16.09.18 - 12. EAM Kassel Marathon

Begeisterung im Nordhessischen

von Wilfried Raatz 

Auch wenn die (zugegeben wenigen) eingefleischten Fachleute mit einem Auge nach Berlin zur Weltrekordhatz des Eliud Kipchoge und dem überaus starken Auftritt der drei Marathonladies Gladys Cherono, Ruti Aga und Tirunesh Dibaba mit Endzeiten unter 2:19 Stunden blickten, zwei Etagen tiefer gab es beim 12. EAM Kassel Marathon kleine, aber feine Leistungen, die nicht minder kräftig gefeiert werden durften. Schließlich sind es dort Weltmaßstäbe, nach denen eine gigantisch aufwändig organisierte Veranstaltung organisiert werden muss. Im Nordhessischen hat sich im Schatten der nationalen Großen nach Berlin wie Hamburg, Frankfurt, Köln, München oder Düsseldorf ein Laufevent gemausert, für das vorrangig ein Winfried Aufenanger steht, der nicht nur "Gott und die Welt" kennt, sondern auch das gewisse Händchen für feine Leistungen sportlich wie organisatorisch hat.

 
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Den Läufern gehören an diesem Sonntagmorgen die Kasseler Straßen - Nordhessen läuft … beim EAM Kassel Marathon
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Mit 8500 Meldungen weiß man in Kassel einen stetigen Zuspruch, die Wahl auf einen Herbsttermin ist trotz gewisser Risiken kein schlechter. Aber gibt es bessere? Sicherlich kaum, denn es kommt auf das Strickmuster an, das mit viel Liebe im Detail zusammengefügt und zelebriert wird. Mit dem Einzug ins Kasseler Auestadion, eine der Topadressen in Sachen (Stadion-)Leichtathletik-Meisterschaften, ist ein Schachzug gelungen, der praktisch mit nichts aufzuwerten ist.

 
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Sicherheit zuerst: Softstart beim Mini-Marathon mit routinierten PSV-Läufern Prolog für ein großes Lauf-Wochenende in Kassel

Die Stimmung im weiten Stadionrund ist nämlich erste Klasse, die Tribüne auf der Zielgeraden samstags bei über 3500 Mini-Marathonläufern und sonntags bei den Einläufen der Halbmarathon- und Marathonläufern nahezu vollbesetzt (!), HR1 bündelt zudem im Nordhessischen alle Kräfte und schickt mit Kai Völker einen Topmoderator in den Ring…

Titelsponsor EAM nennt keineswegs mit Übertreibung den Kassel-Marathon als ein "Kunstwerk aus Sport, Kultur und Sozial(engagement)", das ebenso in hohem Maße Energien freisetzt wie das Unternehmen selbst, das als Energielieferant in der Mitte Deutschlands seit über 80 Jahren unzählige Haushalte versorgt.

 
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Über 3700 Jugendliche haben sich beim Mini-Marathon eingeschrieben
Begehrter Zieleinlauf vor vollbesetzten Tribünen im Auestadion.
Laufbegeisterung pur I

"Es war ein schöner Ausflug nach Kassel", meint Tobias Schreindl, der seit einigen Jahren zur erweiterten Langstreckenspitze in Deutschland zählt und dabei, nach den Vorstellungen seines Trainers Günter Zahn, sowohl im Cross, als auch auf der Bahn und vorrangig auf der Straße unterwegs ist. D

em deutschen Marathonmeister 2014 und München-Marathonsieger 2015 gefiel natürlich der frühe Herbsttermin und damit der Trip von Passau nach Kassel, zumal seine Ehefrau Susanne den Halbmarathon als Generalprobe für ihr Marathondebüt in München nutzen konnte.

 
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Gebrauchte Laufschuhe für Kenia sammeln!
Veranstaltungsleiter Winfried Aufenanger gibt letzte Hinweise

Unter dem Strich durfte das Marathon-Ehepaar überaus zufrieden sein, als bester Deutscher im Marathonfeld gab es trotz nicht unbedingt zufriedenstellender Endzeit von 2:24:20 Stunden und Rang vier ein "nationales Bonbon", Susanne steigerte als Zweite ihre Halbmarathonbestzeit um gleich zwei Minuten auf 1:17:31 - und Coach Günter Zahn frohlockte: "Damit kann sie eine 2:45 in München laufen…." Und Susanne Schreindl war natürlich mehr als zufrieden mit dem Erreichten: "Klar, es ist etwas schade, dass ich so knapp am Sieg vorbeigelaufen bin, aber gegen die wie entfesselt nach 20 km losstürmende Sandra hatte ich keine Chance. Mit der Zeit bin ich natürlich absolut zufrieden!"

Hessen-(Halbmarathon-)express mit David Schön (2161), Florian Engel (2038) und Andrew Liston (2104) Beifall für die Halbmarathoncracks

Und der Überflieger heißt Sandra Morchner und hat sich katapultmäßig in den Vordergrund geschoben. Die 47jährige Bürokauffrau aus Wellingstedt auf Sylt läuft seit fünf Jahren und steigert sich, seit Winfried Aufenanger das Trainingsheft in die Hand genommen hat, von Rennen zu Rennen. In Hannover löschte sie mit 1:18:28 Stunden den deutschen W45-Rekord von Petra Maak aus, in Düsseldorf wurde sie überraschend DM-Marathonvierte in ebenso W45-Rekord von 2:46:54 - und steigerte nun beim Heimspiel ihren gerade einmal fünf Monate alten Rekord auf 1:17:12 Stunden.

Im grellen Gegenlicht ist die Halbmarathonspitze mit v.r. Karl Junghannß, Christian Schreiner und dem späteren Hessenmeister Ybekal Daniel Berye zu erkennen Starkes Quartett mit v.l. Filmon Habtemikael (6.), Hassan Jamalge (8.), Tom Ring (7.) und Philipp Stuckhardt (5.)

"Diese Zeit kommt für mich absolut überraschend", gesteht der für den PSV Grün-Weiß Kassel laufende Mastersstar, "ich bin einfach meinen Stiefel heruntergelaufen. Auf die Konkurrenz schaue ich wenig. Allerdings muss ich zugeben, dass Susanne und ich uns gut ergänzt haben". Als bei km 20 Udo Engelbrecht aus dem PSV-Betreuerteam das Kommando "jetzt musst du los!" geschrien hatte, gab es für Sandra Morchner kein Halten mehr. "Diese Rekorde konnte ich mir vor einem Jahr nicht vorstellen!" Einen weiteren Marathon hat das auf Sylt geborene "Nordlicht" nicht geplant, nach einem weiteren Halbmarathon beim "3 Länder-Marathon am Bodensee" geht es zum Relaxen nach Lindenberg in das Allgäu. Ohne Laufschuhe? "Das kann ich mir nicht vorstellen, aber wir nehmen die Räder mit…!"

Hessens zweitbeste Läuferin Anna Starostzik umgeben von einem Männerpulk Franziska Rachowski (4. der Hessenwertung) zusammen mit Hannes Dieterich

Das zweite überzeugend im Nordhessischen aufgetretene "Nordlicht" heißt Jessica Ehlers - und lebt in Kiel, wo sie Griechisch und Latein für das Höhere Lehramt studiert. Und läuft, was das Zeug hält. Im Frühjahr war sie beim Hamburg-Marathon mit 2:46:29 beste deutsche Läuferin, jetzt sprang sie als Dritte beim Kassel-Marathon auf 2:42:41 Stunden. Und begann dabei derart furios, dass sich selbst die favorisierten Afrikanerinnen um Sheila Kiplagat, Prisca Kiprono, Ethaga Bontu Belkele und Brendah Kebeya ein kleines Stück dahinter einsortierten. Auch wenn sie nach einer 1:19er Durchgangszeit bei Streckenhälfte im Schlussteil deutlich Tribut zollen musste, die neue Bestzeit steht! "Ich wollte auf jeden Fall unter 2:45 bleiben", sagte sie im Ziel zum ursprünglichen Plan. Vor Wochenfrist hatte sie übrigens bei "Kiel.läuft" mit 1:16:28 im "Vorbeigehen" noch eine Halbmarathon-Bestzeit erzielt.

Auf der Hafenbrücke Daniel Ghebreselassie (grünes Trikot/ 2211) mit Henrik Janßen (3. M45) , Stefan Kopp (2. M55) und drei Fuldaer Nachwuchsläufern

Die Marathon-Chronologie nun aber im Überblick: Aus der starken Dreiergruppe mit dem Kassel-Marathonsieger 2016 Edwin Kosgei, dem Bonn-Marathonsieger Dickson Kirui und dem überraschend stark mithaltenden Äthiopier Sisay Azew Tola fiel zunächst nach 33 km Kirui zurück - und das Tempo unvermindert hoch in Richtung Streckenrekord blieb. Nach 37 km war allerdings auch im welligen Schlussteil (Sandra Morchner sprach sogar von den "Kasseler Bergen") die Gegenwehr von Tola erlahmt - und Edwin Kosgei zog unvermindert mit hoher Schlagzahl in Richtung Auestadion durch.

Anfeuerung mit der Tröte Die Marathonspitze mit v.l. Dickson Kurui, Edwin Kosgei und Sisay Azew Tola Ein gutes Duo mit Tobias Schreindl (links) und Noureddine Mansouri

Nach 2:12:52 Stunden war es endlich Gewissheit, der von Joel Chepkonol seit 2010 mit 2:12:54 gehaltene Rekord ist Geschichte! "Am Schluss war es für mich schon sehr hart. Ich habe die letzten 10 km immer wieder versucht, auf das Tempo zu drücken. Und das ist mir gelungen. Der Äthiopier war heute wirklich stark, aber meinem ständigen Rhythmuswechsel konnte er dann doch nicht mehr folgen!" so der neue Streckenrekordhalter. Bravourös schlug sich Sisay Azew Tola, der mit 2:15:00 seine Bestzeit um gleich drei Minuten steigern konnte. Dann erst folgte Dickson Kurui (2:16:36).

Schnelles Frauentrio mit Sheila Kiplagat (1), Ethaga Buntu Bekele (31) und Brendah Kebeya (26) Alleine zur Bestzeit: Jessica Ehlers

Bei den Frauen setzte sich mit Brendah Kebeya in 2:36:44 Stunden eine "Fast-Deutsche" durch. Die 26jährige Äthiopierin lebt seit 2016 in Forchheim, startet für die LG Bamberg und ist mit Christian Bareiss verheiratet. "Ich hoffe, dass ich in Kürze meinen deutschen Pass bekommen kann", erklärt die Siegerin, die derzeit eine Ausbildung als Masseurin absolviert und fleißig Deutsch lernt. Das Kapitel Marathon möchte Brendah allerdings in diesem Jahr noch durch eine Nuance verlängern, sie liebäugelt mit einem Start beim Frankfurt-Marathon. Hinter der Äthiopierin Ethaga Bontu Bekele (2:37:51) folgte als Dritte dann bereits Jessica Ehlers, gefolgt von Sheila Kiplagat (2:48:57) und Prisca Kiprono (2:50:06), die kurioserweise hinter sieben Männern die Plätze 8 bis 12 der Gesamtwertung einnahmen.

Der Marathon konnte auch als Staffel bewältigt werden Rehamed Wilhelmshöhe mit Prominenz: EM-Starterin Laura Hottenrott (Zweite von links)

Bleibt noch ein Blick auf den Halbmarathon der Männer. Früh musste sich mit Jens Nerkamp einer der Favoriten aus der vierköpfigen Spitze verabschieden. "Nach meinem Marathondebüt in Düsseldorf bin ich in dieser Saison nicht mehr richtig in die Gänge gekommen, sodass auch meine Planung mit einer kleinen Bahnsaison ins Wasser fallen musste. Mir fällt es schwer, Tempoläufe zu machen, vielleicht bekomme ich aber noch die Kurve zu einem Marathonlauf zum Jahresende", zeigte sich der Kasseler Läufer etwas ratlos. Als Vierter des Gesamteinlaufes (1:08:47) musste er zudem seinem Vereinskollegen Ybekal Daniel Berye den Vortritt lassen, der mit 1:08:05 Stunden bei den zugleich ausgetragenen Hessenmeisterschaften Landesmeister wurde. An der Spitze zeigte einmal mehr der eigentliche Gehspezialist Karl Junghannß seine läuferische Klasse, in 1:05:29 Stunden holte er sich den Tagessieg vor dem Troisdorfer Christian Schreiner (1:06:10).

Der Streckenrekord ist greifbar für Edwin Kosgei Auf Rang vier wird Tobias Schreindl bester Deutscher So sehen Siegerinnen aus: Brendah Kebeya aus Forchheim im Trikot der LG Bamberg Eilt von Bestzeit zu Bestzeit: Jessica Ehlers wird Marathondritte in 2:42:41

Ein Laufass ging im Trubel der Ereignisse weitgehend unter. In der Rehamed Wilhelmshöhe-Staffel stand mit Laura Hottenrott sogar eine EM-Starterin, die allerdings wegen starker Seitenstiche frühzeitig den Marathonkurs verlassen musste. Inzwischen hat sie allerdings wieder Lauflust, ihre Masterarbeit abgegeben, eine neue Wohnung in Bochum bezogen - und möchte nun "die Saison 2019 gezielt angehen".

Erfolgreiches Lauf-Ehepaar Susanne und Tobias Schreindl mit Trainer Günter Zahn Veranstaltungsleiter und Trainer Winfried Aufenanger mit der neuen W45-Rekordläuferin Sandra Morchner
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Beim Kassel-Marathon ist die Spitze sicherlich sehr willkommen, aber zugleich spielt der Freizeit- und Breitensport eine wichtige Rolle. Deshalb sind die Deutschen Ökumenischen Kirchen-Meisterschaften ebenso eingebunden wie auch der Raiffeisen-Azubi-Cup oder die Hessischen vhs-Meisterschaften. Im Vorprogramm stehen die jungen Lauftalente im Mittelpunkt, die Begeisterung kennt dabei sowohl auf als auch neben der Strecke keine Grenzen. Charity-Projekte wie die "German Doctors", "Herzstück Familie" (Motto: "Wie langsam Du auch läufst - Du schlägst alle, die zuhause bleiben") und die Aktion "Gebrauchte Laufschuhe für Kenia" des einstigen Langstreckenläufers Bernd Breitmaier im Projekt "Complete Sports" runden einen sympathischen Marathon ab, der zudem noch Raum findet, um Sonderprojekte wie "Mit dem Rad zum Marathon" und Fahrrad-Parkplätzen weiteren Raum zu geben.

Bericht und Fotos von Wilfried Raatz

Ergebnisse www.kassel-marathon.de

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