch in der Dschungelbar) Der unterfränkische Dschungelkönig auf seinem Thron

Schuhe, Socken, Hose, Hemd aus, ein knallroter Camelbak auf den Rücken und im Sturmschritt den Berg hoch - ein bombengeiles Bild! Elizabeth leistete trotz der Umstände hervorragende Arbeit mit der Handykamera. Und auch diesen Bewerb konnten wir haushoch gewinnen! Dazu arbeiteten wir uns -trotz des Zeitverlustes durch kreative Fotoshootings- vom anfänglich letzten, bis auf den zweiten Platz im Ziel vor, kurz hinter dem favorisierten Team aus Trinidad & Tobago. Elizabeth wurde zur Dschungelkönigin ernannt und der Autor ging als "The Naked German" endgültig in die Rennannalen des Nature Island Challenge Dominica ein und wurde in der Folge sogar zum Inselgespräch.

Fotos © Archiv Stefan Schlett

Beitrag von Stefan Schlett

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Teil 16: Dummheit tut weh!

Elbrus Mountain Race in Russland. Ein Ultralauf im Kaukasus, rund um den höchsten Berg Europas. Die Technischen Daten: 105 km, 4900 Höhenmeter, 4 Bergpässe, 3 davon höher als 3000 Meter - nur etwas für Hardchore-Abenteurer mit hochalpiner Erfahrung. Zusammen mit meinem russischen Laufpartner Pavel Sysoev bewältige ich die Monsterstrecke in Eigenversorgung und mit GPS-Navigation in 37:10 Stunden.

Knochenbrecherische Geröllhalden Eiskalte Flussdurchquerungen

Knochenbrecherische Geröllhalden, steile Schneefelder, eiskalte Flussdurchquerungen, nächtliche Passüberquerungen, Gefrierfleischtemperaturen - überlebt! Knochen heil, Psyche heil, Magen heil (er knurrt - ein gutes Zeichen!).

Nächtliche Passüberquerungen Steile Schneefelder

Doch halt, was entdecke ich da an meinem Fuß? Auch nach 31 Jahren Extremsporterfahrung wird man vor Dummheit nicht verschont. Und in diesem Gewerbe tut Dummheit bekanntlich besonders weh! Habe ich Depp doch glatt vergessen, meine Zehennägel zu stutzen, was zu den elementaren Vorbereitungen gehört. Das Ergebnis: eine fette Blutblase unter dem großen Zehennagel des rechten Fußes. OK, normalerweise eine Routineangelegenheit: Desinfizieren, Loch in den Nagel bohren, Soße rausdrücken - Druck weg, Schmerz weg. Der tote Nagel fällt dann nach einigen Wochen von selbst ab und dann dauert es gut ein Jahr, bis den Zeh wieder ein einigermaßen ordentlicher Zehennagel ziert.

Psyche heil, Magen heil, er knurrt Elbrus ist mit 5642 m Höhe der höchste Berg des Kaukasus und Russlands - oder Europas

Ich will gerade mein "OP-Besteck" vorbereiten, als mir mit Schrecken auffällt, dass der Zeh heiß ist und sich um das Nagelbett eine rote Korona gebildet hat. Entzündung! Und das in dieser abgelegenen Gegend. Hilfe! In 15 Kilometer Entfernung gibt es eine Erste Hilfe Station. Als ich das Kabinett betrete fallen mir als erstes die vielen Fotos an den Wänden mit Widmungen von russischen Höhenbergsteigern auf, sogar ein Gipfelfoto vom Mount Everest ist zu erkennen. Aha - man kennt sich hier also aus mit den Opfern diverser Höhenexzesse! Eine schon in die Jahre gekommene, nette Babuschka empfängt mich freundlich, bittet mich hinzusetzen und serviert Tee und Kekse.

Kaputtes Laufwerkzeug nach Zangeneinsatz Autor in der Elbrus-Landschaft

Der Arzt -im adidas Trainingsanzug- inspiziert den Fuß und schenkt mir erstmal ein Glas Cognac zur Beruhigung ein. Erst als dieses ausgetrunken ist, geht's in den Behandlungsraum. Ich weiß genau was jetzt kommt. Und, ja, ich gebe es zu - ich hasse Schmerzen! Dann geht alles ganz schnell. Eine Spritze wird gesetzt, die Zange hervorgeholt, die Babuschka hält mich fest, ein höllischer Schmerz jagt durch den geschundenen Körper und der Doktore hält triumphierend den kompletten Zehennagel in die Luft. Ein blutiger Klumpen zwar, aber ein echtes Prachtstück - schade drum. Das war's dann wohl mit meinen Ambitionen, den Elbrus nach 16 Jahren ein zweites Mal zu besteigen. Der Frust wird sodann mit einem weiteren Glas Cognac runtergespült…

Fotos © Archiv Stefan Schlett

Beitrag von Stefan Schlett

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Teil 15: Die erste Frau war ein Mann

Nach einem Dutzend weltweiter Ironman-Happenings und dem (Üb-)erleben von Double-, Triple-, Quadruple-, Quintuple-, Decatriathlons und Ultramans wollte ich mich einmal nicht als Aktiver, sondern als Helfer ins Schlachtgetümmel eines eisenharten Wettbewerbes einbringen. Der Tatort: Frankfurt, Ironman-Europameisterschaft 2008, Mainkai - per Los wurde mir die Fahrradbegleitung der 1. Frau auf der Marathonstrecke zugeteilt. Dafür bekam ich ein T-Shirt in Leuchtfarbe übergestülpt, auf dessen Vorder- und Rückseite in großen Lettern "1. Frau" prangte. Schon auf dem Fußweg zur Wechselzone erntete ich seltsame Blicke der Passanten: "Hey, bist Du die erste Frau?" - "ja, ich stehe kurz vor einer Geschlechtsumwandlung..."

Hier kommt sie, die 1. Frau: '... auf´m Rad oder per pedes???

Schon wenig später halte ich das Bike in der Hand, ausgestattet mit einem bunten Fähnchen an einer zwei Meter langen Stange und auf dem Lenker ein großes Schild: "1. Frau". Ich harre der Dinge die da kommen. Und da kommt sie schon, mit großem Vorsprung, die 1. Frau - Chrissie Wellington. Wow! - die Weltmeisterin, die Triathlon-Senkrechtstarterin der letzten 2 Jahre! Ich werde nervös, der Puls bewegt sich Richtung Endspurtniveau. Nervös wird auch "Mike-Mike" (Mike Hamel) - Deutschlands populärster Kommentator in der Szene. Er springt über die Absperrung, kündigt den Superstar an, bringt die Zuschauermassen zum Toben - und outet mich (den "Verrückten") noch schnell als Extremsportler...

Da kommt sie schon: Das Energiebündel muss nun noch Marathon laufen und dabei die Position 1 nicht mehr abgeben

Da kommt sie schon aus der Wechselzone gestürmt. Klein, zierlich, attraktiv, 31 Jahre jung - die Britin ist ein Energiebündel, mit fast jetzt schon uneinholbarem Vorsprung. Ich empfinde es als Gnade, solch eine Ausnahmeathletin auf ihrem Triumphzug durch "Mainhattan" begleiten zu dürfen. Und schon geht es rein in den brodelnden Hexenkessel. Tausende Zuschauer kreischen, schreien, trommeln, hupen, pfeifen. Die Stimmen der Moderatoren überschlagen sich. Rhythmischer Discosound dröhnt durch die engen Laufgassen. Und vorneweg der Mann mit der Aufschrift "1. Frau". Fast schon wird ein gewisser Beschützerinstinkt geweckt. Wie soll ich "meine Frau" nur heil durch dieses Getümmel bringen? Vier Runden auf dem Schlachtfeld der völlig aus dem Häuschen geratenen Bankenmetropole, die doch sonst eher nüchtern und ruhig ist, sind zu überstehen. Halleluja - eine völlig neue Extremerfahrung! Höchste Konzentration ist gefordert! Zuschauer, Helfer, Teilnehmer dirigieren und manchmal mit sanfter Gewalt beiseite schieben, auf das Presse-Motorrad achtgeben, aufpassen das ich "meine Frau" nicht verliere, noch mehr aufpassen das sie nicht aufläuft, einen Weg durch das Gewühle bahnen.

... und das schafft sie mit einem Lächeln und dank der perfekten Radvorausfahrt ihres extremen Begleiters

Aber auch ein Helfer muss mal pinkeln. Notstop im Gebüsch, an einer übersichtlichen Stelle. Und schon geht's wieder los: "Wo hast du deine Frau gelassen?" - "die ist mir einfach davongelaufen..." Doch schnell habe ich meine Eisenlady wieder. Und ihr anfangs konzentrierter, angespannter und doch hübscher Gesichtsausdruck wird von Runde zu Runde entspannter, ihr Vorsprung immer größer. Die Zwischenzeiten deuten auf einen möglichen neuen Weltrekord. Die Atmosphäre ist elektrisierend, die eisengeschwängerte Luft knistert. Der Helikopter knattert über dem ganzen Geschehen. Für mich Entspannung, denn wenn die Kamera aus der Luft filmt, bin ich das Motorrad los.

Und plötzlich kommt der Zielkanal - ein tobendes Inferno, das Walhalla der Eisenfrauen und Eisenmänner. Der Radfahrer schert aus, wirft einen letzten Blick auf "seine Traumfrau" und endlich, nach 42 Kilometern, darf die erste Frau auch 1. Frau sein...

Fotos © Archiv Stefan Schlett

Beitrag von Stefan Schlett

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Teil 14: Nackedeien

Nackt sein ist cool. Nackt laufen ist cooler. Nacktläufe gibt es mittlerweile zuhauf. In den USA findet sich ein ganzer Kalender von Nacktläufen, fast alle veranstaltet in Nudistencamps und meist über die 5-km-Distanz. Der spektakulärste Lauf "Bare to Breakers" findet mitten in San Francisco statt, als inoffizieller Schwanz des traditionellen 12-km-Laufs "Bay to Breakers". Das sind jedoch alles Kurzstrecken, mit dem sich mein kreatives Extremistenhirn nicht zufrieden geben würde. Ein Lauf über die klassischen 42,195 Kilometer sollte es schon sein, den ich meinem Portfolio von 677 Marathonläufen beimischen wollte. Mit dem "12-Stunden Naturisten- und Spendenlauf am Zieselsmaar" wurde ich endlich fündig.

Schnell noch eine Runde und dem Fotografen enteilen Nacktläufer mit Mütze und Handschuhen sind wie fleischfressende Veganer

Auf einer 1160 Meter langen Laufrunde am 5 Hektar großen Zieselsmaar, einem Badesee und FKK-Gelände vor den Toren Kölns, dürfen sich die Läufer 12 Stunden lang Splitterfasernackt austoben. Herrlich! Als ich das Vorhaben beiläufig meinem Korrespondenten in Washington DC (Michael - emigrierter Architekt und Fotograf aus Graz, mit dem ich mich regelmäßig per Email austausche) mitteilte, löste das ungeahnte Reaktionen aus. Denn dieser wiederum gab die Info leichtsinnigerweise an ein paar Freunde weiter. Die prüden Amis entwickeln bei solchen Themen eine rege Fantasie. Sarah aus New York: "Was machst Du mit Deinem Pimmel beim Nacktmarathon?". Tom aus Bethesda, MD meinte "schmerzt das nicht, wenn der so von einer Seite zur anderen schwingt?". Ein ernst gemeinter Lösungsvorschlag kam prompt von einer Freundin aus Boston: ich soll doch mein Gemächt per Klebeband befestigen…

Jetzt nix wie hin zur Smilie-Ausgabe Gerd Dudenhöfer würde sagen: "Klar kann der Angezogene mitlaufen, wir sind doch nicht tolerant!"

Nun ja, das Gehänge war eigentlich das geringste Problem. Der Gott der Nacktheit -so es denn einen gibt- konfrontierte mich dann mit ganz anderen Sorgen. Just ein Tag vor dem Lauf erwischte mich eine Blasenentzündung! Und die Wetteraussichten ließen ungemütliche 13° Celsius, Wolken und Wind erwarten. Das nackte Grauen! Verdammte Unschuld - da muss ich jetzt durch! Eine entzündete Blase muss gut durchgespült werden. Also, wurden nach jeder Laufrunde an der Verpflegungsstation Unmengen von Flüssigkeiten runtergekippt. Dadurch musste ich zwar ca. alle zwei Kilometer pinkeln, was aber bei der Anzugsordnung kein Problem darstellte - ich ließ es einfach laufen…

Grippe-Impfung? Nein, nur ein Verwaltungsakt Komm Sportsfreund, wir gönnen dem Smilie noch eine Runde an der frischen Luft

Das Nacktlaufen selbst war äußerst angenehm, da keine verschwitzten Klamotten auf der Haut klebten und den Körper auskühlten. Ein ganz neues, sensationelles Gefühl! Das kalte und ungemütliche Klima war damit entschärft. Nach 40 Runden und 5:45 Stunden standen 46,4 nackte Laufkilometer auf dem Tacho. OK, einen kleinen Kompromiss ging ich dann doch für meinen ersten Nacktultra ein: Laufschuhe, Socken, Handschuhe, Halstuch und Mütze schützten nicht nur sensible Stellen, sondern sorgten auf dem blassen, auf seine natürliche Nacktheit reduzierten Körper, auch für einige Farbtupfer.

Fotos © Stefan Schlett

Beitrag von Stefan Schlett

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Teil 13: Geistermann auf Autobahn

… prangte in dicken Lettern als Topstory in der Kronen Zeitung, dem österreichischen Pendant der deutschen Boulevardzeitung mit den vier größten Buchstaben. Gemeint war kein geringerer als der Autor selbst. Was war passiert? Wie wurde Stefan Schlett zum Geistermann und was hatte er zu Fuß auf der Autobahn verloren?

Austria Cross 1984. In 7 Tagen zu Fuß von Bregenz am Bodensee quer durch die Alpenrepublik nach Rust am Neusiedlersee. 749 Kilometer Asphalt über Alpenpässe mit endlosen Höhenmetern, oft auf Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen und leider auch rücksichtslosen Fahrern, sowie schwierigen klimatischen Bedingungen.

Aber auch gigantische Landschaften, spannende Begegnungen und vor allem ein Abenteuer für Körper, Geist und Seele. Ein Kracher! Die größte Herausforderung, die sich ein Ultraläufer in Europa, damals vor 3 Jahrzehnten, antun konnte. Ein Aufbruch in zu diesem Zeitpunkt nahezu unbekannte läuferische Dimensionen. Geradezu eine Provokation für aufstrebende "Jungextremisten", zu denen ich mit meinen 22 Lenzen und 3 Jahren Extremsporterfahrung gehörte.

5 Starter beim Austria Cross reduzieren sich bald

Fünf Läufer fanden sich für den zum zweiten Mal von dem Österreicher Leo Halletz organisierten Wettbewerb ein. Drei Alpenpässe gleich am ersten Tag, Schnee, Regen, Schlafmangel und diverse Verletzungen forderten schon bald ihren Tribut. Nach nur zwei Tagen war ich der einzige, der übrig blieb! Ausgerechnet der jüngste und unerfahrenste im Starterfeld. Bei der Premiere vor einem Jahr kamen von vier Startern immerhin zwei ins Ziel. Die 3. Etappe hätte auch mir beinahe das Genick gebrochen. Wegen einer Schleimbeutelentzündung wurde nach der Hälfte der Strecke ein Arzt konsultiert. Dieser hatte kein Herz für Ultraläufer und wollte doch glatt mein Bein in Gips legen! Ehe er begriffen hatte was los war, stürmte ich aus der Praxis und war wieder auf der Piste.

Von den verwegenen Gestalten auf Österreichs Landstraßen verbleibt ein einziger Jungextremist ... allerdings nicht ganz ohne kleinere Probleme

Die 4. Etappe von Leogang nach Radstadt, mit nur 88 Kilometern die einzige unter hundert, hatte den Status eines "Ruhetages". Zwei Drittel der Etappe ist bereits in den Asphalt getreten, da passiert eine Panne. Als ich so im Ultraschlappschritt, geistig schon im Nirwana, über Österreichs Landstraßen schlurfe, finde ich mich plötzlich auf dem Seitenstreifen einer Autobahn wieder! In meinem benebelten Zustand denke ich mir nichts dabei und trotte weiter vor mich hin. Überraschenderweise verhalten sich die Autofahrer äußerst passiv, kein Gehupe oder Geplärre. Bis nach rund vier Kilometern das Betreuerfahrzeug auftaucht, mich einsammelt und zur Laufstrecke zurück bringt.

Kaum zu erkennen: Fuß oder nur noch Blase? "Fühle nichts - nur Schmerz" - für die Kronen Zeitung ein gefundenes Fressen Siegerehrung in Rust

Auf dem Beifahrersitz ein Reporter der Kronen Zeitung, der eine Story über den Austria Cross machen will. Und das war natürlich ein gefundenes Fressen! Ich muss wohl beim anschließenden Interview irgendeinen Blödsinn von mir gegeben haben, denn tags darauf erschien der Artikel mit dem herrlichen Titel: Geistermann auf Autobahn: "Fühle nichts - nur Schmerz". In meiner langjährigen Ausdauersportkarriere konnte ich viele kuriose Titel sammeln, aber der Geistermann blieb ein Unikum in meinem Extremistenportfolio.

Fotos © Stefan Schlett

Beitrag von Stefan Schlett

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Teil 12: Party in Beirut

Schon nach drei Kilometern machte sich der typische Schmerz an der Fußsohle bemerkbar. Bei Kilometer vier stand die Analyse: richtige Socken, richtige Einlage, falscher und dazu nicht eingelaufener Schuh. Panne beim Beirut Marathon! Kilometer 7 führte an meinem Hotel vorbei. Kurze Unterbrechung, rein in mein Zimmer, Fuß ausgepackt, kurz gereinigt, in meiner Verzweiflung ein Second Skin drauf geklebt und 10 Minuten später war ich wieder auf der Piste. Hoffnungslos! Bis zur Zielgeraden wurde es ein Gang nach Canossa, der mich für sämtliche Sünden des fast abgelaufenen Jahres büssen ließ. Im Umkleidezelt widmete ich mich dann in einer ruhigen Ecke dem Überraschungspaket: eine blutunterlaufene, aber noch intakte Monsterblase kam zum Vorschein. Was für ein Prachtstück! Wie in meinen besten Zeiten, als ich noch 1000-Meilen-Läufe und ähnlichen "Blödsinn" absolvierte.

Blom Bank Beirut Marathon 2012: May Faysal El Khalil, Gründerin und Präsidentin der Beirut Marathon Association, somit Chefin der größten Sportveranstaltung im Mittleren Osten, überzeugt sich selbst vom guten Gelingen

"Werkzeug" hatte ich keines dabei, also humpelte ich leicht angeschlagen ins Ärztezelt und musste die staunenden Sanitäter regelrecht dazu überreden, das Monstrum platt zu machen. Durch diesen Vorfall aufmerksam geworden erschien plötzlich May Faysal El Khalil, Gründerin und Präsidentin der Beirut Marathon Association, Chefin der größten Sportveranstaltung im Mittleren Osten. Die aparte Mittfünfzigerin, vierfache Mutter, einflussreiche Unternehmerin und Multimillionärin ist in der arabischen Machowelt eine Respektsperson.

Große Startfelder beim Minimarathon und auch bei den Erwachsenen trotz Regenwetter

Eine toughe Frau mit starker Ausstrahlung. Die Männer liegen der temperamentvollen Marathon-Diva und Trägerin der Laureus-Trophäe förmlich zu Füßen. Ich im übertragenen Sinne jetzt auch, aber auf der Krankenbahre. Sie entschuldigte sich für das Malheur. Ich winkte ab, sah die Blase als Souvenir und gratulierte ihr für die hervorragende Organisation.Sie lud mich spontan zur internen Abschlussfeier in eine der angesagtesten Discotheken von Beirut ein und stellte mir dafür Fahrzeug und Chauffeur zur Verfügung. Gesagt, getan. Nachdem der Chefarzt Jihad Haddad sein blutiges Handwerk vollendet hatte, fuhr ein eleganter Porsche vor und brachte mich ins Hotel.

Ob Europa oder Mittlerer Osten: Das Siegertreppchen ist fest in afrikanischen Händen

Abends ging's dann mit einem robusten Allrad-Mercedes durch den chaotischen Beiruter Straßenverkehr in eine sündhaft teure Top-Diskothek am Stadtrand. Der Fahrer erzählte mir noch, dass in Madame Mays Fuhrpark neben Porsche und Mercedes auch Audi, Bentley und Cadillac vertreten sind. Beirut ist bekannt für sein reges Nachtleben. Das Feiern liegt den Libanesen im Blut und ist ihnen auch nach Jahrzehnten blutiger Konflikte nicht abhanden gekommen. Zusammen mit den Ehrengästen Tegla Loroupe und Edwin Moses durfte ich dann eine rauschende Disconacht feiern. So wurde aus einer Sch… Blase ein Megaerlebnis!

May Faysal El Khalil, Chefin des Beirut Marathons, und Stefan Schlett bei der Pressekonferenz Partytime nach dem Beirut Marathon (von links nach rechts): libanesischer Journalist, Tegla Loroupe, Stefan Schlett, Edwin Moses & ein koreanischer Journalist Promi Edwin Moses war nicht allein auf der Party in Beirut

Ein Jahr später traf ich im Beiruter Marathonziel wieder auf Jihad Haddad, der als Medical- und Doping-Coordinator im Einsatz war. Stolz erzählte er, dass aufgrund meines Vorfalls dieses Jahr erstmals eine Podiatrische Abteilung für Fußkranke im großen Ärztezelt am Ziel installiert wurde…

Fotos © Stefan Schlett und Veranstalter

Beitrag von Stefan Schlett

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Teil 11: Splitterfasernackt

Prüderie und Puritanismus sind auch im 3. Jahrtausend omnipräsent. Bei den Arabern sowieso, denn die leben ja nach ihrer Zeitrechnung (der Islamische Kalender zählt das Jahr 1435) noch im Mittelalter. Aber auch in den eigentlich aufgeklärten Ländern der westlichen Welt herrschen nicht selten noch mittelalterliche Zustände. Vor allem beim Umgang mit der natürlichen (nicht provozierten) Nacktheit fehlt es da oftmals völlig am Gesunden Menschenverstand. Während ich in Frankreich und England wegen "Nudismus" aus der Sauna verwiesen werde, geschieht mir das gleiche in Deutschland, wenn ich mit Badehose im Schwitzraum erscheine - alleine schon aus hygienischen Gründen völlig logisch!

Trans-Amerika-Lauf 1992. Die USA - Kernland der westlichen Prüderie, der Heuchelei und des Konservatismus. Für freiheitsliebende Ausdauersportler Paradies und Feindesland zugleich! Großartige Landschaften, aber eine stockprüde Gesellschaft! Was hab ich da nicht schon alles erlebt. Läufer wurden von der Polizei festgenommen, weil sie ihr Training bei 35°C mit freiem Oberkörper praktizierten! Das gleiche wäre mir eines Tages beinahe am Strand passiert, als ich mich nach absolviertem Schwimmtraining einfach nur Umziehen wollte. Beim Trans-Amerika-Lauf musste der Renndirektor mehrmals intervenieren, weil Teilnehmer beim "Wildpinkeln" auf einsamen Nebenstraßen zufällig von übereifrigen Cops erwischt wurden.

 

Und selbst in unserer kleinen, verschworenen Gemeinschaft von Ultraläufern (28 Teilnehmer und eine handvoll Helfer), die im alltäglichen Etappenziel Zuflucht in mal mehr oder weniger großen Turnhallen als Nachtquartier fanden, vollzog sich der Kleiderwechsel mit akrobatischen Verrenkungen im Schutze des Schlafsacks. Dagegen standen die Deutschen, Österreicher und Schweizer jeden Morgen nackt auf ihren Matratzen, um das tägliche Ganzkörper-Ritual des Cremens, Ölens und Schmierens zu vollführen, was nun mal nötig ist bei einer Tageslaufleistung von 70 - 80 km und Temperaturen von 30 - 40°C. Da die Duschmöglichkeiten meist sehr begrenzt waren, warteten die wenigen weiblichen Begleiter so lange, bis ja kein Mann mehr in den Umkleidekabinen war. Heiliger Strohsack - der Herrgott muss sich doch etwas dabei gedacht haben, als er uns völlig nackt in diese Welt geworfen hat!

Den prüden Amis geben wir's, dachten ich und mein Betreuer Oliver, ein angehender Arzt, der täglich ein Drittel der Strecke mitlief. Unsere Stunde wird noch kommen! Und sie kam, bei Kilometer 2438 auf einer einsamen, gottverlassenen Landstraße in Kansas. Blauer Himmel, 32°C, kein Mensch, kein Vieh, kein Bulle weit und breit. Also, raus aus den Klamotten! Und dann liefen wir eine geschlagene halbe Stunde lang an der Verhüllungsfront durch "Feindesland" - SPLITTERFASERNACKT! Zwei laufende Sünder in "Gottes eigenem Land", dem Land mit den meisten und heftigsten Sexskandalen weltweit…

Fotos © Michael Hansmann

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Beitrag von Stefan Schlett

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